Drei
Tage in Paris als Tourist, der Alptraum und Traum;
Wohlverhalten
als Apokalypse oder als die Zukunft der Menschheit.
Man
fragt sich:
Gewinnt
im Bewußtsein von einer bald 7 Milliarden-Menschen-Welt, der einzelne Mensch an
Wert und Bedeutung, d.h. verliert er nicht noch weiter – oder wieder -
proportional zur Menge an Wert, wie in den Großreichen der Syrer, Perser,
Römer, Vandalen, Kaiser, Könige, Führer und Diktatoren?
Wert
in einer vernünftigen Bedeutung kann dabei nicht heißen, Wert gegenüber den anderen
oder gegen den anderen oder gegen andere, wie im traditionellen
Sippenbewußtsein und in der Provinz, wo der andere eben nur Funktion, Rivalität
und Ansporn, Gefahr und Unsicherheit bedeutet, sondern kann nur bedeuten: Wert
für und durch einander.
Aber
wie immer man einen solchen Wert des Menschen auch beschreibt oder auch nur
feststellt, bzw. eine Gesellschaft, durch die oder in der jeder Mensch einen
solchen Wert erhält – oder behält, es wird immer auch ein Wenn und Aber gegen
solche Konstatierung und gegen seine Wirklichkeit überhaupt geben.
Aber
dennoch bedeutet Paris ein zusätzliches positives und charmantes Vorzeichen für
jeden, der dort wohnt oder auch nur Tourist ist. Das Flanieren auf den Champs-Elysées,
oder die wahrhaft interkulturelle heimliche Euphorie am Abend in den Straßen
von Belleville beim Einkauf oder
Heimweg will ich als Beispiel für etwas hervorheben, das über das
materiell-soziale Mit- und Füreinander hinaus geht, das Handel und Wandel und
der Schutz durch die Gemeinschaft seit je ausmacht, weswegen Menschen in
Dörfern und Städten zusammenleben. Dieses zweckfreie Behagen der Zugehörigkeit,
die einfache Daseinslust durch die Gegenwart der anderen, mag ein jeweils
subjektives Gefühl und niemals messbar oder organisierbar sein, es ist als
weltweites Erlebnis menschlichen Daseins ein kostbares Geschenk der Menschen
aneinander.

Sprechen
wir also dabei von PX, für Paris–X, Phänomen-X, Pax-X oder Power-X, wie auch
immer. X steht dabei für diese weltweit bekannte aber undefinierbare Größe.
Wenn
wir allerdings für PX den großen theologischen Begriff - aller Weltreligionen -
einer Liebe zueinander dafür heranziehen, erleben – bzw. erkennen - wir
mit solcher – nicht nur begrifflichen - Konkretisierung des sicher irrationalen
und transzendenten PX sofort, dass dazu ein Maß an Freiheit plus Wohlverhalten
zueinander die Voraussetzung ist, wodurch die problematische ethische Dimension
sofort wie ein Knüppel, wie eine Drohung und wie ein dickes Fragezeichen an
solcher Qualität in den Fordergrund rückt und PX aus dem Bewusstsein und aus
der Realität zu verdrängen droht: Natürlich darf man auch nicht oder gerade
nicht in der Metropole Paris, auf den Champs-Elysées und in
Belleville die Taschendiebe, Betrüger und die menschlichen Tragödien hinter
den Fassaden der Häuser vergessen, nicht die Hungernden und Obdachlosen, nicht
die menschliche Härte und Verschlagenheit und nicht Laster, Mord und Totschlag,
was leider alles zur „normalen“ Metropole quasi hinzugehört. Der Abgrund des
Menschen ist im Bewusstsein dabei.
Dennoch
ist ein bestimmtes/unbestimmbares Maß an Wohlverhalten die Voraussetzung von
PX, und vor allen Dingen eine bestimmte/unbestimmbare Gemeinsamkeit in der
Definition dessen, was richtig und falsch, was gut und böse ist.
Aber
PX ist nicht durch Wohlverhalten herzustellen oder zu erzwingen, wenn auch im
alten Testament gelegentlich vielleicht etwas ähnliches als Folge des
Wohlverhaltens oder als Geschenk dafür versprochen wird; (Jer.33,11. Jer.
31,13. Jes. 61,7. u.a.) Aber PX ist nicht der Zweck der Religion und nicht
der Zweck aller Gebote und nicht Zweck des Wohlverhaltens. PX lässt sich nicht
durch Wohlverhalten herstellen, und Wohlverhalten nicht durch PX, weil sich PX
eben nicht handhaben lässt. Dennoch wird PX als Idylle und Normalität in allen
Kulturen genossen, in Shanghai, Singapur, Bombay, München, Rom, Mailand, Madrid
und Casablanca, - selten jedoch mit solcher weltweiten Erinnerungs- und
Anziehungskraft wir in Paris.
Wenn PX auch besungen und geliebt wird aber kaum je
definiert wurde, so ist neben einer bestimmten Zivilisiertheit und einem
bestimmten Wohlverhalten ein ebenfalls nicht unwichtiger Teil von PX durchaus
organisierbar, eben das, was Engländer und Amerikaner Shopping nennen. Und
dieses gibt es natürlich auch in Paris, und zwar in einer Dimension, die sich
auch in Amerika nicht schämen braucht. Ununterbrochen und 14 Stunden lang
strömt täglich eine breite Volksmenge ins « Centre
commercial » mit dem
unbescheidenen Namen „Créteil
Soleil“ im Südwesten von Paris. Eines von vielen. Dort gibt es alles.
In einer großangelegten Innenarchitektur, in der sauber und ansprechend
gestalteten Großzügigkeit öffnen sich die Herzen auch der Kinder und vor allen
Dingen auch die Geldbeutel.
Diese genau berechnete und unsichtbar gelenkte Volksmenge, von der man recht genau weiß,
wieviel Geld jeder hat und ausgibt und was ein jeder kaufen wird, macht wohl
schon wegen der Organisiertheit einen eher erschreckenden Eindruck, und man
wird als unbeteiligter Zuschauer zuerst wohl an den modernen Begriff
Konsumterror denken, der allerdings nicht durch diese Volksmenge sondern durch
die unsichtbare Organisation des Künstlichen ausgeübt wird. Durch unendliche
Mengen an Reklamesendungen wird zudem per Post, Fernsehen und Rundfunk jeder
Artikel angepriesen, der dort zu kaufen ist.
Dennoch würde ich – im Gegensatz zu PX - objektiv
sagen, dass diese moderne Form von Shopping eines einzigen Einkaufzentrums
durchaus Wohlverhalten erzeugt, und zwar mehr, als 20 Kirchen und Tempel mit
konzentrierter täglicher oder sonntäglichen Predigt leisten würden. Und dieses
Wohlverhalten strahlt in die Umgebung und ist keineswegs nur durch das
Wachpersonal und die Überwachungskameras an allen Ecken erzwungen. Die rein
statistisch jedem zuerkannte Wohlhabenheit erzeugt bei jedem das Wohlverhalten
des Wohlhabenden.

Natürlich ist dies Wohlverhalten ethisch nicht
weniger problematisch als PX, und nicht nur, weil es dort natürlich auch
spezialisierte Taschen- und Ladendiebe gibt, und nicht nur, weil dies
Wohlverhalten quasi nur dem Kommerz dient und vorgespannt wird, sondern weil es
im Grunde bei all denen Show, Unterordnung und Angepasstheit ist, bei denen es
nicht ohnehin selbstverständlich wäre. Dennoch bedeutet auch dieses
Wohlverhalten Zivilisiertheit und Komfort für alle Beteiligten. „Créteil Soleil“ scheint über Gut
und Böse.
Eine ähnliche Wirkung der durchaus positiven
Ausstrahlung an Wohlverhalten bewirkt das La
Defense, ein eigenes Stadtviertel, ein kleines Manhattan in Paris, das
unmittelbar an ein ehemaliges Slumviertel angrenzt, wenn auch bewusst wie eine
Kanzel über jenes erhoben und erhaben. Neben Kaufgelegenheiten befinden sich
dort Ministerien und Büros. Der Potsdamer Platz in Berlin wirkt dagegen eher
als ein administrativ abgewürgter Versuch bescheiden, - aber in der
Ausstrahlung auf die so oft gedemütigte Hauptstadt des neuen Deutschlands nicht
minder.
Wohlverhalten durch allgemeinen Wohlstand ist ohne
Zweifel eine urkommunistische Idee und ist seit Ludwig Erhard ein allgemeines
weltpolitisches Konzept auch der freien Wirtschaft.
Die ethische Problematik wurde von den Amerikanern
wohl am treffendsten bereits im vergangenen Jahrhundert dargestellt, wenn wir
uns fragen, ob jene beiden netten Damen aus „Arsen und Spitzenhäuptchen“ in den
Himmel kämen, wenn sie statt des Serienmordes an armen Bettlern und Obdachlosen
mit gleicher Liebe Bäume begossen oder Tauben gefüttert hätten, oder ob dieses
ethisch keinen Unterschied macht.
Man
fragt sich:
Gewinnt
im Bewußtsein von einer bald 7 Milliarden-Menschen-Welt, der einzelne Mensch an
Wert und Bedeutung, d.h. verliert er nicht noch weiter – oder wieder -
proportional zur Menge an Wert, wie in den Großreichen der Syrer, Perser,
Römer, Vandalen, der Kaiser, Könige, Führer und Diktatoren?
Wert
in einer vernünftigen Bedeutung kann dabei nicht heißen, Wert gegenüber den
anderen oder gegen den anderen oder gegen andere, wie im traditionellen
Sippenbewußtsein und in der Provinz, wo der andere eben nur Funktion, Rivalität
und Ansporn, Gefahr und Unsicherheit bedeutet, sondern kann nur bedeuten: Wert
für und durch einander.
Oder bestimmt die künstlich gestaltete Welt der
Zukunft den Wert des Menschen durch seine Kaufkraft und durch das dadurch
hergestellte Wohlverhalten?
Paris,
den 20. Jan. 2003, © Friedhelm Schulz