US-Wahlen
in Germany
Demokratie in den USA, im Irak und in Deutschland besteht bei den wahrheitsbesessenen
Deutschen selbst vor der launischen Brise des öffentlichen Mainstreams nur als
logische Alternative von richtig oder falsch, gut oder böse, regierungsfähig
oder nicht.
Daß gestern die aktuellen Reden von Blair und Blix an einem Tag und hintereinander
veröffentlicht werden, ist im BBC möglich, nicht aber in einem der deutschen
Sender unserer Demokratie, die sich sonst aber als Lehrmeister der Demokratie
aufspielen.
Was ist denn Öffentlichkeit oder was ist Mainstream?
Diese Frage stellt sich gar nicht, als wäre dieses oder jenes hinreichend
bekannt, als Wert die Öffentlichkeit und als Dynamik der hirnlosen Hammelherde
jener Mainstream, als wäre dieses oder jenes als These, Theorie,
Denkbarkeit oder Dogma ein Standpunkt, wofür oder wogegen es nur Argumente zu
sammeln gälte, als die jeweilige Partei, Gemeinschaft, Gemeinsamkeit das
Erstere und als Objekt der Gegnerschaft und Feindschaft das Letztere das immer
Attribut der anderen ist.
Dabei ist die Vorstellung einer Unvereinbarkeit nur eine unvernünftige
Sackgasse.
Die Entwicklung der vorbildlichen britischen Demokratie zu einem durchaus vom
Kontinent beeinflussten Pragmatismus hatte es leichter, - wenn man von der
irisch-britischen Grenze absieht – weil der Allgemeingültigkeitsbereich jener berühmten
Magna Charta bis zum Parlament und zur unabhängigen Gerichtsbarkeit durch
natürliche Grenzen bestimmt wurde, wie sie für die übrige Welt erst langsam mit
der Globalisierung als die einzig positive und menschliche Regierungsform auf
unserem kleinen Planeten bewusst wird, - während insbesondere in Deutschland
mit den künstlichen Grenzen das Allgemeine als das Wahre oder die Wahrheit
sowohl theologisch, wie philosophisch quasi künstlich ideologisiert werden
musste als Vasallentreue, Patriotismus oder Nationalismus und Rassismus, wobei
gerade Ersteres das Oberhaupt unentbehrlich machte, dem man treu sein konnte, -
weswegen die Deutschen noch immer neidisch und fasziniert auf die restlichen
Königshäuser Europas blicken, oder wehmütig auf unseren einstigen Vormund, die
USA bzw. die Sowjetunion bis 1991, - wenn nicht gar latent auf den
gescheiterten „Führer“ von 1933.
Symptomatisch ist, dass sich nach der Verabschiedung der USA als Vormund die
Beitrittsfrage der Türkei in die EU insbesondere bei der CDU nun ideologisch
und theologisch stellt.
Dabei ist uns die Relativität der Gültigkeit und Wahrheit einer öffentlichen
Proklamation, sei sie nun als Anspruch der Veröffentlichung oder als Erwartung
an solche indirekt bzw. nur implizit enthalten, oder aber explizit formuliert,
z.B. in den Wahlzeiten, wenn es z.B. um das amerikanische Präsidentenamt geht
oder um einen deutschen Bundeskanzler, längst bewusst, zumindest mehr oder
weniger. Da wird vieles behauptet, bejaht und verneint, nur um der Gegenpartei
zu widersprechen. Die Logik wird zu Büttel der Rhetorik. Aber wir wissen, dass
sich die Parteien anschließend wieder zur „vernünftigen“ und friedlicheren
Realpolitik entsprechend zurücknehmen und Gegensätze wieder miteinander
vereinbaren müssen.
Was eine Demokratie von einer Diktatur grundsätzlich unterscheidet, ist dabei
der inzwischen wohl selbstverständliche Reflexionsschritt, was er zumindest
wohl sein sollte auch bei den Deutschen, dass man nämlich bewusst den
Proklamierenden und das Proklamierte voneinander unterscheidet, und dann beides
wiederum von dem jeweiligen Geschehen der öffentlichen Proklamation. In einer
Diktatur nach tausendjähriger Erfahrung werden die drei ja gänzlich
unterschiedlichen Aspekte traditionsgemäß deswegen als zusammengehörig und miteinander
fast identisch und zusammen als Gültigkeit und Wahrheit aufgefasst, weil ein
Vergehen gegen auch nur einen dieser drei Aspekte als Verstoß, Vergehen oder
gar Verbrechen gegen die Obrigkeit, gegen den König, den Fürsten oder gar gegen
die geltende „Weltordnung“ geahndet wurde, ob ich nun lache über den bunt
aufgeputzten Herold in seinem Stolz, oder über das, was er verkündet oder über
die Veranstaltung solcher Proklamation; in alten Zeiten – und selbst heute z.B.
gegenüber einem Saddam Hussain und seinen Lakaien und Herolden - konnte bereits
ein solches Lachen den Kopf kosten, aber auch überall noch im Islam, wo sich
die Religion nicht als Glaube an Gott sondern geographisch definiert oder
zumindest empfindet, bzw. die staatliche Obrigkeit als Wahrheit bzw. noch
schlimmer, die Wahrheit als staatliche Obrigkeit. Das Verfängliche weil das
Fanatische an solcher Gemeinsamkeit, die wir deswegen auch als Identifikation
empfinden und bezeichnen, liegt darin, dass dabei das eine dieser Aspekte als
Attribut des jeweils anderen nichts weniger ist, als zunächst unreflektiertes
Bewusstsein eben auch der Gemeinsamkeit.
Gerade die Deutschen haben in ihrer Obrigkeitshörigkeit und
Wahrheitsbesessenheit noch ein großes Stück Demokratie zu lernen, wobei es ja
noch zusätzlich gilt, eine Mehrheitsregierung zwar als Obrigkeit, aber eben
nicht als Wahrheitsinstanz einer Selbsterkenntnis und auch nicht als
Öffentlichkeit zu verstehen, und diese „Öffentlichkeit“ dann eben nicht auch
noch mit Wahrheits- und Gültigkeits- und Richtigkeitskriterien gleichzusetzen,
als wäre Demokratie ein Wahrheitsermittlungsautomatismus.
Es ist vielleicht verständlich, aber deswegen keineswegs verzeihlich, dass die
Deutschen nach den bitteren Erfahrungen noch immer jenes alte diktatorische
Obrigkeitsprinzip als einzig machbare Ordnung empfinden, und eine
Demokratisierung z.B. des Iraks als Ende jeder Wahrheit und Ordnung eben auch
dort im Grunde verneinen, weil sie die Iraker mit sich selbst vergleichen und
ihnen eine Emanzipation über solchen „eigenen“ Level nicht zutrauen, die sie
auch den normalen Deutschen noch nicht zutrauen. Und sicher zurecht.
Mit dem zusätzlich kindischen Bedürfnis, auch im Nachhinein rechtgehabt haben
zu wollen, wird in deutschen Medien fast übereinstimmend die einsetzende
liberale Veränderung nicht nur im Irak, sondern im ganzen Nahen Osten übersehen
und bestenfalls als Rückkehr zur „Vorkriegsnormalität“ bezeichnet, ARD, wobei
noch immer - nun ganz parallel zu Saddam selbst, - nicht der Diktator
sondern die Amerikaner als die eigentlichen Verbrecher in den Vordergrund
gestellt werden: Demokratisierung kann und darf nicht klappen, wie es auch der
letzte deutsche Kaiser glaubte.
So werden heute in der ganzen deutschen Presse einhellig die Argumente des
Waffeninspektors Blix ausgeführt gegen Bush und Blair, ohne überhaupt die
Gegenargumente von Bush und Blair zu erwähnen.
Natürlich war dieser Krieg zu vermeiden und Blix hätte noch 50 Jahre nach einem
kleinen Behälter mit Viren oder Bakterien suchen können, solange Amerikaner und
Briten auf eigene Kosten gegen die wachsende Kritik über die Sanktionen eine
Neuaufrüstung Saddams verhindert und die „gnädige“ Erlaubnis Saddams für die
Inspektoren erzwungen hätten.
Auf den größten Ölquellen der Welt und damit auf einem riesigen Geldsack
sitzend wäre es für Saddam nach einem Ende der Sanktionen und ohne solche
Kontrolle ein Leichtes gewesen, sich zu kaufen, was immer er wollte, und das in
der Nähe Israels und mit offen noch heute proklamierten Ansprüchen auf die
Territorien anderer Länder.
Auch die ganze islamische Welt ist erleichtert, dass dieser Wirrkopf von der
Weltbühne verschwunden ist und für seine Untaten bezahlen muß, - auch wenn man
aus Rücksicht auf das benachbarte Europa solchen Dank nur verholen ausdrücken
mag.
Solange die UNO handlungsunfähig ist, wie es sich auf dem Balkan, in Ruanda, in
Kaschmir und Afganistan, im Kongo und Sudan und in Südamerika zeigt, verlassen
wir uns ohnehin auf die USA, falls es uns mal selbst an den Kragen geht – und
desgleichen die halbe Welt.
Und das Mindeste wäre ja wohl, sich an den Kosten der Koalitionsstaaten zu
beteiligen, wenn man sich schon nicht selbst die Finger schmutzig machen will.
Und wo immer man solchen Schmutz wie Saddam anfasst, bekommt man schmutzige
Finger. Aber wo nicht, bekommt man eine schmutzige Moral.
FS, den 17. Juli 2004