The
Error of Terror.
Serbien, Afghanistan, Irak und Palästina;
Die Ignoranz und Feindseligkeit gegen die UNO
(Stand vom 27. 9. 2003/ 4.Okt.03/Neuer Status / 28.Okt.03) /7.Dez.03 12.Dez.03 1. Febr. 04
Der von Menschen gemachte „Gottesstaat“.
Irrtum ist die Ansicht, dass Betrug, Angst und Terror politisch erfolgreicher und klüger ist, als Recht, Redlichkeit und Vertrauen.
Kam die Idee zu „Glasnost und Perestroika“ aus dem Islam - beim Kampf in Afghanistan gegen die UDSSR? (So hätte es aber ein müssen, wollte man zurecht behaupten dürfen, dass die UDSSR in Afghanistan durch den Islam besiegt worden wäre.
Die Intervention gegen Saddam wurde längst durch den Irak selbst legitimiert. Wie aber muß eine Reform der UNO aussehen, damit nicht gerade durch diese die Staatsraison auch übelster Art über alle und auch gegen alle Menschenrechte legitimiert wird?
Natürlich ist es Folge eines mangelhaften
Religionsunterrichts in deutschen Landen, dass die „Grünen“ als chaotische
Neulinge in der Weltpolitik dem Phänomen der Religion völlig verständnislos
gegenüberstehen, als handele es sich bei religiösen Eigenschaften um
Determinanten, die den religiösen Menschen zum blinden, berechenbaren und
steuerbaren Zombie machen. Es sind denn auch die Grünen, die mehr oder weniger
sogar wörtlich nicht die Terroristen für die schrecklichen
Mordanschläge anklagen und verantwortlich machen und auch nicht das
palästinensische Parlament, sondern Israel und die USA, womit –wie ich hoffe
gedankenlos - nichts weniger als Öl ins Feuer des Terrors gegossen wird; denn
Schuld und Verantwortung landet somit immer bei den USA und Israel und
legitimiert den Terror, als zöge der Terror mit dem Friedensappel am gleichen
Strick. Natürlich wird man gegen solche Vorwürfe von einer unabhängigen
Parallelität sprechen. Dennoch sind es genau solche Terroranschläge, die das
Leben von US- und UNO-Beamten und vielen unschuldigen Israelis, Pästinensern
und Irakern kosten, durch die das Scheitern der USA und der Friedensbemühungen
den naiven Europäern und Irakern demonstriert und herbeigeredet werden soll,
womit die Saddams, Arafats und deren Terror als legitim oder als ganz besonders
klug dastehen sollen.
Wie immer sich
die europäische Zankerei um Rechtmäßigkeit und Notwendigkeit der militärischen
Intervention der Koalition im Irak auch begründete, inzwischen haben die vielen
Nationen der Koalition unter Führung der USA durch die UNO das eindeutige und
einstimmige Mandat, dort im Irak für Ordnung zu sorgen, d.h. den
terroristischen Widerstand zu brechen und freie Wahlen für einen zivilisierten
Irak vorzubereiten. Der augenblickliche Terror im Irak richtet sich denn auch
nicht mehr nur gegen die USA und gegen die neuorientierten Iraker, sondern
gegen die Völkergemeinschaft und gegen jeden Rechtstaat, gegen jede
zivilisierte Ordnung überhaupt und trifft amerikanische Soldaten, aber
hauptsächlich islamische Bürger des Iraks
Das Palästinaproblem, soweit es von den
Terroristen als Vorwand für den Terror ausgegeben wird, und das von Arafat und
seine Terroristen durch Terror künstlich am brennen gehalten wird, ist der am
Ende vergebliche Versuch, die Weltgemeinschaft zu spalten, und führt am Ende zu
immer härteren Lebensbedingungen der Palästinenser, und zu immer härteren
Konzessionen, die von palästinensischer Seite schließlich doch gemacht werden
müssen.
Komme der Terror von Saddamtreue, von
Alkaida und Ben-Laden oder von Hamas, sie kämpfen nicht für einen Islam
der Freiheit, des Friedens, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, sondern für
einen Pseudoislam der Unterdrückung und des Terrors auch gegen das eigene Volk.
Sicher steht dahinter – wenn auch weit
im Hintergrund – ein Versagen der christlichen wie islamischen, aber auch der
jüdischen Theologen. In einer Welt der Religionen sollte es zum Grundwissen
eines gebildeten Menschen gehören, auch eines Atheisten, den Unterschied zu
kennen, zwischen dem, was ein Mensch einer bestimmten Religion ist, und dem,
wer er/sie ist, d.h. ob Funktion und Instrument oder ob Mensch.
Daß dahinter bei den naiven und dafür
blinden Politikneulingen menschenverachtender Größenwahn steckt, wird wohl kein
deutscher Journalist reflektieren, als seien die Iraker, das älteste Kulturvolk
des Westens, keine richtigen Menschen, die durchaus ein zivilisiertes und
ethisches Niveau und Bewusstsein besitzen, so dass man sie verantwortlich
machen könne.
Wenn z.B. in der Deutschen
Bundesrepublik eine private Organisation „X“ anfinge, Raketen herzustellen oder
zu kaufen und auf Frankreich bzw. auf französische Tankstellen in Deutschland
oder auf Polen bzw. auf polnische Tankstellen abzuschießen, dann wären nach
deren Diktion nicht diese Organisation „X“ und auch nicht die Bundesrepublik
dafür verantwortlich, sondern Frankreich und Polen, als müssten diese Länder
sich so verhalten, wie es die Terroristen wünschen.
Der religiöse Bush und auch der
UNO-Generalsekretär Kofi Annan reagierten dagegen logisch und richtig, beide
wissen und sagen auch, dass Verbrechen und Mord nichts mit Religion zu tun
haben: Es handelt sich um Mord und um kriminelle Verbrechen und man wird jetzt
und in Zukunft die Täter und Drahtzieher verhaften und bestrafen und jede
organisierte Kriminalität auch mit Gewalt bekämpfen. So auch der Außenminister
Fischer inzwischen. Die Terroranschläge sind Erpressungsversuche, durch die
gewissenlose Leute die Macht anstreben indem sie ein Gelingen zivilisierter
Verhältnisse im Irak und in Palästina verhindern. Deren religiöse Argumente
beinhalten allerdings entweder einen elementaren theologischen Irrtum, den es
theologisch zu verstehen und zu verdeutlichen gilt, oder um eine bewusste
Verfälschung oder Lüge, wie auch Saddam beim Islam und selbst beim Papst die
Legitimierung seines Terrorregimes versuchte.
So unhaltbar wie dies Argument gegen die
Intervention in den Irak, dass man dadurch den Terror selbst erst erzeugt habe
und dafür verantwortlich sei, sind auch die anderen Argumente, 1. dass Saddam
noch keine Massenvernichtungswaffen gehabt habe sondern nur die Pläne und
Absicht; 2. dass die Inspektoren solche Waffen und die Herstellung solcher
Waffen in einigen Monaten hätten finden und deren Entwicklung hätten verhindern
können, und 3. dass Saddam niemals in 45 Minuten solche Waffen hätte einsetzen
können.
Daß 120 000 Soldaten in drei Monaten die
Person und Menschengruppe Saddam im Irak noch nicht finden konnten, bestätigt
geradezu, dass auch hundert Inspektoren mehr als hundert Jahre ergebnislos
hätten suchen können, um ein Reagenzglas mit Viren oder ein paar Flaschen mit
Giftgas zu finden. Und dass man beides bis jetzt nicht gefunden hat, ist
geradezu ein Beweis dafür, dass sie versteckt wurden. Jedenfalls wäre es
weltfremd, nicht davon auszugehen, und es wäre weltfremd, Saddams einstigen
Beteuerungen zu glauben, er hätte keine Absicht gehabt, solche Waffen
auch einzusetzen. Und Gas und Viren freizusetzen benötigt nur einen Korken zu
ziehen oder den Gashahn aufzudrehen, also weit weniger als 45 Minuten.
Natürlich lassen sich viele berechtigte
Einwände gegen militärische Lösungen vorbringen. Daß sich die Jugend der ganzen
Welt gegen Krieg ganz grundsätzlich einig ist, ist ein positives Zeichen
unserer Zeit.
Wenn jedoch Bush der einzige ist, der
gegen den organisierten Terror, d.h. gegen die organisierte Kriminalität im
Nahen Osten vorgehen kann und will, - und bereits die Ausbildung von Kindern zu
Selbstmordattentätern ist kriminell, und deren strategischer Einsatz ist ganz
unabhängig von etwaigen politischen Zielen ein Verbrechen -., schlimmer noch,
als Hunde darauf zu dressieren, Menschen zu töten, dann wird man Bush auch das
Recht für die eigene Strategie zugestehen müssen, nämlich erst mal Einfluß durch
Präsenz in dieser Region zu bekommen.
Und wenn ein Despot, der an einer
praktisch unendlichen Geldquelle sitzt, trotz Sanktionen und gegen Vertrag und
Versprechen selbst nach jahrelangen Kontrollen im Land und aus der Luft, was
auf die Dauer kein Staat der Welt finanzieren kann, nach den Worten und
Protokollen der Inspektoren tausendfach begonnen hatte, chemische und
biologische Massenvernichtungswaffen herzustellen und damit Raketen zu
bestücken, dann ist es ein Gebot der Vernunft und Verantwortung, ihm diese
Möglichkeit entgültig zu nehmen.
Der Waffeninspektor RITTER (in einem Interwiev mit dem
Journalisten William Rivers Pitt in „Krieg gegen den Irak“,KIWI) :
Wenn man Richard Butler reden hört, müsste man meinen, biologische
Waffen seien ein »schwarzes Loch« und wir wüssten gar nichts darüber. Aber bei
der Durchsicht der Protokolle zeigt sich, dass wir doch einiges wissen. Wir
haben mehr Produktionsanlagen für biologische Waffen kontrolliert als sonst
etwas — über
tausend Einrichtungen, ein paar hundert davon sogar mehrmals.
Wir sahen uns derselben Schwierigkeit gegenüber wie beim Programm zur
Produktion von VX: Die Iraker brauchten vier Jahre, bevor sie überhaupt
eingestanden, ein Programm zur Herstellung biologischer Waffen zu haben. Sie
bestritten es von 1991 bis 1995, und im Sommer 1995 gaben sie es schließlich
zu.
Sie haben es nicht nur versucht, sie haben tatsächlich etwas produziert — und zwar vor allem Anthrax, den Milzbranderreger, in flüssiger Form. Sie produzierten auch eine beträchtliche Menge flüssiges Botulinumtoxin. Es gelang ihnen, das eine wie das andere in waffenfähiger Form herzustellen, und sie bestückten Sprengköpfe und Bomben damit. Eine Zeit lang leugneten sie alles. Als sie es 1995 schließlich zugaben, machten wir uns daran, die Fabriken und die für die Produktion notwendige Ausrüstung zu zerstören.
Die Argumentation, dass die Intervention
im Irak nichts mit dem Terror im Nahen Osten zu tun habe, geschieht wider
besseres Wissen.
Daß diese kriminellen Organisation nun
einen Erfolg fürchten und durch die Eskalation von Terror einen solchen zu
verhindern suchen, kann Bush nur darin bestärken, auf dem richtigen Weg zu
sein. Wie sich zeigt, werden diese kriminellen Terrororganisation um Arafat offensichtlich
nur gewaltsam zu beseitigen sein. Ihre gewissenlose Menschenverachtung zeigt
sich bereits darin, dass sie ihre eigenen Kinder und Jugendlichen opfern, ganz
abgesehen davon, dass sie wahllos unschuldige Menschen töten und in aller Welt
töten wollen, sowohl Moslems wie auch alle anderen. Noch nie in der
Menschheitsgeschichte wurde Religion derart verbrecherisch missbraucht. Es ist
die dunkelste Zeit des Islam bzw. eines Pseudoislams, was es im Folgenden zu
verstehen gilt.
Zivilisation und Staat.
Zivilisation setzt sicher ein bestimmtes ethisches Niveau und eine bestimmte Vernunft voraus, ganz unabhängig davon, ob jemand religiös ist oder nicht. Dennoch oder gerade deswegen ist es theoretisch und praktisch immer möglich, dass jeder Mensch zu einem Sniper oder Heckenschützen, dass jeder zum Erpresser, Kriminellen und Mörder werden kann, wenn er will. Der für jeden Autofahrer freie Zugang z.B. zur Autobahn beinhaltet das Risiko, dass jemand mit oder ohne Absicht einen Unfall verursacht.
Sowohl Verfassung, bürgerliches Gesetzbuch, Polizei wie ein unabhängiges Gerichtswesen sorgen dafür, dass all dies nicht in Anarchie, Despotismus und Tyrannei ausartet, dass also nicht Kriminelle die Macht übernehmen und überhand gewinnen und das Zusammenleben bestimmen, wo dann Unrecht das Zusammenleben bestimmt. Denn ein zivilisiertes Zusammenleben setzt gegenseitiges Vertrauen voraus, in einer zunehmend vernetzten und voneinander abhängigen Staatengemeinschaft auch Vertrauen zwischen Staaten und Religionen.
Wir verdanken es den Großmächten Russland, China und den USA, dass die Welt mit dem Ende des kalten Krieges friedlicher geworden ist.
National oder religiös motivierte Erscheinungen wie die Arafats Hamas wird es immer mal geben. Es wird in einer freien Welt immer auch Betrug, Raub und Mord geben von Betrügern, Räubern und Mördern. Statistisch gesehen müssen wir beim gegenwärtigen Terrorismus von weltanschaulichen Unfällen sprechen, von einem Epiphänomen der weltanschaulichen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts.
Weltanschaulich gehört im Pflanzen und Tierreich die Fähigkeit zu tarnen, zu lügen und zu betrügen zur Qualität im evolutionären Lebenskampf als Fressen und Gefressenwerden. Dort ist es natürlich. Aber der Mensch ist keineswegs natürlich in diesem Sinne, sondern heilig vor Gott und angesehen von Gott.
Natürlich gibt es überall auch Menschen, die nicht nur das Verhältnis zwischen Menschen sondern auch das zwischen Staaten und selbst Religionen nur in diesem tierischen Sinne der Existenzperspektive „Fressen“ oder „Gefressenwerden“ verstehen oder im Sinne der Rangordnung des Hühnerhofs oder des Affenstalls handeln. Diesen Unterschied zu sehen ist einfach und seit Jahrtausenden bekannt und selbstverständlich. Alle Religionen versuchen den Menschen aus jenem Teufelskreis heraus- und zu einem vernünftigen Miteinander hinzuführen. Auch für einen Atheisten ist es selbstverständlich, dass ein vertrauenswürdiger Mensch von höherer Qualität ist, als ein Betrüger und Mörder; und dass ein Betrüger am Ende auch das Gesicht und den Ruf des Betrügers, des Asozialen und Minderwertigen behält und damit seinen Wert verliert und vor ein nationales oder internationales Gericht gehört, gehört mit zu den positiven Entwicklungen der Gegenwart.
Daß Menschen trotz dieser Einsicht dennoch immer wieder in die alte Bosheit und Verschlagenheit, in Betrug, Gewalt, Krieg und Terror zurückfallen, ist jedoch weit komplizierter als es nur mit den Worten „primitiv“, „ungebildet“, „dumm“ und „asozial“ zu begründen wäre.
Natürlich müssen wir versuchen zu verstehen, wie es zu solchen Entartungen, besonders zu solchen religiösen Entartungen kommen kann.
Staat und Religion.
Nicht alles, was durch das bürgerliche Gesetz nicht verboten oder was sogar ausdrücklich erlaubt ist, muß auch vor Gott, vor dem Mitmenschen und vor dem eigenen Gewissen erlaubt sein, wie z.B. der Selbstmord, der übermäßige Verzehr von Alkohol und Tabak, wie Ehebruch, Lüge, wie Gotteslästerung, Irrtum und Irreführung und viel andere ethische Barbarei nicht verboten ist. Diese Liste der nicht verbotenen oder sogar erlaubten, ethisch aber fragwürdigen bis schändlichen Handlungen in der modernen Zivilisation ließe sich unendlich fortsetzen. Und die einstigen wie heutigen Gegner einer grenzenlos säkularisierten Staats- und Rechtsordnung fürchten ohne Zweifel nicht grundlos, dass das ethische Gewissen und selbst der normale Anstand verkümmert, wo das Gewissen und der normale Anstand weder in der Erziehung der Kinder und in ihrem Verhalten noch im normalen Umgang der Menschen miteinander zum einen dem Belieben des Einzelnen selbst überlassen wird, und zum anderen, dass sich der Einzelne als Objekt und Opfer ganz auf sich selbst gestellt gegen solche Barbarei durch andere wehren muß. Muß solche Rechtlosigkeit und Religionslosigkeit außerhalb der ausdrücklichen, bürgerlichen Rechtsprechung nicht zurückführen in die vorchristliche und vorislamische Barbarei, die allzu leicht vergessen wird. Ist nicht Angst und Skepsis vor dem straffreien Missbrauch solcher Freiheit ganz berechtigt, wenn z.B. ärmere Staaten angesichts grausamer Beispiele in der Welt der Gegenwart fürchten, dass ihre Länder von den Bürgern reicherer Länder nur als billiges Bordell und als billige Beute, dass Vertrauen zum Betrug benutzt wird? Daß der Ärmere und Ungebildetere, dass der fromme Mensch der Willkür und dem Missbrauch durch den Reicheren und Gebildeteren ausgeliefert wäre?
Im sukzessiven Prozess der Säkularisierung, der weitgehend mit staatlicher Gewalt und teils gegen den Anspruch religiöser Institutionen, die Rechtsprechung bestimmen zu können, stattfand, wurde die „normale“ Gewissenhaftigkeit und Anständigkeit der Menschen einfach als selbstverständlich vorausgesetzt, einmal, ohne solche Selbstverständlichkeit zu begründen, und zum anderen, ohne diese und das menschliche Gewissen zu definieren, ohne das ein zivilisiertes Zusammenleben in der Tat nicht möglich ist.
Teils gestand der Staat deswegen den religiösen Institutionen weiter das Recht auf die allgemeine Erziehung zu und förderte solches Recht, das im Grunde auf ein jeweils persönliches Pflichtbewusstsein religiöser Menschen beruht und ein solches anspricht, teils behinderte oder verbot man sogar solchen Institutionen die religiöse Einflussnahme auf die Gesellschaft, weil man zum Teil glaubte, dass deren Begründung eines ethischen Verhaltens überholt, schlicht falsch und nichts als Aberglaube war, oder weil man die religiösen Institutionen als subversive und staatsfeindliche Kräfte fürchtete.
Im Grunde geht man bis heute nur von einer negativen Definition normalen Anstands aus, daß also der normale Mensch gewissenhaft und anständig einfach ist, und dass erst Not, ungerechte Verhältnisse, falsche Erziehung, Irrtum, mangelnde Bildung oder Krankhaftigkeit ein Fehlverhalten verursachen. Teils nimmt man sogar kriminelle Veranlagung und eine bestimmte falsche Genstruktur an als Ursache von Fehlverhalten.
Unklar, dunkel und tief ist bis heute der Abgrund von Unklarheit zwischen Lohn, Rache und Strafe auf der einen Seite als pädagogisches Mittel der Motivation und Abschreckung aufgrund der demonstrierten und erfahrbaren und berechenbaren Logik „wenn ich dieses und jenes tue oder lasse, wird mir dieses oder jenes geschehen,“ wie es alle Religionen proklamieren – auf der einen seite und dem normalen, natürlichen und selbstverständlichen Anstand z.B. zwischen Menschen mit zivilisiertem Verhalten auf der anderen Seite, das im bürgerlichen Gesetzbuch undefiniert vorausgesetzt ist. Strafe gilt bei Letzterem zur Abschreckung, Isolierung und zur Besserung des quasi Abnormalen.
Was die bisherige Skizze von Ethik und Religion und auch die folgende nicht ersetzen kann, und auch nicht der nachstehende Aufsatz von Prof. Dr. Hermann Häring, „Konflikt- und Gewaltpotenziale in den Weltreligionen.“ nämlich die ausstehende begriffliche Klärung und Definition, sondern nur andeuten kann, ist jener Abgrund von mangelndem Verständnis der beiden grundverschiedenen Arten von Verhältnis sowohl des Menschen zu Gott wie des Menschen zum Mitmenschen, wobei einerseits quasi ein Handel stattfindet mit Gewinn oder Verlust, mit Lohn oder Strafe, Drohung und Versprechung, Lob oder Tadel gegenüber Gebot und Verbot bzw. eine kausal rechnende, berechnende Strategie, wobei andererseits aber ganz ohne solche Aufrechnung, also ohne Strategie und Berechnung und Spekulation also ohne solchen Handel der normale Anstand das Verhalten bestimmt, also Redlichkeit, ganz normale Rechtschaffenheit, wie es etwa die in allen Religionen genannte goldene Regel umschreibt, bei der es nicht um Lohn oder Strafe geht.
Wir dürfen diese beiden Seiten sozialer Wirklichkeit, die wir in jeder von Religion bestimmten oder aus der Religion hervorgegangenen Kultur vorfinden, keineswegs etwa als negativ und positiv gegeneinander stellen bzw. in der Qualität aneinander messen; und ganz sicher sollten wir die beiden Seiten nicht überschätzen und überbewerten, so sehr sie auch die Qualität des sozialen Miteinander bestimmen und unbestreitbar einen liebgewordenen Komfort des alltäglichen Lebens darstellen, im sog. christlichen Abendland, im Islam oder in den buddhistischen, hinduistischen, taoistischen Kulturen, und nicht anders in den sog. „zivilisierten“ Gemeinschaften, die sich ganz bewusst als „aufgeklärt“ und „säkularisiert“ und von der Vorherrschaft und Vormundschaft religiöser Doktrinen befreit und unabhängig definieren und sich auf Verfassung und Strafgesetz berufen.
Denn sowohl innerhalb wie außerhalb beider Seiten haben sich von Beginn dieser Religionen bis zu unserer Zeit sowohl sukzessive wie auch plötzlich entscheidende Kriterien verändert, was – scheinbar paradox – auch diese Verständniskluft zwischen beiden Seiten vergrößert: Sukzessiv sind in den Jahrhunderten unsere Erfahrungen und damit zum einen die allgemeine Menschenkenntnis wie zum anderen auch die Kondition zum analytischen Denken gewachsen. Dies ist nur dann eine positive Entwicklung, wenn Erfahrung und Verstand nicht die Qualität der Feindschaft der Menschen gegeneinander verschärft. Zum anderen finden sich mehr oder weniger plötzlich und unerwartet die verschiedenen Sozialisationen, Kulturen und Religionen miteinander in einem endlichen Raum, über den hinaus es weder ein Ausweichen voreinander gibt noch die Möglichkeit einer Abgrenzung voreinander. Damit bekommt scheinbar der geographische Raum einer Religion und Kultur für deren Existenz plötzlich eine ganz neue und entscheidende Bedeutung, die vorher und ursprünglich im Wesen inhaltlicher und nur das Denken und Tun der Menschen in ihrer Gemeinschaft betreffender Art gewesen ist, - so als spielten (heute) die kurzlebigen und zufällig existierenden Menschen innerhalb einer Religion. Kultur oder Zivilisation gegenüber dem geographischen Gültigkeitsbereich nur eine untergeordnete Rolle. Damit scheint für eine Religion als ganz sicher negativer Effekt dieser Entwicklung Raum und Zukunft von größerer Bedeutung geworden zu sein als Mensch, Gott und Gegenwart, obwohl gerade die großen Religionen darüber hinaus weisen. Ohne Zweifel ist dies ein Rückfall in archaischen Animismus, wo Geister und Götter in Bergen und Gegenden lebten und davon abhängig waren. Als positiver Effekt der Globalisierung hat sich das Selbstverständnis des Menschen emanzipiert und aneinander orientiert und angeglichen wie auch die Vorstellungen von Gott in einer neuen Weise unabhängig von der jeweiligen Religion, Kultur und Region sich einander nähern.
Beides – die gewachsene Intelligenz zum Bösen, wie zur Vernunft - finden wir auf beiden Seiten jener Verständniskluft, sowohl auf der Gesetzesseite also, wo Berechnungen, Strategien und Entscheidungen für das Verhalten, also für Tun und Lassen gegenüber Menschen, quasi rationell zusätzlich zur jeweiligen Absicht noch oder nur von der dritten Instanz bestimmt wird, also von Verbot und Gebot und von der zu erwartender Strafe oder dem zu erwartenden Lohn durch Gott oder durch den gesetzgebenden Staat, wie dieser negative und auch positive Aspekt der Emanzipation auch auf der anderen Seite dieser Verständniskluft zum tragen kommt, wo das Verhältnis der Menschen untereinander als jeweilige Sozialisation der jeweiligen Kultur- und Religionsfarbe ganz selbstverständlich und ohne das Kriterium von Lohn und Strafe, sondern von Anstand, Rechtschaffenheit und Vertrauen getragen wird.
Diese Veränderung im allgemeinen wie im eigenen Denken und Verhalten wahrzunehmen und zu reflektieren, dass dies eben auch von anderen an einem selbst wahrgenommen wird, nämlich als Veränderung und als quasi neue Begrifflichkeit z.B. gegenüber alten Paradigmen und Argumenten, ist natürlich teils eine Frage der Emanzipation selbst, teils aber eine Frage der Wahrhaftigkeit, wenn immer wir z.B. im ethischen Sinne von Glaube, Pflicht und Gewissen sprechen.
Kann eine wörtlich genommene Forderung der heiligen Schriften über dem individuellen, also subjektiven Gewissen vor Gott liegen, und zwar als quasi als etwas empirisch Beweisbares?. Derartige absurde Vorstellung erlebten wir in der Vergangenheit und finden und erleben wir auch heute überall da, wo wir Fundamentalismus gegen jede normale Menschlichkeit wirken sehen, nicht nur beim hinterhältigen Mord unschuldiger Menschen, sondern bei jeder Entmündigung, Erniedrigung und Tyrannisierung von Kindern und Bürgern. Wider besseres Wissen derart bibeltreu, als seien die heutigen Menschen die Gleichen, wie vor 1500 oder 2000 Jahren. Unredlich auch dann, wenn die Neigung des Menschen zur Verschlagenheit und Bosheit heute wohl tatsächlich noch die Gleiche ist, wie vor der Christianisierung oder Islamisierung, wobei wir dennoch in einer humaneren Welt leben und vor der herzlosen Grausamkeit all dessen nur schaudern, was zu früheren Zeiten z.B. als das Leben oder als die Gerechtigkeit ganz normal war. Diese ganze Barbarei der biblischen Zeit auch in den Hochkulturen wie noch zur frühchristlichen Zeit war auch nicht das Thema Jesu und der Apostel, und deswegen ist auch der Verdacht verständlich, dass es gerade die Religiosität z.B. der europäischen oder arabischen Sklavenhändler war, der jenen solche barbarische Menschenquälerei ermöglichte.
Derartige Objektivierung religiöser Inhalte, wenn man darunter das Urteil über ihre Wahrheit versteht, bedeutet, dass man damit Subjektives objektiviert. Denn objektiv im empirischen Sinne z.B. an der heiligen Schriften ist nur die Tinte und das Papier, wie es Frege formulierte.
Alles andere ist subjektiv, nämlich all das, was ich aus den Formen der Buchstaben, seien es nun Laut- oder Farbformen, herauslese und deute. Alles, was ich aus heiligen und profanen Schriften herauslese, was ich im Elternhaus, in Schulen und Universitäten lernen könnte, ist ganz abhängig von der Struktur jeweils subjektiver menschlicher Erkenntnis überhaupt und der Erfahrung und dem Grad an Menschenkenntnis und damit auch dem der Selbsterkenntnis, die der jeweils Einzelne durch Erlebnisse und durch den Nachvollzug von Erlebnissen und durch die Kondition und die Konditionierung seines Denkvermögens, die Erfahrungen und Erkenntnisse ordnen zu können, gesammelt hat. Durch all dieses und mit diesem, das bei jedem einzelnen Menschen von Geburt an immer erst bei Null beginnt, ergibt sich erst die Intention menschlichen Urteilens, Handelns und Verhaltens. Was wir dennoch schließlich als – wiedererkennbare, nachvollziehbare - Weisheiten über die Jahrhunderte sammelten, ist der Versuch, das Korrelat von „Gut“ und „Richtig“, von „Böse“ und „Falsch“ zu einer einzigen Absicht des jeweiligen Verhaltens, Tuns oder Lassens zu ordnen. Nicht alles was ich für „Gut“ halte, muß auch richtig sein, nicht alles, was ich für „Richtig“ halte, muß auch gut sein. In gleicher Weise muß nicht alles, was ich für „Böse“ halte, auch falsch sein, wie nicht alles, was ich für „Falsch“ halte, auch böse sein muß. Dies kann man aus der Geschichte der Menschheit ablesen. Im Gegenteil, „Richtiges“ kann oft böse sein, bzw. „Falsches“ kann gut sein. Wenn z.B. in der Bibel oder von Mohammed an einigen Stellen im Koran erlaubt ist, den Ungläubigen zu verdammen, dann dürfte ein schlechter Prediger, oder sogar jemand, der „Falsches“ predigt, seine zurecht kritischen Zuhörer verdammen; dies wäre sicher eine biblisch zwar richtige und dennoch eine böse Reaktion (vergl. z.B. Lukas 10,12).
Grundsätzlich würde jede Religion zur Ideologie und zur Barbarei und Willkür verkommen, wo wir Menschen, wann immer wir die Verantwortung für unser Handeln haben, statt unserem normalen Gewissen und dem Gewissen vor Gott und unserem Glauben an Gott zu folgen, die Verantwortung an einen Text – und sei es auch ein heiliger Text - abgeben, mit dem wir unsere jeweilige Absicht begründen oder hinter dem wir unsere jeweilige Absicht verstecken und damit das Richtige einfach für gut erklären, bzw. das Gute einfach für richtig. Es ist ja nicht nur das bei jedem Menschen subjektive und unterschiedliche Denkvermögen, dass in jedem Fall – selbst bei der edelsten Absicht einer subjektiven Entscheidung – unterschiedlich sein wird, sondern ganz zu schweigen davon, wo der Mensch Gott einfach ignoriert und das Verständnis bzw. die wörtliche Auslegung der heiligen Schriften zur Rechtfertigung seiner privaten Absicht heranzieht oder gar zurechtbiegt.
Deswegen ist die bürgerliche Rechtsprechung unabhängig, damit sie von konfessionellen und religiösen bzw. theologischen Miß- und Vorurteilen frei ist. Dies bedeutet überhaupt nicht, dass damit das bürgerliche Gesetz über das biblische gesetzt würde, oder über den Koran. Deswegen unterscheidet die islamische Theologie auch strikt zwischen drei Ebenen,
Mit Letzterem, mit Religion, ist dabei in etwa das gemeint, um was wir Christen in der zweiten Bitte des „Vater Unser’s“ beten, um das „Reich Gottes“, und was ganz entsprechend keineswegs schon mit dem gleichzusetzen wäre, was wir heute Judentum, Islam und Christentum nennen. Die Vorstellung dieser Bitte um das „Reich Gottes“ oder um die „wahre Religion“ nach Mohammed kann man nicht einem menschlichen oder irdischen oder gar politischen Vorzeichen unterstellen bzw. unterordnen.
Nichtreligiöse Menschen und Publizisten der Gegenwart unterstellen solche Absicht aus Unkenntnis dem amerikanischen Präsidenten. Dieser wäre aber wohl niemals so weltfremd, die westliche Demokratie bereits als das Reich Gottes zu sehen, als das es die Weltherrschaft erringen sollte. Ihm geht es im Gegenteil darum, die terroristische Barbarei und Verirrung und damit weltweit organisierte Kriminalität zu bekämpfen, die sich wie die Mafia religiös rechtfertigt.
In dem nachstehenden Aufsatz „Konflikt- und Gewaltpotenziale in den Weltreligionen“ von Prof. Dr. Hermann Häring, ist sehr umfassend der ganze menschliche Kontext angedeutet, als der und in dem uns heute angesichts des Zusammentreffens und der Vernetzung aller Kulturen der Welt die Weltreligionen sowohl als Segen wie als Konfliktursache begegnen.
Wenig begriffen und beachtet in der Vielzahl der Schriften zum gegenwärtigen Stand der menschlichen Kulturgemeinschaft ist der eher weltanschauliche und erkenntnistheoretische Aspekt, nämlich Staat als Identität wie auch Sprache, Kultur und Religion als Identität zu sehen, dass man nämlich als Individuum eher komplex etwas Entsprechendes zu sein annimmt, statt nur etwas zu beabsichtigen, zu glauben, zu denken oder zu tun glaubt, dass man mit der Identität als Christ, Hindu oder Moslem, als Katholik oder Protestant, als Deutscher oder Franzose, als Kommunist oder Liberaler weniger eine Form oder einen jeweiligen Gedankeninhalt meint, sondern die durch solches determinierte Existenz.
Die Absurdität solcher Gleichsetzung sollte eigentlich theologisch zuallererst bewusst sein, dass nämlich Gott einen Menschen kaum wegen seines Geburtsortes, wegen seiner Sprache oder wegen seiner Eltern verantwortlich macht und es auch kaum gerecht sein kann, sich selbst und seine Religion, Nationalität oder Weltanschauung derart zu rechtfertigen wie einen anderen Menschen deswegen zu verurteilen. Die Absurdität eines Verhältnisses z.B. zwischen Vertretern unterschiedlicher Konfession wäre dann vergleichbar, als wenn ein Esel und ein Kamel sich durch ihre jeweilige Form nicht nur rechtfertigen und die eigene Art für die Richtige und die Alleinrichtige halten, sondern als wenn nun der Esel alle Kamele in Esel verwandeln wolle bzw. alle Kamele, die sich dieser Änderung widersetzen, töten würden, wie die Menschen die lästigen Mäuse, Ratten oder Mücken töten. Es liegt an der Struktur menschlicher Erkenntnis, dass wie die Wirklichkeit als reales Ereignis und damit die Identität eines Gegenstandes und damit auch die des Menschen nur als Ding und Eigenschaften wahrnehmen können. Ohne Eigenschaften ist das „Ding“, also irgend ein „Etwas“, nicht wahrnehmbar oder vorstellbar, wie auch die Eigenschaften nicht ohne das „Ding“. Entsprechend wird damit der Mensch reduziert zum Ding als Weltanschauung oder als Religion, bzw. die Religion wird zum Ding als menschliche Eigenschaft. Wegen mangelnder Einsicht in diese unsere Denkstruktur mussten noch im vergangenen Jahrhundert viele Millionen Menschen sterben, als man gegen eine Weltanschauung kämpfte, indem man die Menschen mit einer solchen einfach tötete. Die Forderung nach Meinungsfreiheit, Toleranz und Multikulti, was für ein friedliches Zusammenleben von Eseln und Kamelen durchaus sinnvoll und genügend wäre, kann für ein angebrachtes Verstehen des Problems und für ein vernünftiges Verhältnis zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Kultur, Nationalität oder Weltanschauung nur ein halber Schritt sein. Einen ganzen Schritt weiter in solchem Verständnis geht der Philosoph Prof. Dr. Gerold Prauss in seinem mehrbändigen Werk „Die Welt und wir“, ein wichtiger Schritt schon, der zur Allgemeinbildung gehören müßte.
Das Problem der
Religionen mit der Säkularisierung.
a. die außerreligiösen
Werte.
Angesichts der heute kaum verstandenen und insgesamt auch schwer verstehbaren Grundproblematik, stellt sich die Frage, wie der Mensch solche Fehler und weltanschaulichen Katastrophen, wie im vergangenen Jahrhundert vermeiden kann.
Das friedliche Miteinander von Menschen hatten wir durch zwei unterschiedliche Aspekte definiert, deren Zusammenhang weitgehend ungeklärt ist, auch wenn sich einzelne Staaten der Welt und seit 2003 auch die Europäische Union für beides zusammen eine Verfassung mit einer Charta der verabredeten Grundrechte gegeben haben: auf der einen Seite sehen wir dabei Gebot und Gesetz durch Religion und/oder Staat mit der kausalen und kalkulierbaren Konsequenz von Lohn und Strafe, und auf der anderen Seite ein normales, selbstverständliches Wohlverhalten, Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Anstand, was ein jeder – mehr oder weniger – als Sozialisation mit der Sprache und den kulturellen Umgangsformen durch Erziehung oder Anpassung übernimmt.
Ich denke, dass solche Ungeklärtheit die Ursache ist, einerseits für eine zunehmende Skepsis bzw. Religionsfeindlichkeit insbesondere gegen religiöse Institutionen und deren Anspruch, die Gültigkeit von Gebot und Verbot selbst durch Lohn und Strafe durchzusetzen, deren Entgleisungen in Vergangenheit und Gegenwart zu den übelsten Erfahrungen der Menschheit gehören, andererseits für eine zunehmende Skepsis von religiösen Menschen gegen den alleinigen Anspruch des Staates für jede Gesetzgebung und Strafverfolgung, als würden damit religiöse, insbesondere ethische Gesetze außer Kraft gesetzt. Die hedonistischen Tendenzen unserer Zeit und ihre Folgen wie AIDS mit vielen Millionen Toten, Vernachlässigung der Kinder, Egoismus und zunehmende Armut und Kriminalität usw. scheinen solche Befürchtungen zu bestätigen.
Der andere Aspekt des gesellschaftlichen Miteinanders, was die Qualität des Wohlverhaltens betrifft, der quasi ohne gesetzliche Regelung durch Staat oder Religion das Selbstverständlich-Normale von Redlichkeit und Anstand ausmacht, könnte theoretisch als die positive Alternative gelten zu dem Verhalten, das nur durch Gesetze mit Lohn und Strafe, Versprechung und Drohung funktioniert und dabei den üblen berechnenden Eigenschaften des Menschen ausgesetzt ist und solche noch verstärkt wie Bestechlichkeit, Korruption, Voreingenommenheit und all dem, was staatliche und religiöse Seiten sich gegenseitig zurecht vorwerfen. Realiter ist dieser Aspekt jedoch keineswegs eine Alternative. Im Gegenteil ist dieses Normale das Eigentliche des gesellschaftlichen Miteinanders.
Dieses Selbstverständliche, das ein Mensch zusammen mit der Sprache als Wesen und Teil der eigenen Identität annimmt, ist in der Struktur jedoch weit komplizierter als die Sprache; es ist in seiner Gültigkeit dennoch bestimmt von den gleichen Kriterien, wie Grammatik, Aussprache und Wortschatz der Sprache. Etwas ist deswegen richtig, weil alle es für richtig halten. Die Bezeichnung „Tisch“ z.B. für das bestimmte Möbelstück ist deswegen richtig, weil alle der Gemeinschaft es „Tisch“ nennen. Es handelt sich im gewissen Sinne um einen Trampelpfad, den alle deswegen benutzen, weil ihn alle benutzen, wie immer und warum immer er in all seinen Windungen auch entstanden sein mag.
Die Anzahl der Werte z.B. nach denen wir unter solchen Voraussetzungen werten und gewertet werden, übertrifft ganz sicher die Anzahl der Worte und Regeln einer Sprache, ob 30 000 oder 100 000 mit einem Vielfachen an konditionalen und kausalen Verknüpfungen. Jede Religion und auch die neue im Konsens vieler Völker erstellte UN und EU CHARTA der Menschenrechte ist dagegen nur ein grobes Raster. Dieses Selbstverständliche betrifft die Gestik, die Körperhaltung, die Kleidung, die Wohn- und Kochgewohnheiten usw. eben alles, was das Leben ausmacht. Habermas spricht zurecht von einer Kommunikation des Handelns, wenn er damit das Verhalten einschließt. . Habermas spricht von einem Universum öffentlicher Gründe.
So wie man unsere Sinne sowohl als die wunderbare Möglichkeit und Voraussetzung unserer Erkenntnis und unseres Bewusstseins aber zugleich auch als das Gefängnis unserer Erkenntnismöglichkeit sehen muß, so sind auch Sprache, Gewohnheit, Konvention, Kultur, Religion und Sozialisation sowohl die Voraussetzung und Qualität wie aber auch Zwangsjacke und Gefängnis einer Gemeinschaft, wobei es heute gilt und möglich und auch unvermeidlich ist, Letzteres angesichts der neuen Situation der Menschheit der vielen Sprachen und Kulturen zueinander zu öffnen.
Auf diesen unvermeidlichen Prozess wurde die Menschheit seit Jahrtausende durch die Weltreligionen vorbereitet, z.B. durch den Begriff oder die Fiktion einer gültigen Wahrheit und Gerechtigkeit, die für alle Menschen gilt, unabhängig von ihrer jeweiligen Zugehörigkeit zu ihrer jeweiligen Allgemeinheit.
b. Die Identität der Person als Übereinstimmung wie auch
als Einzigartigkeit.
Diese schier unendliche Vielzahl von „Werten“ des Alltags, nach denen wir werten und gewertet werden und unser Verhalten danach richten, die man natürlich nicht mit den modernen Grundwerten gleichsetzen kann, sind nicht starr sondern veränderlich und Zeit- wie regionsbedingt, oft uralt, von anderen überlagert und oft als solche gar nicht zu erkennen; und manche sind sicher nicht schmeichelhaft für eine Gemeinschaft. Die eigentliche Schattenseite wird aber erst später klar werden, wenn die unverzichtbare Funktion solcher Sozialisation auch für einen gesetzlich geregelten Staat deutlicher wurde.
Auch hier kann ich nur bei Andeutungen bleiben, was vielleicht in einer noch ausstehenden Gesellschaftstheorie weiter auszuführen wäre, wie sie etwa Jan Philipp Reemtsma in seiner Laudatio für Jürgen Habermas einfordert. (Edition Suhrkamp)
Nun besteht Kultur und Sozialisation nicht nur aus der Unzahl von Wertkriterien, nach denen wir werten und gewertet werden, sondern aus vielen anderen Elementen ähnlicher Gültigkeitsstruktur, wie die Sprache selbst, wie Hinweise, Warnungen, Hilfeersuche und –angebote, Instruktionen, Grußformeln, Regulierungen, Moden usw. aber auch Meinungen, Vorurteile, Weisheiten, Erkenntnisse, Lebensregeln usw. die in vielen Fällen nur indirekt Wertung bedeuten insofern als die Einhaltung der Form und Formeln zugleich Zugehörigkeit bedeutet. Denn Sozialisation bedeutet sowohl Anspruch auf Zugehörigkeit, wie auch das Recht, solche zu gewähren und zu verweigern und zwar immer legitimiert nach dem Kriterium der Übereinstimmung mit Allgemeingültigkeiten. Damit vertritt und konstituiert der Einzelne zugleich deren Gültigkeit und Allgemeingültigkeit. Derart ist Übereinstimmung generell als Zugehörigkeitskriterium zur jeweiligen Gemeinschaft auch ein Wertkriterium soweit mit der fehlenden Übereinstimmung einerseits Zugehörigkeitsverlust droht, eben auch darin, wo es nur darum geht, wie man etwas macht oder sagt, was man macht oder sagt, oder was man nicht macht und nicht sagt. Zum anderen resultiert das Bedürfnis nach Übereinstimmung keineswegs nur aus der Angst vor dem Zugehörigkeitsverlust, jedenfalls nicht nur, sondern in der Hauptsache, denke ich, aus einem tiefen Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und entsprechend aus dem Lustgefühl an der Übereinstimmung, die zugleich eigene Gültigkeit bedeutet. Dieses Lustgefühl als Befriedigung eines Bedürfnisses bestimmt als einfache Lebenslust die normale Kommunikation, bei denen es nicht, oder nur beiläufig um einen Wahrheitsdiskurs geht. Ehe aber solche normale Kommunikation des Alltags als nur oberflächliches Geschwätz abgetan wird, sollte man nicht übersehen, dass in den oft uralten Werten oder Orientierungsstrukturen auch uralte Erfahrungen, wertvolle Überlieferungen und Weisheiten stecken, die in den Formen und im formalen Verhalten quasi konserviert sind, - aber natürlich auch viel Unsinn und Aberglaube.
In einem äußerst komplizierten Prozess, den ich in meinem kunsttheoretischen Aufsatz „Der Staat“ näher beschreibe, standen verschiedene solcher Gemeinschaften mit ihren entsprechenden Alleingültigkeitsstrukturen seit je in einem gegenseitigen Distanzierungs- und Beeinflussungsverhältnis, das nach Habermas nur mit Gewalt, nach meiner Ansicht auf die Dauer jedoch niemals verhindert werden konnte.
Selbstverständlich ist Kultur im beschriebenen Sinne nicht reine Performance vorgegebener Formen. Sprache allein spricht nicht und spricht nichts. Der Alltag verlangt vom einzelnen Menschen ein entscheidendes Mehr, als nur normatives Übereinstimmen. Wie sich in jedem Gespräch zusätzlich zu dem „Was“ und dem „Wie“ des Gesprochenen auch der Sprecher selbst als Person erkennbar machen und damit alle Normen und Formen personifizieren muß, nämlich als das Entscheidende und als Fixpunkt jeder Glaubwürdigkeit einer Performance, so gilt dieses auch für alle übrigen Formen und Normen menschlichen Verhaltens innerhalb einer Kulturgemeinschaft. Die Krawatte, der Hut, die Jeans oder der Turban muß mit der jeweiligen Bedeutung getragen werden, denn die Bedeutung der Krawatte liegt nicht in der Krawatte. Nur als Performance wirkt dies lächerlich, wenn die Form, nämlich die Krawatte, der Hut, der Turban, wenn die katholische oder protestantische Performance z.B. des Abendmahls nicht als Überzeugung vertreten werden und als Wert demonstriert, konstituiert und als Wertung eingefordert wird. Personifiziert ist Übereinstimmung als Zugehörigkeit nicht nur Legitimierung für einen selbst, sondern ist zugleich das, wozu andere, nämlich die Allgemeinheit hinzugehört. Nicht nur die Demonstration der Form muß also gelingen, sondern neben der Selbstbehauptung mittels der Form und Konvention auch die Gültigkeit der entsprechenden Allgemeingültigkeit. Ein Misslingen wäre also eine Beschädigung der Allgemeinheit, weswegen sich diese sofort distanzieren würde.
Das bedeutet also, dass Handlung und Verhalten nicht nur als Performance stattfindet, so wie wir die Balz eines Pfaus wahrnehmen, sondern, dass sich in ihr die Person darstellt und auch behauptet, - ganz unabhängig davon, durch welches Thema und Intention und mit welchen Mitteln die Situation bestimmt wird.
Mit einfachen Worten: Es genügt nicht, die Krawatte zu tragen, sondern man muß quasi überzeugter Krawattenträger werden mit dem Wertanspruch und der Wertbehauptung des Krawattenträgers.
Und diese Person ist es denn auch, um die es den Religionen von Anfang an eigentlich geht, seit sich die Kulturen der Gegenwart begründeten, die eben nicht einen dialektischen Widerpart zur horizontal strukturierten, eben von einem Menschen an anderen Menschen orientierten, kulturellen, sozialen oder religiösen Identität der Übereinstimmung und Zugehörigkeit , sondern eine nicht nur ontische und logische, sondern zugleich auch physische und mentale Einzigartigkeit als unaustauschbare Alleingültigkeit darstellt, wie schon eingangs gesagt.
Hier ist es denn auch notwendig, eine andere Position einzunehmen, wie sie Jürgen Habermas in seinem Aufsatz „Glauben und Wissen“ (Suhrkamp) einnimmt, bzw. eine andere Definition zu versuchen, für das, wenn Habermas mit sehr feinem Empfinden von dem „naturalistisch nicht greifbaren Autonomiebewusstsein“ des Menschen spricht, das „auf der anderen Seite“ (der Wissenschaftlichkeit) „auch den Abstand zu einer religiösen Überlieferung begründet, von deren normativen Gehalten wir (die aufgeklärten Wissenschaftler und die aufgeklärten Menschen) gleichwohl zehren.“
An gleicher Stelle:
Säkularisierung in der postsäkularen
Gesellschaft (Habermas
in „Glauben und Wissen“ Suhrkamp, Seite 12-15)
Das Wort >Säkularisierung< hatte zunächst die juristische Bedeutung
der erzwungenen Übereignung von Kirchengütern an die säkulare Staatsgewalt.
Diese Bedeutung ist auf die Entstehung der kulturellen und gesellschaftlichen
Moderne insgesamt übertragen worden. Seitdem verbinden sich mit
>Säkularisierung< entgegengesetzte Bewertungen, je nachdem ob wir die
erfolgreiche Zähmung der kirchlichen Autorität
durch die weltliche Gewalt oder den Akt der widerrechtlichen Aneignung in den Vordergrund rücken. Nach der einen Lesart werden religiöse
Denkweisen und Lebensformen durch vernünftige, jedenfalls überlegene
Äquivalente ersetzt; nach der anderen Lesart werden die modernen Denk- und
Lebensformen als illegitim entwendete Güter diskreditiert. Das
Verdrängungsmodell legt eine fortschrittsoptimistische Deutung der
entzauberten, das Enteignungsmodell eine verfallstheoretische Deutung der
obdachlosen Moderne nahe. Beide Lesarten machen denselben Fehler. Sie
betrachten die Säkularisierung als eine Art Nullsummenspiel zwischen den
kapitalistisch entfesselten Produktivkräften von Wissenschaft und Technik auf
der einen, den haltenden Mächten von Religion und Kirche auf der anderen Seite.
Einer kann nur auf Kosten des anderen gewinnen, und zwar nach liberalen
Spielregeln, welche die Antriebskräfte der Moderne begünstigen.
Dieses Bild passt nicht zu einer
postsäkularen Gesellschaft, die sich auf das Fortbestehen religiöser
Gemeinschaften in einer sich fortwährend säkularisierenden Umgebung einstellt.
Ausgeblendet wird die zivilisierende Rolle eines demokratisch aufgeklärten Commonsense,
der sich im kulturkämpferischen Stimmengewirr gleichsam als dritte Partei
zwischen Wissenschaft und Religion einen eigenen Weg bahnt. Gewiss, aus der
Sicht des liberalen Staates verdienen nur die Religionsgemeinschaften das
Prädikat »vernünftig«, die aus eigener Einsicht auf eine gewaltsame
Durchsetzung ihrer Glaubenswahrheiten und auf den militanten Gewissenszwang
gegen die eigenen Mitglieder, erst recht auf eine Manipulation zu
Selbstmordattentaten Verzicht leisten. (Fußnote 1: J.Rawls, Politischer Liberalismus, Frankfurt/M. 1998, S. 132-141; R. Forst, ,"Toleranz,
Gerechtigkeit, Vernunft", in: ders. (Hg.), Toleranz, Frankfurt/M. 2000, S. 144-161.)
Jene Einsicht verdankt sich
einer dreifachen Reflexion der Gläubigen auf ihre Stellung in einer pluralistischen
Gesellschaft. Das religiöse Bewusstsein muss erstens die kognitiv dissonante
Begegnung mit anderen Konfessionen und anderen Religionen verarbeiten. Es muss
sich zweitens auf die Autorität von Wissenschaften einstellen, die das
gesellschaftliche Monopol an Weltwissen innehaben. Schließlich muss es sich auf
die Prämissen des Verfassungsstaates einlassen, die sich aus einer profanen
Moral begründen. Ohne diesen Reflexionsschub entfalten die Monotheismen in
rücksichtslos modernisierten Gesellschaften ein destruktives Potential. Das
Wort »Reflexionsschub« legt freilich die falsche Vorstellung eines einseitig
vollzogenen und abgeschlossenen Prozesses nahe. Tatsächlich findet diese
reflexive Arbeit bei jedem neu aufbrechenden Konflikt auf den Umschlagplätzen
der demokratischen Öffentlichkeit eine Fortsetzung.
Sobald
eine existentiell relevante Frage auf die politische Agenda gelangt, prallen
die Bürger, gläubige wie ungläubige, mit ihren weltanschaulich imprägnierten
Überzeugungen aufeinander und erfahren, während sie sich an den schrillen
Dissonanzen des öffentlichen Meinungsstreites abarbeiten, das anstößige Faktum
des weltanschaulichen Pluralismus. Wenn sie mit diesem Faktum im Bewusstsein
der eigenen Fehlbarkeit gewaltlos, also ohne das soziale Band eines politischen
Gemeinwesens zu zerreißen, umgehen lernen, erkennen sie, was die in der
Verfassung festgeschriebenen säkularen Entscheidungsgrundlagen in einer
postsäkularen Gesellschaft bedeuten. Im Streit zwischen Wissens- und
Glaubensansprüchen präjudiziert nämlich der weltanschaulich neutrale Staat
politische Entscheidungen keineswegs zugunsten einer Seite. Die pluralisierte
Vernunft des Staatsbürgerpublikums folgt einer Dynamik der Säkularisierung nur
insofern, als sie im Ergebnis zur gleichmäßigen Distanz von starken Traditionen
und weltanschaulichen Inhalten nötigt. Lernbereit bleibt sie aber, ohne ihre
Eigenständigkeit preiszugeben, osmotisch nach beiden Seiten hin geöffnet.
Die
wissenschaftliche Aufklärung des Commonsense
Natürlich muss sich der Commonsense, der sich über die Welt viele Illusionen macht, von den Wissenschaften vorbehaltlos aufklären lassen. Aber die in die Lebenswelt eindringenden wissenschaftlichen Theorien lassen den Rahmen unseres Alltagswissen, der mit dem Selbstverständnis sprach- und handlungsfähiger Personen verzahnt ist, im Kern unberührt. „
Drei ganz wesentliche Korrekturen bzw. Ergänzungen sind hierzu notwendig:
Was die Form betrifft: Obwohl jeder Theologe sowohl im Islam wie im Christentum zumindest jeder Religionswissenschaftler beobachten kann, dass sich die Vorstellungen von Gott in allen Religionen einander annähern und zwar durch die mediale Vernetzung, so man einander zuhört, worüber auch ein Moslem und worüber auch jeder Christ und Jude erfreut sein sollte, sind es jene immer regionalen Allgemeingültigkeiten und Konventionen, wie ich sie oben angedeutet habe, die den Menschen zu solchem provinziellen Rivalitätsdenken verführen, wobei es nicht um Gott und um den Wert des einzelnen Menschen, um die Person im Singular, ja nicht einmal um die Wahrheit geht, sondern um Übereinstimmung, Gültigkeit und Zugehörigkeit, weswegen er dann auch bereit ist, sowohl sich selbst wie andere Menschen um „der größeren quasi empirischen Sache Willen“ zu opfern. Die Person des Menschen, die ein Gewissen hat, ist jedoch einmalig, einzigartig und alleingültig, sie kann es nicht im Plural geben, und sie ist nicht räumlich und, wie Habermas auch sagt, nicht empirisch, nicht wissenschaftlich fassbar und verstehbar. Wir sollten deshalb die Wirklichkeit der Person hier als transzendente oder vertikale bezeichnen und den abzählbaren physischen und empirisch wahrnehmbaren und messbaren, raumeinnehmenden Menschen als horizontale oder räumliche Wirklichkeit.
Im Christentum stand und steht die Kirche mit dem Papst als
quasi institutionalisiertes Individuum als Autorität und Wahrheits- und
Entscheidungsmonopol zumindest formal der Allgemeinheit als
Gültigkeitskriterium entgegen, so schlecht und selbstverloren diese Funktion zu
verschiedenen Zeiten auch ausgeübt wurde.
Das ganze mögliche Ausmaß einer kulturellen und
weltanschaulichen Katastrophe durch solche ideologisierende Umkehrung des ganz
normalen Sozialisationsprinzip wird erst deutlich, wenn wir den 3. Aspekt noch
beachten, den Habermas unerwähnt lässt; wahrscheinlich deswegen, weil er ganz
selbstverständlich und trivial in jeder allgemeinen und journalistischen
Analyse des modernen Terrorismus und Fanatismus genannt wird.
Wir wissen, dass es beim rücksichtslosen Terrorismus um Egoismus, Geltung, Rivalität z.B. der Religionen und um Macht geht, bzw. gegen die Ohnmacht und auch um Arterhalt, wie immer sich solches rechtfertigt. Wir sehen, dass gewissenlose Menschen gutgläubige Kinder mit frommen Sprüchen zu Mord und Selbstmord erziehen.
Ein jüdischer, christlicher oder islamischer Theologe wird mir dagegen zurecht vorwerfen, dass es mit solchen Einwänden um rein anthropologische, soziologische und psychologische Aspekte geht. Man möge mir meine etwas zu vereinfachte Analyse verzeihen.
c. Trennung von Staat und Religion.
Es ist in der Tat ein Wunder, und wir sollten Gott danken, dass die Welt eine bessere und humanere geworden ist, woran unzählige Menschen unterschiedlichsten Glaubens und in allen gesellschaftlichen Positionen arbeiten – ohne Zwang, ohne Beachtung und Dank von Menschen, wenn auch die Menschen allgemein weiter so verschlagen und verführbar scheinen, wie zu alten Zeiten.
Einem Atheisten möchte ich als Abschluß noch verständlich machen, dass sich ein gläubiger Mensch von Gott ganz persönlich in allen Gedanken, Wünschen und Regungen und bei allem Tun erkannt weiß, dass es für ihn also Gott gegenüber keinen Handel, keine Rhetorik und keine Verschlagenheit gibt, und dass ein solches Wissen das höchste Erlebnis ist, das ein Mensch im Leben haben kann, das notwendig dann zu einem Kampf wird gegen das Unechte, Unwahrhaftige in einem Selbst und das dann auch zu Kampf führt gegen den Selbstbetrug und gegen die Selbsttäuschung, und letztlich auch gegen Irrtum und Aberglaube, was alles Gott gegenüber nicht gilt und dann auch nicht mehr gegenüber dem Mitmenschen lauter wäre, - denn jeder Mitmensch ist ein Sohn, eine Tochter, ein Kind Gottes und geliebt, wie man sich selbst geliebt weiß. Dieses Verhältnis zu Gott ist zugleich der Motor einer geistigen und ethischen Entwicklung.
Ein Atheist mag – ganz verständlich - zu Letzterem erwidern, dass aber in der Realität Frömmigkeit und Gläubigkeit, dass in der Realität Religion und Kirche seit je eher der Bremsklotz, wenn nicht das eigentliche Hindernis gewesen sind jeder geistigen und der ethischen Entwicklung, dass Religiosität eher verblendet oder sogar eher verblödet, als dass Religiosität zur geistigen Reflexion antreibt, und dass die Religionen seit je beteiligt waren an Krieg und Unheil, wenn sie nicht sogar selbst der Grund und Auslöser waren für Hass, Terror, Krieg und unendliches Elend, für Unmenschlichkeit und Unterdrückung.
Diesen Widerspruch gilt es hier in der Tat zu verstehen. Die Dogmatisierung und Ideologisierung weltanschaulicher Erkenntnisse auf einem jeweiligen Entwicklungsstand ist immer ein menschlich-gesellschaftlicher Prozess des Verharrens, den wir nur im Kontext mit den anderen Gültigkeiten der jeweiligen Epoche verstehen können. Eine jede einigermaßen wissenschaftliche Religionsgeschichte lehrt uns, aus welchen Gedanken- und Vorstellungswelten mit den jeweiligen Werten wir kommen. Wohl immer waren es auch in den Religionen Missverständnisse, Verdrehungen und übler Missbrauch von jeweiligen „Wahrheiten“ an den sozialen Rändern der Gemeinschaft – und zwar oben und unten – wie aufeinander bzw. gegeneinander bezogen, die solche Dogmatisierung notwendig machten, andererseits waren es neben neuen Erkenntnissen, Einsichten und Verhältnissen wohl immer auch solche Missverständnisse, Rebellionen, wie Missbrauch und Häresien an den oberen und unteren Rändern der Gemeinschaft, die zum Aufbrechen von Dogmen und zu Veränderungen, zur Differenzierung und Entwicklung und dann erneuter Dogmatisierung beitrugen, wie generell die Entwicklung sowohl positiver wie auch negativer Möglichkeiten und Denkbarkeiten zur Entwicklung eines differenzierteren Straf- und Bürgerrechts führte.
Die oben angedeutete generelle Religionskritik übersieht, wie wir das heutige Urteilsvermögen und die heutigen Maßstäbe und überhaupt das Recht dazu dieser Entwicklung und diesem Lernprozess verdanken.
Denn wir Menschen alle, samt unseren verschiedenen Sprachen, Vorstellungen, Werten und Kulturen stammen aus mehr oder weniger primitiven und meist grausamen, totalitären Gesellschaftsstrukturen, wo nach heutiger Einsicht Macht und Verschlagenheit als Stärke und Überlegenheit einerseits und Vertrauen, Glaube, Dummheit und Verführbarkeit andererseits als Schwäche und Unterlegenheit verstanden und auch akzeptiert wurde, wie es in der Natur natürlich ist. Dadurch bestimmten sich weitgehend die jeweiligen Allgemeingültigkeiten der jeweiligen Allgemeinheit, wie auch das jeweilige Oben und Unten und zwar durchgehend in der jeweiligen Gesellschaftsstruktur.
Die dabei entstehenden Positionen verfestigten und legitimierten sich samt den damit verbundenen Privilegien durch ungeschriebene und explizit geschriebene Regeln und Gesetze, was nichts anderes ist als deren Dogmatisierungen, wobei sich wiederum die Legitimierung und Dogmatisierung seit je auch religiös legitimierte, wodurch aus dem archaischen natürlichen Gerangel, wie dem eines Affenstalls oder vergleichbar der Hackordnung eines Hühnerhofes, eine Kultur wurde. Solche Darstellung macht zwar im Ansatz den kausalen nämlich den ursächlichen Zusammenhang von archaischer Grundordnung und bereits kultureller Gesetzesordnung deutlich, so als wenn die Grammatik einer natürlichen Sprache, die ursprünglich nach den Gültigkeitskriterien bzw. Allgemeingültigkeitskriterien eines Trampelpfades funktioniert, nun praktisch auf- und festgeschrieben und zur Vorschrift wird und damit als Sediment quasi erstarrt, jedoch sind und bleiben auch diese Gesetze weiterhin das Instrument des ganz natürlichen Gerangels, das sich weiterhin homogen durch alle Gesellschaftsschichten, von der Familie, der Dorf- und Stadtgemeinde bis zum König- und Kaiserreich und ganz entsprechend auch durch die Institutionen der Religionen und Konfessionen hindurchzieht, mit denen sich die Privilegierten ihre Privilegien sichern.
Derart sind die Dogmen und Gesetze selbst, wie auch jeder Verstoß gegen solche sicher der vordergründige Rahmen des Bösen, aber natürlich und leicht einsehbar kein ausreichender Ansatz für eine Definition des Bösen, die ich auch von einem großen Philosophen wie Habermas nicht verlangen könnte.
Für lange Zeit galten jene drei Urtriebe menschlichen und tierischen Lebens auf Erden selbst als die Ursache des Bösen, anbetracht der Erfahrung, dass, wenn jene Sozialisation bzw. jede Kultur, Religion und Zivilisation abgelegt oder verloren würde, der Mensch, nur auf diese Triebe zurückgefallen, zum Tier degenerierte, bzw. noch schlimmer, wenn diese Triebe durch menschliche Phantasie und durch Intelligenz oder Dummheit zur Perversion, zum Hedonismus extrapoliert und instrumentalisiert werden, wie es überall zu beobachten ist, wo die wahrscheinlich unvermeidliche Erosion unserer Werte und Gesetze samt Dogmen an den „oberen“ und „unteren“ Rändern einer Gemeinschaft sowohl oben im Überfluß wie unten in der Not stattfindet; aber ohne diese Triebe würde die Menschheit kaum 2 oder 3 Mal 4 Wochen überleben. Es ist dabei zudem kaum selbstverständlich, wer in dieser Abhängigkeit von Oben und Unten der Verführte ist und wer oder was der Verführer. Jedenfalls bekam jede Sozialisation, Kultur oder auch Zivilisation, deren tausendfach variierende Gültigkeits- und Wertestruktur – zudem wechselnd wie das Licht- und Schattenspiel an einem Gewand je nach Beleuchtung - durch dieses Oben und Unten und deren besonderes Verhältnis zueinander zwei eigene Koordinaten, bzw. Denk- oder Schreibweisen, nach denen wir bis heute ganz unbewusst oder auch bewusst werten und gewertet werden. Denn vieles, was an Willkür „unten“ als gefährlich, ruchlos, verwerflich und verachtungswürdig gilt, ist oben zugleich Insignie der Herrlichkeit und Macht, die bis heute stolz und positiv mit den Bildern der Raubtiere Löwe, Wolf, Bär und Adler betont werden, und die wir als positive Attribute selbst Gott oder den Göttern zuschreiben oder durch Gott rechtfertigen.
In Gegensatz zu jenen Menschen, die nicht aus diesen sozialen sondern aus ethischen, transzendenten oder religiösen Gründen in eine Distance zu den allgemeinen Werten gerieten oder gelangten, wie die genannten Propheten, Religionsgründer oder auch die Priester, Schamanen oder Hellseher, die natürlich auch ihre negative, oft kaum als solche erkennbare Kontradiktion haben, wie Zauberer, Hexen und finstere Mächte beschwörende Okultisten usw., üben diese sozialen Randgruppen oben und unten der Gemeinschaft eine nicht mindere oder vielleicht noch stärkere Wirkung aus auf das oben umschriebene ungeschriebene Wertesystem, auf Sprache, Verhalten, Kultur und Religion, als umgekehrt die Religion auf das Wertesystem, auch wenn die obere Seite der Gesellschaft, die Starken, Mächtigen und Reichen dann Macht, Reichtum und die jeweiligen Absichten und Gesetze auch religiös begründeten und rechtfertigten. Denn es sind die Kriminellen, die Diebe, Betrüger und Mörder am unteren Rand der Gemeinschaft, die zu all den 1000 oder 300 000 Werten und Gültigkeiten und zu den religiösen Werten, die eine einfache normale Sozialisation ausmachen, nun zusätzlich Gesetze und Strafgesetze und eine Exekutive notwendig machen bzw. rechtfertigen, die eben nur von den Starken und Siegern im gesellschaftlichen Gerangel durch Androhung von Strafe, durch Strafe und Abschreckung und immer auch im eigenen Interesse realisiert und verwirklicht werden.
Aber von dieser einfachen, vielleicht zu sehr vereinfachten Skizze ganz normaler menschlicher Gemeinschaft aus dürfte es nun dennoch möglich sein, einmal das hochkomplexe und komplizierte Verhältnis normaler gesellschaftlicher Werte zu regelrechten Strafgesetzen besser zu verstehen, woraus sich das Strafrecht einer säkularisierten Gesellschaft ableitet wie endlich auch die Bedeutung der Menschenrechte, und zum anderen könnte damit endlich auch das Problem deutlicher werden, das die Religionen mit der Säkularisierung hatten und haben.
Daraus sollte sich dann auch der schreckliche Irrtum des modernen Terrors deutlich machen können.
Begriff, Ismus, Schublade und Uniform.
Der weitere und nicht unwesentliche Aspekt besonders der Kontinuität von Gemeinschaft und deren Vorzeichen z.B. als Tradition teils über Jahrtausende, bzw. von der Korrelation des Vorzeichens wie Kultur, Religion, Sprache usw. und der jeweiligen Gemeinschaft, der sich allerdings aus dieser vereinfacht herausgestellten Konstellation von archaischer, religiöser und gesetzlich-staatlicher Gesellschaftsstruktur nicht ableiten lässt, aber immer vor Augen sein sollte, ist das bekannte, wahrscheinlich letztlich nur erkenntnistheoretisch aufzuschlüsselnde Phänomen menschlichen Denkens und Verhaltens, wo immer der Mensch sowohl sich selbst wie auch den Mitmenschen quasi als die jeweilige Personifizierung eines jeweiligen Gedankens, eines Attributes, eines Ranges, einer Handlung oder einer Zugehörigkeit jedweder Art auffasst und bewertet bzw. sich derart aufgefasst und bewertet weiß, sei es zur Bezeichnung einer sog. Identität als Qualität oder zur Disqualifizierung und Stigmatisierung, was in jedem Fall ein sehr verengtes und deswegen problematisches Verständnis des anderen wie das, der eigenen Person nach sich zieht, was insbesondere für das Verständnis unserer Fragen nach Gültigkeit und Zugehörigkeit einer Handlungs- bzw. Verhaltensweise im Sinne einer Kausalität oder einer Eigenschaft von Bedeutung sein müßte. Wenn wir z.B. fragen ob jemand als Mensch oder ob er/sie als Polizist, Soldat, Beamter usw. handelt, als Mensch oder ob als Hindu, Moslem, Christ, Katholik, Protestant, Fürst, König oder Bettler, als Mensch oder als Deutscher, Franzose, Brite oder Türke, als Deutsche, Französin, Britin oder Türkin usw. Dieses merkwürdige wie unheimliche, in jedem Fall ja gleiche Phänomen, dass jemand z.B. aus dem gleichen Grunde stolz darauf ist, z.B. Polizist, Soldat oder Beamter zu sein, wie jemand stolz darauf ist, Hindu, Moslem, Christ, Katholik, oder Protestant oder Deutscher, Franzose, Brite oder Türke zu sein, bedarf bestimmt einer eigenen, leider noch nicht existierenden Wissenschaft innerhalb der Psychologie, Soziologie, Philosophie, - wie erst recht auch der Religionswissenschaft und der Theologie.
Ein Ursediment solcher Identität lässt sich vereinfacht zumindest teilweise so plausibel machen, wenn man von einer Anthropomorphisierung gesellschaftlicher Mechanismen ausgeht, wie es im Begriff Organisation anklingt und im christlichen Denken Tradition ist, wenn nach Paulus von der Kirche als der lebenden Gemeinde mit ihre Gliedern gesprochen wird, dass also die drei Urtriebe des Menschen für Geltung, Existenz- und Arterhalt auch für eine jeweilige Gemeinschaft und deren Ordnunggelten, zu der man gehört, von der man einerseits abhängig ist, mit der man sich identifiziert, und durch die man andererseits gegenüber anderen Gemeinschaften benannt und von solchen bewertet wird. Man will Geltung, Existenz und Arterhalt für solche Gemeinschaft, sei sie genetischer, regionaler, religiöser, konfessioneller und weltanschaulicher Art, oder auch institutioneller, beruflich- oder gesellschaftlich-funktioneller Art, womit sich beides zwar so eng wie nur denkbar miteinander vermischt, was aber dennoch als etwas ganz unterschiedliches auseinander gehalten werden sollte. Sicher ist solche Analogie unstatthaft, zumindest problematisch. Dennoch ist eine menschliche Gemeinschaft etwas anderes, als eine Gemeinschaft und das Zusammenspiel z.B. von Billardkugeln. Und dennoch hat auch eine menschliche Gemeinschaft kein eigenes Ich, - auch dann nicht, wenn ein Mensch sich mit der Gemeinschaft identifiziert und in ihr die Führungsrolle übernimmt. Und ohne Zweifel ist der Geltungstrieb auf die Gemeinschaft hin konzipiert, in der dann nach dem natürlichen Gerangel jeder seinen natürlichen, und in der archaischen Gesellschaftsordnung auch sinnvollen Platz in der Hackordnung erhält, mit dem er sich identifiziert und damit seine Bedeutung, nach der er von anderen respektiert und akzeptiert wird. Ein ähnlicher Grenzfall dürfte die eheliche oder zwischengeschlechtliche Gemeinschaft sein, mit der quasi die menschliche Natur in der Form des Triebes zum Arterhalt, also ebenfalls ein auf die Gemeinschaft hin konzipierter Trieb, als ein Über-ich Fortpflanzung und Arterhalt betreibt worauf es unten noch gesondert einzugehen gilt. Und diese Schwierigkeit der Identifikation mit einer Rolle bei der Unterscheidung, an die sich bislang noch keine Soziologie, Theologie oder Philosophie herangewagt hat, wird deutlich, wenn wir uns z.B. fragen, ob jemand in seiner Identität oder mit seiner Identifizierung als Mensch oder als Frau, ob jemand als Mensch oder als Mann handelt, als Mensch oder als Kind; oder ob jemand seinen Wert als Mensch oder nur als Gezeugtes besitzt. In jeweils beiden Fällen sehen wir jedoch sowohl die solche Gültigkeit vor der Gemeinschaft, die mit dem einfachen Namen des Menschen bezeichnet ist, als auch die Geltung in der Hackordnung in der Gemeinschaft, die mit Titel, Privilegien, Funktionen und teils bis heute mit Kleidungssymbolen gekennzeichnet ist, in der Abhängigkeit von archaisch –biologischen Determinaten, wie wir sie auch im Tierreich mit der tierischen Art und Rangordnung finden, während das Ich, die Subjektivität, das Denken und das Selbstbewusstsein mit der menschlichen Vernunft und dem menschlichen Gewissen als die eigentliche Identität des Menschen nichtmaterieller, geistiger und transzendenter Natur ist, - auch bei dem durch die Gemeinschaft ausgestoßenen und „ungültigen“ Menschen, wie es für uns Christen Jesus am Kreuz darstellt.
Ohne Zweifel hat dieses gesellschaftliche Phänomen der Identifizierung mit dem Körperlichen, dem Biologischen und Gesellschaftlichen als Hang zum archaischen letztlich etwas zu tun mit der Funktion, die ein Begriff als Bedeutung für unser Erkennen, Denken und Verhalten hat, sei es der Name oder der Rang samt Klang, Titel und Kleiderordnung, wobei die angedeutete generell-problematische Verengung des Verständnisses und der Beurteilung, die bereits mit dem einfachen Plural von Menschen beginnt, die Folge davon ist, dass wir es in jedem Fall mit einem Unterbegriff des Begriffes Mensch zu tun haben, der in jedem Fall ein einmaliges Ereignis ist. Aber noch unterhalb des erkenntnistheoretischen Aspekts, ist auch auf dem Level der alltäglichen Erfahrung und Plausibilität, wonach wir handeln und verstehen, der Unterbegriff als problematische Verengung dabei für uns keineswegs in jedem Fall auch eine entsprechend negative Wertung, selbst wenn er bzw. sie wissenschaftlich und politisch präzisiert oder überhaupt besser verstanden wird, wenn ich z.B. einmal gegenüberstelle „Dieser Mensch ist ein Hindu.“, was ja keine Abwertung des Hindusein bedeutet, insbesondere nicht für den Hindu selbst innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft, wobei dagegen die Umkehrung „Dieser Hindu ist ein Mensch.“ immer eine Aufwertung von ganz fundamentaler Dimension bedeutet, jenseits des vorstellbaren Gerangels zwischen Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten, während zum anderen der Vergleich „Dieser Mensch ist ein Polizist.“ und „Dieser Polizist ist ein Mensch.“, „Polizist“ nur als gesellschaftliche Funktion verstanden auch als Verengung deutlich wird, was dabei aber keineswegs auch eine negative Bewertung dieses Berufes bedeuten muß, sondern im Gegenteil in problematischer Weise oft in der Wertung je nach Situation noch über die des Menschen gestellt wird, was z.B. deutlich wird, wenn sich z.B. als höchstdenkbare gesellschaftliche Funktion und zugleich als Rang herausstellt „Dieser Mensch ist ein König.“, wobei man nach langer Tradition und Überlieferung bereit ist und auch bereit sein „muß“, für diesen Attributsträger „König“ das eigene Menschsein zu opfern und das Leben vieler anderer, obwohl „König“ als gesellschaftliche Funktion ebenfalls nur ein Unterbegriff des Begriffes Mensch ist, was an der Umkehrung deutlich wird, wenn wir feststellen „Dieser König ist ein Mensch.“, was ganz sicher die wertvollste Eigenschaft eines Königs sein sollte. Dieses ist jedoch keineswegs selbstverständlich, besonders wenn wir Menschsein im Sinne eines rein biologischen Verständnisses einmal wie das Wesen eines intelligenten Raub- und Triebtieres interpretieren, wobei ihn die spezifisch menschliche Möglichkeit einer freien Entscheidung zudem noch denkbar unzuverlässig und unberechenbar macht, so dass wir ihm nur vertrauen können, wo er in der Zwangsjacke einer engen und kontrollierten und deswegen berechenbaren Funktion gepresst quasi dressiert auftritt, was ihn gesellschaftlich aufwertet. Genau deswegen hat z.B. ein Polizist oder Beamter und Richter strenge Vorschriften, so dass er eben nicht nach eigenem Belieben und willkürlich handeln und z.B. verhaften und richten darf.
Deutlich wird jedoch, dass die Gesetzgebung und die Hierarchie auch im christlichen Abendland und selbst in den Kirchen solchem Geltungstrieb als archaischem Grundbedürfnis und solcher archaischen Tradition folgt, selbst wenn viele Christen jene natürlichen Grundtriebe des Menschen als das Böse oder als die Ursache des Bösen verstehen, wo sie über das Menschsein gesetzt und höher wertend und gewertet gelebt werden. Und selbst bis heute finden wir auch unter Christen verbreitet, und selbst seit wir Menschen dem Staat und der Weltgemeinschaft eine Verfassung gegeben haben, die gerade dem reinen Menschsein und dem Leben die höchste Würde und Achtung garantieren soll, dass Jesus nach seiner Auferstehung durch den weltweiten Bekanntheitsgrad an Geltung und Rang in diesem Gerangel gewonnen habe, was zu seiner Botschaft ja im Widerspruch steht.
Dennoch wäre eine Nation, eine Kultur und eine gute Erziehung gänzlich missverstanden, wenn man darunter nur noch dressierte Menschen in Zwangsjacken verstehen und solches anstreben würde. Wir Deutsche haben mit solcher Funktionalisierbarkeit und Instrumentalisierung solcher „Identität“ im Rangbewußtsein unter den Nazis und als Nazis schlechte Erfahrungen gemacht, wobei „deutsch“ als Unterbegriff von „Mensch“ verabsolutiert und dem Menschen übergeordnet zu unserer Vergewaltigung führte, die aus den gebildeten und frommen Menschen Deutschlands stolze Untermenschen und Unmenschen machte, die sich archaisch mit dem Führer identifizierten.
Bevor wir jedoch aus solchen Reflexionen weitere für unser Thema brauchbare Konklusionen ziehen, gilt es noch eine weitere Beobachtung zu diesem merkwürdigen Phänomen der Identifizierung mit etwas festzuhalten, die die Problematik weiter verwirren:
Die Selbstverständlichkeit einer solchen stolzen Identifikation mit dem, was man gerade ist, für uns Menschen, sei man nun Brite, Türke, Moslem oder Polizist, was eben keineswegs bedeutet, den Überbegriff Mensch auf einen Unterbegriff zu reduzieren, verdeckt zwei andere Gesichtspunkte dieses Phänomens, die uns aber kaum bewußt werden, obwohl sie ganz offensichtlich und greifbar sind. Wie gesagt, bestimmt dieses Phänomen im Normalfall nur einen Teil unseres Verhaltens. Aber gerade als Teilaspekt jeder Kultur, jeder Gemeinschaftsordnung, jeder Nation und Religion, wäre ohne solche Identifizierung mit Beruf, Funktion, mit gesellschaftlicher Stellung und Aufgabe kein vernünftiges Gemeinwesen möglich, in dem jeder sich für das Gemeinwesen auch verantwortlich fühlt, - wie es ja auch die drei abrahamäischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam predigen.
Der zweite Aspekt ist in der Tat sehr verdeckt oder überlagert und sollte deswegen am Ende ganz besonders hervorgehoben und uns ganz besonders deutlich bewusst werden und immer bewusst sein und unser Verhalten bestimmen. Es ist die bereits genannte Tatsache, die aus vorherigen Beobachtungen bereits deutlich wurde, dass wir Menschen alle uns nämlich aus immer dem gleichen Grund mit etwas identifizieren und auf es stolz sind. Das heißt, ein Mensch ist aus dem gleichen Grund stolz, ein Brite zu sein, wie ein anderer aus dem gleichen Grund stolz ist, Amerikaner oder Türke oder Hindu oder Moslem oder Soldat oder Polizist oder Mitglied einer Straßengang oder Frau, Mädchen, Junge oder Mann zu sein. D.h. heißt, wir bejahen unsere jeweilige Zugehörigkeit zu einer jeweiligen Gruppierung als ein Selbstwert, als einer jeweiligen Eigenschaft oder Funktion in der Gemeinschaft aus dem gleichen gemeinsamen Hang als Grund, wie wir alle aus dem gleichen Grunde essen, trinken, schlafen und uns vermehren, nämlich aus Hunger, Durst, Müdigkeit oder Arterhaltstrieb, obwohl wir alle unsere jeweilige Zugehörigkeit wie eine besondere Eigenleistung nicht mit diesem gemeinsamen Bedürfnis zur Gemeinsamkeit sondern mit den Eigenschaften, Funktionen oder Vorzeichen der jeweiligen Gemeinschaft begründen. Dies heißt, der Moslem begründet und verteidigt unter solchem Aspekt den Islam aus dem gleichen Grund und zwar auch gegen jeden anderen Glauben, wie der Christ das Evangelium Jesu begründet und verteidigt und zwar ebenfalls gegen jeden anderen Glauben, nämlich aus dem gleichen Grunde wie der Moslem den seinen, wie der Brite aus dem gleichen Grunde englisch spricht, wie der Türke türkisch, so wie in einem erklärten Krieg zwischen Deutschland und Frankreich jeder deutsche Soldat jeden französischen Soldaten aus dem gleichen Grunde töten soll, wie jeder französische Soldat jeden deutschen.
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Wie gesagt wissen wir aus Erfahrung, dass ohne ein solches Zusammenhalten unter dem Vorzeichen oder unter der Fahne eines gemeinsamen Attributs kein menschliches Gemeinwesen funktionieren könnte. Dies hat drei einfache Gründe: 1. Als Gemeinwesen hat man einen Namen, gleichgültig ob durch andere oder durch einen selbst und ist damit Begriff, der dann auch für die Einzelmenschen gilt. 2. Mit diesem Namen trennt und unterscheidet sich die Gemeinschaft von anderen Gemeinschaften, womit der Name zugleich Attribut und Eigenschaft auch der Zugehörigkeit darstellt. 3. Innerhalb einer jeden Gemeinschaft bilden sich einmal durch die mehr oder weniger natürlich gestaltete Sippen, Geschlechter und Familienordnung, dann durch die Rang- oder Hackordnung und nicht zuletzt durch die verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen, wie immer diese jeweils bestimmt werden oder entstanden sind, eine Reihe gesellschaftlicher Untergruppierungen oder Mengen mit entsprechenden Bezeichnungen.
Hierbei wird zwar deutlich, dass es jene Urtriebe sind, die auch die archaische Grundstruktur der Urgemeinschaft noch vor jeder staatlichen oder religiösen Gesetzgebung begründen, woraus sich aber noch nicht erklärt, wie und woher sich jene seltsame Identifikation sowohl mit der Gesamtgemeinschaft wie auch mit der entsprechenden Untergruppierung ableiten und verstehen lässt.
Die lange und oft traurige Geschichte der Menschheit als eine Geschichte der Kriege, und besonders die jüngste Geschichte hat uns ebenfalls gelehrt, dass solche Attribute der Zugehörigkeit, die wir leicht und verführerisch gerne bei uns selber wie eine Auszeichnung und als ein eigenes Verdienst empfinden, bei einer rivalisierenden oder feindlichen anderen Gemeinschaft dann eher als deren Makel und Schuld, trotz der logischen und kindischen Absurdität kaum als solche reflektiert nicht nur eine selbstverständliche Haltung und Voreingenommenheit bedeuten, sondern geradezu hyperhedonisch bis suchtartig gepflegt und auch genossen werden. Ohne dies wäre die Aktualität und Sensation z.B. einer Olympiade, einer Fußballweltmeisterschaft aber auch die teuflische Faszination eines blutigen Krieges nicht denkbar, wie es die vielen Kriegsfilme nach den Kriegen demonstrieren und ein großes Geschäft sind.
Wie die Beispiele nahe legen, überlagert dieses Phänomen, dass ein Mensch sich mit seiner Rolle identifiziert und sich mit dieser auch von anderen identifiziert weiß, und zwar sowohl in wert- und ordnungserhaltender Weise, wie u.U. auch als Pest, Abartigkeit und Unmenschlichkeit, nicht nur den ursprünglich archaisch strukturierten Bereich einer Gesellschaftsordnung, sondern auch den Bereich, in dem Gesetze, festgelegte Berufe, gesellschaftliche Funktionen und Institutionen mit entsprechender Strafverfolgung geregelt sind. Und sicher bestehen ein Teil solcher Gesetze eben nur deswegen, um solche Entartungen zu verhindern, wie z.B. Diebstahl, Mord, Blutrache, Sklaverei, Ausbeutung, Despotismus usw..
Hierbei führt jedes neue Gesetz zu einem neuen Stück fortgeschrittener Ordnung, wie unvermeidlich auch zu einer neuen Möglichkeit des Missbrauchs, des Missverständnisses und neuerlicher Entartung. Dies gilt auch für religiöse Gesetze, wie uns die Erfahrung lehrt, wobei die zivilisierende oder kulturelle Funktion genau wie die mögliche Entartung und der Missbrauch nichts mit Religion, sondern nur mit menschlicher Vernunft bzw. mit menschlicher Schwäche, Unvernunft und Bosheit zu tun hat. Das heißt, auch ein mehr oder weniger gesetzlich geregelten religiöses Amt, für das eine bestimmte Ausbildung und bestimmte andere Fähigkeiten verlangt werden, kann missbraucht und kann nicht durch das Religiöse gerechtfertigt werden , - und solches ist zu allen Zeiten in allen Religionen vorgekommen - und untersteht deswegen auch zurecht den rein staatlichen Gesetzen, ohne dass dieses etwas mit Religionsfeindlichkeit zu tun hat.
Mit diesen Funktionen ist jedoch noch nicht Ursache und Struktur dieses Phänomens verstanden.
Und ich will und kann hier nur versuchen, einige für unsere Deduktion wichtigen Aspekte einer ausstehenden sorgfältigeren Analyse hervorzuheben.
Solche für uns ganz selbstverständliche und scheinbar unproblematische Reduzierung und Identifizierung des Menschen und auch unserer selbst auf einen Unterbegriff ist denn auch von ganz unterschiedlicher Tragweite, und ist mal scheinbar nur von rein grammatischer und definitorischer Bedeutung und geschieht bereits, wenn wir den Menschen in 3. Person oder im Plural bezeichnen oder anreden, wobei die reduzierte Bedeutung und Wertung realiter je nach Situation unterschiedlich mal nur hintergründig und ungewollt und mal gewollt und deutlich als Degradierung und vordergründig gemeint ist. Von den oben genannten 3000 bis 300 000 Werten einer Gemeinschaft, nach denen wir werten und gewertet werden, dürften es hierbei bereits Hunderte bis Tausende von Variationen geben, die zu unterscheiden wir sehr früh zusammen mit der Sprache erlernen. Dieses gilt weit deutlicher bereits- aber in der gleichen Differenzierung, wenn wir den Menschen mit Namen, Funktion und Rolle wie Vater, Mutter, Onkel, Tante, Freund, Feind, Nachbar, Fremder, Ausländer, Deutscher, Hausmeister, Bürgermeister, Präsident, Richter, Anwalt, Polizist oder Soldat, als Elektriker, Schornsteinfeger usw. bezeichnen oder anreden oder auch nur denken. Wir erkennen die Unterscheidungsskala der Wertung recht deutlich z.B. daran, wenn jemand auf die Frage „Wer ist deine Mutter?“ einmal in der 3. Person antwortet, „Die da.“ oder „Diese Frau.“ oder in der 2. Person als Anrede mit „Mama“ oder „Mutter“.
Obwohl eine Sprache niemals in der Lage wäre, die vielen Variationen und Relationen der schier unendlichen Wertskala im ganz normalen Umgang der Menschen miteinander präzise zu formulieren, bereits aus Zeit- bzw. Platzgründen nicht, so lernt der Mensch dennoch die nebenbei oder gezielt implizit gemeinte Wertung anzuwenden und herauszuhören, sowohl dann, wenn die Sprache nur zur Information dient, wie z.B. in dem Satz »Der Mensch da ist ein Polizist.« wie auch dann, wenn die Sprache nur als Instrument benutzt wird, um einen Menschen im normalen Wertgerangel auf- oder abzuwerten, z.B. »Das ist ein Bulle.«, was je nach Situation eine positive wie negative Bewertung sein kann, wobei die Funktion als Information und die Funktion der Sprache als Instrument des Gerangels um Rang, Gültigkeit und Wert niemals streng voneinander zu unterscheiden sind, eben weil, wie schon gesagt, die Wertung immer zugleich auch eigenes Statement ist für die Gültigkeit eines angewandten Wertkriteriums.
Dennoch ist die Sprache in beiden Fällen ein Spiegel des jeweils Gemeinten, was aber eben nicht heißen kann, wie es in Fällen von tragischen Fehlverhaltens aufgrund solcher Identifikation mit einem Unterbegriff von »Mensch« wie »Polizist« z.B. von Bertrant Russel gelegentlich angenommen wird, dass es sich hierbei nur um ein grammatisches Problem handelt.
Die Art und Weise solcher Identifikation durch einen selbst wie durch andere, wenn sich z.B. ein Mensch in seiner Eigenschaft selbst als »Ich bin Polizist« bezeichnet, ist uns derart selbstverständlich, eben nicht nur sprachlich, sondern auch durch die Uniform, durch Abzeichen, Auftreten und Gestik, so dass die mögliche Abartigkeit verdeckt wird, dass z.B. jemand mit dieser Berufsidentifikation tatsächlich sein Menschsein vergisst, leugnet oder verdrängt und zur quasi reinen Funktion des Polizei-seins wird, oder, dass er von anderen nicht mehr als Mensch, sondern nur noch als Funktion akzeptiert wird. Und so wie der Beruf des Polizisten zur Aufrechterhaltung der Gültigkeit bestimmter Gesetze dient, muß es dann zusätzlich Gesetze geben, die den Polizisten als Menschen wiederum vor sich selbst und vor anderen gegen solches Fehlverhalten schützen, wie durch solche eben auch die Gemeinschaft vor einem unmenschlichen – eben rein funktionalen - Fehlverhalten des Polizisten geschützt wird, was eben nur funktioniert, wenn es gegenüber der Exekutive eine unabhängige Legislative gibt.
In diesem Sinne von einer Entwicklungsgeschichte menschlicher Gemeinschaften, also von einer archaischen zu einer immer mehr gesetzlich strukturierten Zivilisation zu sprechen, ist mindestens ebenso berechtigt, wie der Marxismus solche Entwicklung nur nach ökonomischen Gesichtpunkten, also nur nach dem Kriterium des Existenzerhalts versteht. Weit mehr berechtigt jedenfalls, als hier noch zwei weitere gleichstarke Grundtriebe des Menschen einbezogen sind, nämlich auch noch der Geltungstrieb und der Trieb zum Arterhalt, mit denen zusammen sich eine weit differenzierter verstehbare archaische Grund- und Wertestruktur ableiten ließe. Aber auch dieses könnte dann auch die Entwicklung einer Gemeinschaft von etwas intelligenteren Tieren sein. Ich will hier aber nicht behaupten, dass Marx und Lenin, bzw. der Marxismus und Leninismus den jeweils einzelnen Menschen die Würde, den Wert und die Gültigkeit absprachen. Aber sie wurde nur eben stillschweigend vorausgesetzt und wurde als empirisch-nicht-Faßbares deswegen in der empirischen Logik einer Entwicklung und neuen Planung nur des Ökonomischen aus der sehr empirisch erlebbaren archaischen Sklaverei und Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit eben dann auch praktisch vernachlässigt, und vor allen Dingen nicht verstanden oder sogar vergessen.
In noch grundsätzlicherer Weise und aus gleichem Grund finden wir jedoch ähnliches Verkennen, Vernachlässigen oder Vergessen heute sehr verbreitet selbst im weltanschaulich konzipierten Antikommunismus und in der sog. westlich aufgeklärten Vorstellung, dass mit der zunehmenden Säkularisierung eine fortschrittliche Entwicklung zu mehr staatlicher und eben von der Religion unabhängigen Gesetzlichkeit liege, insofern nämlich, als Religion und religiöser Glaube immer nur eine provisorische und im Grunde irrtümliche und zu überwindende Erklärung für noch unbekannte Zusammenhänge war und ist, die sich bereits heute oder jedenfalls in der Zukunft empirisch beantworten und auch beweisen lassen. Hierbei wird in oft aufklärerischer Blindheit Roß und Reiter vertauscht. Denn es sind ja gerade im Gegenteil die einst allzu vereinfacht weil empirisch verstandenen Gottes- und Jenseitsvorstellung wie aber auch in der Gegenwart zunehmend die empirisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse der Welt und des Menschen, die sich durch zunehmende Erkenntnis zunehmend als nur provisorisch erweisen. Der Erkenntnisdrang und die Erkenntnisrichtung ist schließlich in den Weltreligionen angelegt und begann damit, dass man das Göttliche gerade in den Menschen Buddha, Jesus und Mohammed erkannte, - und wie immer man solchen Wert und solche Geltung auch erfasste oder umschrieb, bzw. erfasst und umschreibt, soweit galt und gilt dies dann auch für den Erkennenden, auch für den normalen Menschen, - was nicht heißt, dass sich ein erkennender Buddhist, Christ oder Moslem mit Buddha, Jesus oder Mohammed gleichstellt, bzw. Buddha, Jesus oder Mohammed – oder gar Gott - auf die eigene Stufe herunterzieht – nämlich im Sinne der Gleichsetzung dessen, was man zu verstehen sucht, mit dem, was man erkannt hat.
Dies gilt ganz grundsätzlich auch für das gegenseitige Verstehen zwischen Menschen: keiner wird dem anderen ganz gerecht; und keiner sollte den anderen mit dem gleichsetzen, was er von ihm erkannt hat oder zu wissen glaubt.
Quasi als Bodensatz dieses sehr komplexen Verlaufs zunehmender Erkenntnis und Entwicklung ergab zum einen die Achtung und die Toleranz für andere Religionen, d.h. generell eben für Menschen anderer Gotteserkenntnis und zum anderen grundsätzlich auch die Achtung vor dem anderen Menschen selbst, worauf schließlich unsere weltweit anerkannten Menschenrechte beruhen, auf denen eine moderne Gesetzgebung aufbaut.
Aber auch in unserem modernen Bewusstsein, selbst wo es ganz unreligiöse ist, besteht eine weitere Verbindung einmal zu unserer archaischen Vergangenheit und zum anderen zu der auch gegenwärtig weiter bestehenden archaischen Grundstruktur unseres Zusammenlebens in einer hochkomplexen Wertegemeinschaft, von der her sich zum einen das Identifikationsbedürfnis auch des heutigen Menschen mit Amt und Würden zumindest verstärkt, und von der her wir zum anderen – auch als religiöse Menschen - unser normales Verhältnis zur säkularen Gesetzes- und Ordnungsverhältnis kommen.
In der Hauptsache aber wird gerade durch jenes Verhältnis d merkwürdigen Phänomens sowohl mit der archaischen wie mit der gesetzlichen Struktur unserer Wertegemeinschaft auch deren geschichtlicher wie kausaler Zusammenhang deutlich werden. Verständlich dann auch die Angst vor einer Säkularisierung und das schließlich mögliche und friedliche Miteinander von Staat und Religion.
Archaischer und republikanischer Gesetzesstaat.
Es handelt sich auch hier keineswegs um neue Gedanken oder Theorien, sondern um eine sehr vereinfachte Skizze von dem, was uns allen eigentlich ganz selbstverständlich ist, wenn auch verdrängt oder kaum noch reflektiert.
Die Kluft zwischen dem, was ich von einem anderen Menschen wissen kann, und dem, was und wie er tatsächlich ist, bleibt unüberwindbar. Selbst das Ansichsein des scheinbar empirisch Fassbaren eines Menschen, läßt sich nicht denken. Als Hilfsvorstellung für diese Kluft kann man sich denken, dass der menschliche Körper in der Hauptsache aus einem Vakuum besteht, in dem farb-, geruch- und materielose Elementarteilchen herumflitzen, wobei selbst der Raum und die Zeit in unserer Vorstellung, wo und während dessen diese winzigen Kraftfelder existieren, so weit verteilt, wie die Sterne am Himmel, nur von uns gedacht ist und nicht wirklich wahrgenommen werden kann.
Aber selbst ohne diesen erkenntnistheoretischen Aspekt, der in jedem besseren Schulbuch steht, wissen wir, dass das Wesentliche eines Menschen aus seinen Gedanken, Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Trieben, Ängsten, Absichten und Entschlüssen besteht. Und hier hilft auch keine Hilfsvorstellung, um zu versuchen, uns die Existenzweise z.B. eines Gedankens irgendwie zu veranschaulichen, der nicht einmal wie ein Elementarteilchen irgendwo herumfliegt. Dennoch handelt es sich dabei um das eigentlich Reale des Menschen in der menschlichen Gemeinschaft, durch das er frei entscheiden kann, ob er Ja oder Nein sagen, ob er Gutes oder Böses, Freundliches oder Feindliches tun wird, oder ob er einer Logik folgen oder einem anderen Menschen, und ob er Gott gehorchen will.
In der archaischen Gemeinschaftsordnung besteht durch die drei schon genannten natürlichen Urtriebe, und wohl insbesondere durch den Geltungstrieb, bei den Hühnern auf dem Hühnerhof nicht anders als beim Menschen eine bestimmte Hackordnung, wobei von Rangstufe zu Rangstufe in dem Gerangel der jeweils Höhere nach Unten hin Macht im Sinne von freier Willkür und eigenem Ermessen besitzt, nach Oben hin jedoch in Abhängigkeit und Angst lebt vor der Macht und freien Willkür des Höheren, der jeweils auch die Willkür der Macht und Machtausübung nach unten durch Rangniedere beschränken und bestimmen kann, damit bis ganz nach Unten sein Machtgebäude funktioniert.
An diese Grundstruktur halten sich alle, weil sich alle daran halten. Der jeweilige Rang ist derart personalisiert, so dass es leicht einsichtig ist, dass sich der Mensch mit seinem jeweiligen Rang identifiziert und von anderen damit identifiziert wird. Wer davon abweicht, wird bestraft, gezwungen oder beseitigt, - als Störfaktor verstoßen oder getötet. Mit zunehmender Größe und Differenzierung solcher Gemeinschaften entstanden die Gesetze, von denen selbst unsere republikanischen abstammen, und zwar ursprünglich als personenbezogenes Vertragsverhältnis, wodurch die Rangpositionen auch Legitimität erhielten.
Noch drei weitere Faktoren kamen als Stabilisatoren und als zusätzliche Legitimierung des Ranggefüges von der jeweils älteren Generation hinzu:
Zum einen war es die von Oben verfügte Religion mit einem Gott, der mehr oder weniger strategisch und bewusst an die Spitze der Rangordnung und Hierarchie platziert wurde, wodurch Wille und Willkür von Oben nach Unten die zusätzliche Qualität des Übermenschlichen und der Legitimität erhielten, und wodurch der Gehorsam von Unten nach Oben zu der personengebundenen Vertragsdimension bzw. zum Vasallenverhältnis auch eine ethische Dimension bekam. Dieses bedeutete zugleich Schutz von Oben, weil es für jeweils Oben Machterhalt war und es bedeutete untergeordnete legitime Macht nach Unten, die man sich ebenfalls erhalten musste, wobei nahezu alle Mittel recht waren, die man nach Oben rechtfertigen konnte. Ob man nun an jenen Gott glaubte oder nicht, oder gleichgültig, ob es jenen Gott gab oder nicht, es ließ sich ganz praktisch als menschliches Ordnungsprinzip instrumentalisieren und wurde es auch. Als Funktion nach beiden Seiten bekam der Rang nun einen zusätzlichen gesellschaftlichen Wert, der höher geschätzt wurde, als der unergründbare eigentliche Wert der individuellen Freiheit des Menschen, der dem gegenüber eher als Unsicherheitsfaktor, als unberechenbar, gefährlich und insgesamt als negativ gewertet wurde und wird. Bis heute finden wir solche archaischen Vorstellungen des Göttlichen in den göttlichen Anreden, Attributen und Bedürfnissen, die eher zu einem Despoten passen. Und man kann bis heute solche Auswirkung bei normal frommen Leute beobachten, bei denen z.B. selbst eine Verletzung der Straßenordnung wie ein Verstoß gegen Gottes Ordnung empfunden wird. Und in der Tat hatte Verwaltung und Rechtssystem oft zugleich gewissermaßen Priesterstatus. Nicht das individuelle, sondern das durch Rang, Amt, Würde, gesellschaftliche Stellung und Funktion legitimierte Urteil hat auch Geltung, selbst wenn gerade dies von ganz offensichtlicher Ambivalenz ist. Geltungstrieb und Macht nach Unten rechtfertigt sich durch Loyalität nach Oben bis nach Gott z.B. als Royalist oder Gläubiger, wobei ein Urteil über Richtig und Falsch als Urteil über Gut und Böse sowohl als Ja wie als Nein zugleich möglich ist, wobei dann Bejahung ganz nach eigenem Belieben keineswegs das Gleiche bejahen muß, wie das, was ein Nein verneinen würde und Umgekehrt, wodurch dann Politik als Philosophie, Theologie oder Ethik zu einer rhetorischen Übung wird und zu einer regelrechten Falle und sog. Gehirnwäsche, soweit der Urteilende sich der Beliebigkeit nicht bewusst ist.
Zum anderen erhielt die Struktur zusätzlich die Dimension der vererblichen Tradition. Dadurch konnte man sich den Kampf um den Rang zunehmend sparen, denn man erbte ihn vom Vater oder von der Verwandtschaft und vererbte ihn. Durch beides entstand eine mehr oder weniger starre Kontinuität und fand gewissermaßen eine Institutionalisierung der gesamten aber immer noch archaischen bis despotischen Struktur statt, durch die logischer Weise bestimmte Entwicklungen je nach Belieben gefördert und andere verhindert werden konnten.
Ein drittes ganz natürliches Element der Verstärkung solcher Identifizierung ist deutlich erkennbar meist nur als Exzess und Unmenschlichkeit gegenüber anderen und zwar gegenüber als ungültig erklärten Gemeinschaften und ist keineswegs nur eine moderne Plage jeder Zivilisation und Rechtschaffenheit, wie es z.B. von Habermas gesehen wird. Es ist auch weit schwieriger zu denken und zu reflektieren als die vorherigen, weil es normalerweise mehr oder weniger selbstverständlich die eigene Gemeinschaft gewissermaßen als das eigene Nest ausmacht und zusammenhält. Es besteht in der Parallele oder Gleichzeitigkeit von Gültigkeit durch die Zugehörigkeit zur Gemeinsamkeit
wobei jedes Einzelne, und alles zusammen entsprechend verstärkt oder potenziert gewissermaßen als Sache oder als empirisch messbares und prüfbares überindividuelles und deswegen als höheres und geradezu mythisches Kriterium der eigenen Subjektivität und damit als Selbsterkenntnis auftritt, obwohl es eine Selbsterkenntnis eher verhindert oder verdunkelt - und natürlich erst recht das Verständnis und jede vernünftiges Erkenntnis des anderen, der dann nur noch als ungültig gilt.
Wir können durchaus sagen: Wohl dem Volk, dessen Gott der wahre Gott ist. Würde jedoch Gott dieses von der Beschreibung und Vorstellung abhängig machen, die wir uns von ihm gemacht haben, so wären wir wohl alle gänzlich gottverloren. Und würde jede Religion jede andere und jedes Volk jedes andere Volk und jeder Mensch jeden anderen Menschen bekämpfen, wo immer eine andere Gottvorstellung geerbt und gelernt wurde, so wäre die ganze Menschheit erst recht verloren. Denn dieses dritte genannte Element verdunkelt zusammen mit der Selbsterkenntnis und der Erkenntnis des Anderen auch das Verhältnis zu Gott, das ja dabei gewissermaßen ebenfalls zu einer mythischen, handhabbaren und instrumentalisierbaren Sache wird, die sich vor oder über Gott und vor und über jede Idee stellt.
In der Form des weltweiten, d.h. globalisierten Terrorismus mit der Instrumentalisierung der modernen Medien ist dieses sicher ein modernes Phänomen. Aber wir kennen dieses bereits im 12. und 13. Jahrhundert als Pogrome gegen Juden, Katharrer, Moslems in den Kreuzzügen und gegen Franzosen auf Sizilien, ganz zu schweigen von den schrecklichen nationalistischen, rassistischen und ideologischen Exzessen des 20. Jahrhunderts auf allen Seiten.
Das Schreckliche daran war und ist, dass es nicht immer herzlose und kriminelle Demagogen, sondern oft normale, redliche Menschen sind, die dann durch eines dieser genannten Vorzeichen wie besessen in die Irre gehen, oft eben nur loyal und treu – dem Gott, dem Staat, der Religion oder Konfession, der Kultur, der Familie, der Rasse, der Firma, der Baseball- oder Fußballmannschaft usw.- oder als Wahrheitsfanatiker, dessen Wahrheit sich über den Menschen stellt. Schade und geradezu tragisch ist es außerdem, dass durch solche exzessive Identifizierung gute und wichtige Gedanken und Ideen, die Teil unseres Denkens sein sollten, ad absurdum geführt werden. Als Denkbeispiel sollte der bis heute ungelöste und deshalb auch nur scheinbar von einer Partei gewonnene Universalienstreit gelten. Denn normaler Weise bewegt sich solche Identifizierung mit einer Aufgabe, Herkunft, Geschlecht, Rasse, Eigenart, Idee, Theorien, Religion, Konfession usw. als Verhalten und Kommunikation in jenem hochkomplexen archaischen Wertesystem und von solchem auch reguliert, und ist eine wertvolle und vereinfachende Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen, von der her die Übereinstimmung mit anderen und mit Konventionen und Gewohnheiten, mit Recht und Ordnung usw. eben sowohl die eigene Gültigkeit, Akzeptanz und wohltuende Bejahung und Zugehörigkeit bedeutet, wie auch die Bejahung der Gemeinschaft, unter welcher Staats- oder Gesellschaftsform auch immer. Ein Staatsmann, Richter oder Gesetzgeber, sei es Mann oder Frau, wäre heute geradezu unfähig und weltfremd, würde er/sie als Christ, Moslem, Jude, Buddhist oder Hindu usw. nicht mit der universalistischen höheren Allgemeinheitseigenschaft sehen und einplanen können z.B. die Frauen in ihrer Funktion als Gebärerinnen und als natürliche Erzieherinnen der Kleinkinder weswegen sie ein besonderes Thema für die medizinische, psychologische, soziologische, religiöse Wissenschaft ist. Als Beispiel für die Identifikation mit einer menschlichen Eigenschaft und Funktion, und erst recht für den Universalienstreit sicher das denkbar schwierigste, dafür aber das wohl aktuellste. (Siehe die Definition von Prof. Dr. J. Klein). Daß es bei dieser Problematik des menschlichen Selbstverständnis auch um Recht und Gerechtigkeit im Verhältnis zur Macht ging, zeigt, dass zugleich mit dieser Diskussion und mit gleichem Aufwand an Scharfsinn und Denkarbeit auch das Kirchenrecht als Verhältnis von Religion und Staat bis zu den Elementarfragen des Verhältnisses des Menschen zu Staat und Religion vorankam, das von Paulus über Origines, Augustinus, Gratian, Innozens III., Wiclif, dann zur Reformation über Erasmus, Luther, Locke, Berkeley, Hume, Kant und bis zum Humanismus der Moderne Gestalt gewann.
Ich weiß nicht, ob es irgendwann auch eine Geschichtsschreibung der Entwicklung des Rechtsbewusstsein zwischen Mann und Frau geben wird; es wäre wahrscheinlich zu kompliziert, weil ein eindeutig logisches oder gar juristisch geregeltes gerechtes Verhältnis nicht denkbar sondern nur mit Vernunft lebbar ist. Sicher sind Mann und Frau durch den Arterhaltstrieb aufeinander bezogen, der eng mit dem Geltungs- oder Gültigkeitstrieb und dem Existenzerhaltstrieb verwoben ist. Parallel zum Universalienstreit ergibt sich das logische Problem, dass es dabei um die Art Mensch geht, die erhalten werden will, wobei die Frage, wer von beiden nun der Mensch ist, 1. ob der Mann der Mensch ist, der seine Art erhalten will, für den die Frau nur das gebärende Instrument ist, oder ob 2. die Frau als Gebärerin des neuen Lebens und des neuen Menschen der Mensch ist, der erhalten werden will, für die der Mann als Instrument nur der Befruchter und Versorger ist. In beiden Fällen würde der strenge Nominalist behaupten, dass es den Menschen eigentlich nicht gibt, sondern nur den Mann, wie in einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung der Mann behaupten würde, bezw. dass die Frau der Mensch ist, wie in einem Matriarchat die Frau behaupten würde. Wahrscheinlich lässt sich beides bis hin zur Genstruktur erhärten. Im ersteren Fall war dann in der Menschheitsgeschichte auch der Gott, der diese Definition legitimiert, männlich; und im letzten Fall war dann auch die Göttin weiblich, die solche Definition repräsentiert. In den beiden möglichen Extremfällen eines Geschlechterkampfes, zu dem als Gültigkeitskriterium je nach Entwicklungsstand der Gesellschaft noch das Gültigkeitskriterium als Art der Familie, der Verwandtschaft, der Rasse, der Region, der Nation, der Patriarchatgesellschaft gegen die Matriarchatgesellschaft, Kapitalismus gegen Kommunismus, Diktatur gegen Demokratie, Religion gegen Religion und umgekehrt usw., usw., hinzukommt, gälte es unausweichlich, das jeweils andere zu beseitigen, die anderen zu töten oder aber zu unterdrücken, was eben mehr oder weniger nur durch Gewalt und Terror bis in die Familie vor sich ging und geht. Aus meiner eigenen Jugendzeit kenne ich noch den Spruch, dass ein rechter Mann, der auf sich hält und von anderen wie von der eigenen Frau akzeptiert werden will, die Frau kontrollieren und auch regelmäßig verprügeln müsse, damit sie gehorcht und sittsam bleibe.
Weder mit Gewalt noch logisch ist auf diesem Alltagslevel das Problem auch nicht zu lösen.
Vorausschicken möchte ich aber, daß es natürlich trotz allem auch im Patriarchat und auch in einer von der Frau dominierten Familie, von denen es auch im patriarchalischen Abendland und auch im Islam viele gibt, glückliche Ehen und Familien leben, ohne Zwang, Terror und Angst, ohne Prügel und Unterdrückung, was aus Liebe und Vernunft eines wie auch immer gestalteten gegenseitigen Arrangements des Gebens und Nehmens und des gegenseitigen Nachgebens möglich ist. Wie in der Familie, so in der Verwaltung und Beruf, im Staat und zwischen den Staaten.
Um diese Vernunft und Reife geht es.
Denn genau das Gegenteil davon, nämlich ein selbstvergessener Exzess, selbstvergessen im wahrsten Sinne des Wortes als eine aller Menschlichkeit spottenden und diese ignorierende Bereitschaft zur Tyrannei, zur Benutzung und Instrumentalisierung des Mitmenschen als Erniedrigung und Verachtung, als Beleidigung des Andersartigen als unwert und ungültig auch mit Gewalt, Terror, Folter und Tötung, wo das Andere sich nicht selbst erniedrigt und unterwirft – und selbst dann, kann am Beispiel ehelichen oder geschlechtlichen Verhaltens, das in solchem Fall natürlich für beide die Hölle ist, den Hang, den Trieb oder die allem Wertdenken innewohnende Schwerkraft zu solcher Unmenschlichkeit als Grausamkeit nämlich als Error, als Fehlverhalten und Versagen der Vernunft deutlich gemacht werden, nämlich auch als logischer Denkfehler, der gerade im Namen der Logik nominalistischer Konsequenz, die Existenz und den realen Wert von Mensch und Menschlichkeit verneint zugunsten eines Prädikats des Menschen, mit dem sich ein solcher exzessiv - z.B. im Streit, bei der Vergewaltigung, bei der Zuhälterei oder der gewaltsamen Errichtung der eigenen Autorität identifiziert, sei es als Männlichkeit oder Weiblichkeit, sei es allgemein als Polizist, Fürst, König oder was auch immer.
Im Normalfall gibt die Eigenschaft dem Menschen heute nur und durchaus eine zusätzliche Bedeutung, »Ich bin die Frau von...»,»die Mutter von...», » die Braut», »Ich bin der Mann von...«,»... der Vater von...«, »Ich bin der Handwerker.», »...der Geselle.«, »...der Chef.», »...der Präsident.«, »Ich bin Deutscher.«, »...Deutsche.«, Französin«, »...Franzose.«, »...Hamburgerin.«, »..Dortmunder.«, »Ich bin Moslem.«, »Ich bin Katholik.«, »...Protestant.« usw., wobei Berufsethos, Lokal-, National- und Religionsstolz und Lokal-, National- und Konfessionspatriotismus und das Geschlecht als Sonderrolle durchaus positiv und mehr ist, als nur eine Präzisierung der gesellschaftlichen Funktion. Denn man hat oder spielt oder vertritt mit solcher gesellschaftlichen Eigenschaft als Mensch eine Sonderrolle als ein Verhältnis zu anderen Rollen und Sonderrollen, sei es komplementär zu anderen Rollen oder über- bzw. untergeordnet z.B. „Obermedizinalrat“, Hauptwachmeister usw.. Und es ist der ganz natürliche Geltungstrieb bzw. das natürliche Gültigkeitsbedürfnis – immer eng verknüpft mit dem Existenzerhalts- und Arterhaltstrieb - , die in jedes soziale Verhältnis solcher Rollen oder Funktionen sowohl ein mehr oder weniger hartes Gerangel hineinbringt, wie es auch Befriedigung und Lustgefühl vermittelt.
Die Versuchung oder sogar der Hang zu einer bestimmten leichten bis exzessiven Perversion des Gerangels, eine solche Rolle des Menschen über das Menschsein als Grundeigenschaft des Menschen zu stellen, wo immer der Mensch ohne Rolle keine Rolle spielt, wie es heißt, resultiert – sehr alltäglich und trivial vereinfacht verstanden, - teils aus der Angst vor der eigenen Ungültigkeit, teils aber aus dem Bedürfnis, den eigenen Wert durch die Entwertung des anderen aufzuwerten und durch bestimmte Maßnahmen abzusichern, durch die man aus Angst oder Trägheit den Bereich des Gerangels verlässt und sich in eine feste Position z.B. hinter eine Funktion, ein Amt, einen Titel usw. verschanzt.
Aber, so sehr plausibel diese Erklärung auch sein mag, und so sehr sie der realen Lebenserfahrung entspricht, so ist und bleibt dennoch sowohl solches Verhalten wie auch seine Erklärung widersprüchlich; denn wenn dieses Gerangel zur natürlichen menschlichen Eigenschaft gehört, würde sich mit der Verneinung des reinen Menschseins auch diese Begründung verneinen. Außerdem widerspricht solche Wertverneinung des nackten Menschseins logisch dem Arterhaltungstrieb. Denn auch dann, wenn Art und Gen als Selbstwert sich nur jeweils auf die eigene Stammfolge, Familie und Sippe bezieht, wie wir es als Lebenshaltung in allen Gesellschaften ja auch vorfinden, wie sich der Wert einer gesellschaftlichen Rolle eines einzelnen dann auch auf die ganze Familie überträgt, wie auch die moderne Geschichtsschreibung sowohl beschreibt wie auch in dem eigenen Wertungsverhalten demonstriert, so ist dennoch die höchstdenkbare gesellschaftliche Rolle, selbst wenn ein Mensch die ganze Welt erobert, nur eine Applikation, geradezu nichts gegenüber dem einmaligen Wunder und Wert einer individuellen Existenz, wie es eindringlich alle großen Religionen predigen.
Mit diesem Widerspruch im menschlichen Verhalten befassen sich denn auch die größten Geister der Menschheit nachweislich seit 6000 Jahren, wie es in genial kurzer Form die Philosophin Frau Prof. Dr. Annemarie Pieper in dem Handbuch philosophischer Grundbegriffe zusammenfasst, soweit die menschliche Erkenntnis darüber bis zum vergangenen Jahrhundert gediehen war, und wie dieses Wissen jeder Mensch unserer Zeit kennen sollte.
Pieper unterteilt die bis zu Prauss ungelöste und unlösbare Problematik der Frage, »Wer bin ich?“ im Unterschied zur bis dahin ebenfalls ungelösten Frage »Was bin ich? Was ist Etwas?«, mit dem Letzten beginnend, in drei Themenbereiche, wie sie sich in der vergangenen 6000 Jahren herausgebildet haben:
1.
Die ontologisch-logische Bedeutung
2.
Die personale Bedeutung
3.
Strukturanalyse des Begriffs Individuum
1. Die ontologisch-logische Bedeutung
Mit dem großen Philosophen Plato (423-347 v.Chr.) präzisierte sich nach vielleicht einer Million Jahren Menschheitsgeschichte und auch geistiger Menschheitsentwicklung die Erkenntnis, dass wir Menschen eigentlich blind für unsere Wirklichkeit und blind für das, was mit und durch uns geschieht, und damit wertlos, trotz aller Eitelkeit und irdischem Streben im Prinzip von Geburt bis Tod nicht anders oder schlimmer noch wie das Vieh dahintreiben.
Nur subjektiv erkennen wir nach Plato von uns selbst und von den Dingen dieser Welt nur wechselnde Eigenschaften, die die Dinge mit anderen Dingen mehr oder weniger zufällig gemeinsam haben und auch wieder verlieren können, wie z.B. Farbe oder Form, was er Idee nannte, nach der etwas gefärbt oder geformt ist. Aber das, was diese Eigenschaft oder Form hat, das eigentlich Wirkliche, eben das, was z.B. zwei völlig gleichfarbige und gleichförmige Dinge voneinander unterscheidet, können wir nicht erkennen, nicht einmal denken, geschweige denn sprachlich ausdrücken, »Ich weiß, dass ich nichts weiß.«, es ist das Noumena, was der Philosoph Kant (Immanuel Kant, geb 22.4.1724 in Königsberg, gest. 12.2. 1804) etwa 2000 Jahre später als das unerkennbare »An sich sein« umschreibt.
Pieper wörtlich (roter Text von mir.): „Der logische Begriff »Individuum« ist mithin ein Grenzbegriff und steht in der Funktion des Kantischen »Ding-an-sich«-Begriffs, durch den eine Grenze gedacht wird, die das begriffliche Erkennen von dem ihm Vorgegebenen scheidet. Die sich in der Unauflöslichkeit des Gegebenen manifestierende Grenze von Unerkennbarem und Erkennbarem, Unsagbarem und Sagbarem, Unmittelbarem und Mittelbarem, Individuum und Begriff ist nicht naturaliter antreffbar, sondern selber Leistung des Begriffs.
Die
Grenze liegt also grundsätzlich zwischen der Erkenntnis und dem Erkannten, das
als das An-sich-sein des Subjekts nicht erkannt werden kann.
Indem etwas begriffen wird, wird immer schon das Unbegreifbare davon ausgeschlossen, und dieses Ausgeschlossene wird als an sich unbegreifliches Individuum begriffen. Zwar hebt das Erkennen beim unmittelbar gegebenen Einzelnen an, aber es trifft nicht das Einzelne als Einzelnes, sondern immer ein bereits vermitteltes, verallgemeinertes Einzelnes, dessen wirkliche Genesis ihm verborgen bleibt.
Kündigt sich im Begriff »Individuum« die Eigentümlichkeit eines geistigen Aktes an, der sich selbst als begrenzt weiß, so erklärt sich daraus die Aristotelische These, daß es keine reine Wissenschaft (Metaphysik) vom Einzelnen geben könne, weil es sich aufgrund der Materialität seines Individualitätscharakters weder durch Definition (δςισμός) noch durch Beweis (άπόδειζιζ)11 begreifen ließe.
In der Gegenwart hat Prof. Gerold Prauss begonnen, eine nichtempirische Wissenschaft vom Empirischen zu begründen. (Prauss, „Die Welt und wir“, Metzler)
Eine Metaphysik vom Individuum im strikten Sinn ist nicht möglich, eben weil im Begriff »Individuum« etwas prinzipiell Unbegreifliches mitgedacht werden muß, das ein mathematisch exaktes, notwendiges Wissen nicht erlaubt. Wissen vom einzelnen kann nur nachträglich gewonnen werden und ist veränderliches, geschichtliches, nie vollständiges, perfektes Wissen. Dieses kann nicht Gegenstand der Metaphysik sein, die die Prinzipien des Seienden als Seienden zu ergründen sucht und daher von einer Erforschung der materiellen Bestimmtheit des einzelnen Seienden absieht, um die Wahrheit des ewig und an sich Gültigen zu finden 12. Dennoch ist nach Aristoteles die Zuwendung zum einzelnen eine wichtige Aufgabe, nämlich für den, der eine Kunst (τέχνη) ausübt und deshalb der Erfahrung (έμπεοία) bedarf, die allein ein Wissen vom einzelnen vermittelt. So besteht die ärztliche Kunst z. B. darin, den Sokrates oder den Kallias gesund zu machen, nicht aber den Menschen an sich. Um einen bestimmten Menschen heilen zu können, muß der Arzt die tatsächlichen Ursachen der menschlichen Krankheiten erforschen 13. Der Naturwissenschaftler, der Arzt, der Historiker, der Soziologe, der Jurist, sie alle haben es als empirische bzw. als praktische Wissenschaftler mit dem Individuellen zu tun, freilich nicht mit der Individualität von Individuen, sondern mit dem Allgemeinen an Individuen, das erkennbar und ein technisch verwertbares Wissen ist.“
Da wir also nur an Einzeldingen, Erfahrungen, überhaupt etwas erkennen können, wandte sich Aristoteles (* 384 v. Chr., † 322 v. Chr.; Schüler Platons u. Erzieher Alexanders d. Gr.; ) diesen Einzeldingen und Arten zu, an denen wir zumindest Allgemeines erkennen können, womit er die moderne Wissenschaft begründet, die dann in der Neuzeit trotz Descartes, Hume und Kant, mehr oder weniger bewusst diese Eigenschaften die Bedeutung als die eigentliche Realität und Materie annahm. Das Eigentliche und Wesentliche der Welt und auch des Menschen, nämlich das Individuum und Einmalige gerät dabei aus den Blick und wird „vergessen“ und nebensächlich, der einzelne Mensch, das Individuum, als Versuchstier nur ein ungenaues Beispiel des Allgemeinen.
Diese Problematik im Erkennen des Menschen und die Folge für den Menschen als Individuum in seiner Handlung also wie in seiner Behandlung ist also keineswegs die Folge der Wissenschaft sondern zeigt sich dort wie überall wie auch im naiv und primitiv Archaischen da, wo das Allgemeine, z.B. die Art, Familie, Rasse, Zugehörigkeit, Menge, Öffentlichkeit, Macht wie überhaupt äußere Eigenschaften z.B. Jugend, Geschlecht, Größe, Kraft, Intelligenz usw. ausschlag- und maßgebend sind für das Verhalten bei der Bewertung des Menschen, wobei das eigentlich Reale und Wirkliche als das Individuelle des Individuums geradezu nebensächlich und übersehen wird.
Folgenschwer ist dennoch gerade diese Blindheit für das Einmalig-Individuelle besonders bei wissenschaftlichen Einsichten, als ob wie beim Menschen auch in der nichtmenschlichen Natur bei Pflanzen und Tieren solche Prioritäten gelten, wo immer die Natur also das Allgemeine über das jeweils Individuelle stellt, den Plural über das Singuläre, Zufällige, Vergängliche, wobei eben übersehen oder vergessen wird, dass es sich auch bei solchen Beobachtungen eben um unsere beschränkte Wahrnehmung und Blindheit handelt.
Pieper wörtlich (roter Text von mir.):
2.
Wird das Individuum als praktischer Begriff gedacht, so
umfaßt er nicht jedwedes empirisch antreffbare Objekt, sondern in vorzüglicher
Weise den Menschen. Die Spannung von Allgemeinheit und Besonderheit, die sich
unter theoretischem Gesichtspunkt in dem ontologischen Gegensatz von Form und
Materie bzw. in dem logischen Gegensatz von Begriff und Nichtbegriff ausdrückt,
kehrt unter praktischem Gesichtspunkt in den ethischen Gegensätzen von Freiheit
und Notwendigkeit, sittlicher Norm und Faktizität, Pflicht und Neigung (Kant), reinem Trieb und Naturtrieb (Fichte) wieder. Werden diese Gegensätze
jedoch nicht im Medium der Sittlichkeit, sondern nach dem ontologischen
Denkschema gedeutet, so resultiert daraus eine Abwertung des Individuellen
zugunsten des Allgemeinen.
Folgenschwer ist, dass
genau in dieser Beschränktheit sowohl in dem wissenschaftlichen Urteil wie dann
auch in dem Beurteilten wegen der allgemeinen Anwendbarkeit bzw. Benutzbarkeit
des Allgemeinen das hohe Ansehen des Wissenschaftlichen beruht.
Parmenides, Platon, Plotin und
schließlich Hegel betonen die
Vollkommenheit der Idee, der gegenüber das Individuum als nichtiges,
veränderliches, vergängliches einzelnes erscheint. Hegels Formulierung des Prinzips der »List der Vernunft« macht
deutlich, wie aus dem Untergang des Individuellen das Allgemeine hervorgeht:
»Man kann es die List der Vernunft nennen,
daß sie die Leidenschaften für sich wirken läßt, wobei das, durch was sie sich
in Existenz setzt, einbüßt und Schaden leidet. Denn es ist die Erscheinung, von
der ein Teil nichtig, ein Teil affirmativ ist. Das Partikuläre ist meistens zu
gering gegen das Allgemeine; die Individuen werden aufgeopfert und
preisgegeben. Die Idee bezahlt den Tribut des Daseins und der Vergänglichkeit
nicht aus sich, sondern durch die Leidenschaften der Individuen« .
Dieser Metaphysik des Allgemeinen steht im Christentum ein Gegner
gegenüber, der die Einmaligkeit und Besonderheit des Individuums — wie sie sich in der Gestalt Jesu Christi prototypisch ausprägt — in den Mittelpunkt seines Denkens stellt. Kierkegaard, der Antipode Hegels,
bringt dies beispielhaft zum Ausdruck: Das Christentum »legt ein ganz
anderes Gewicht auf mein kleines Ich, und auf jedes noch so kleine Ich, da es dieses
Ich ewig selig machen will« .
Durch die Deutung der
Schöpfung als einer positiven Tat Gottes geschieht zugleich eine pointierte
Zuwendung zum Individuum. Die dadurch akzentuierte Bedeutung nicht nur der
allgemeinen Wesensstruktur, sondern auch der Individualität des Individuums
tritt in den beiden christlichen Termini Sünde — ewige Seligkeit in besonderer
Weise hervor. Die Sünde liegt in der Ablehnung der Individualität des
Individuums, ....
Z.B., ich töte den Israeli, den Amerikaner, den Russen, den Japaner, den Italiener, den Schiiten und die Hamas, der Dschihad oder wer oder was sonst übernimmt die Verantwortung: Nicht wer sondern was tötet nicht wen sondern was bzw etwas. Ein Denkfehler.
.... Individualität, sofern sie als sittliche Selbstrealisierung des
einzelnen gedacht wird, stellt sich als die je neu zu findende Mitte zwischen
zwei extremen Handlungen dar, durch die sich das Individuum verfehlt. Die reine
Willkürhandlung auf der einen Seite trifft deswegen das Individuelle nicht,
weil sie nicht oder nicht ausdrücklich unter der Form der Individualität — die
wesentlich frei verantwortete Selbstbestimmung ist, nicht aber schlichte
Beliebigkeit des Wählenkönnens — vollzogen ist. Auf der anderen Seite verfehlt
sich der einzelne in seiner Individualität aber auch dann, wenn er den Maßstab
seines Handelns fraglos von »Autoritäten« übernimmt, denn in diesem Fall läßt
er sich von anderswoher bestimmen, ohne dabei sich selbst zu realisieren. Individuelles Handeln muß daher als die
Mitte zwischen bloß willkürlichem Handeln und unreflektiertem, »programmiertem«
Tun verstanden werden....“
Was passiert, wenn ein Mensch ein physikalisches oder anderes z.B. ein mathematisches Naturgesetz anwendet? Handelt dort ein Mensch oder ein Naturgesetz? Wird er damit zum Gesetz? „Ich bin das Naturgesetz?“ Ein Denkfehler! Kann ein Naturgesetz doch nicht mit Mord drohen oder mit Mord bestrafen im Sinne der Rache. Ein Naturgesetz hat keine Individualität, - sowenig wie ein Strafgesetzbuch. „Ich bin das Gesetz?“ Auch Gott ist kein Naturgesetz und kann nicht wie ein solches vom Menschen angewandt werden, es wäre dann eben kein Gott sondern ein Irrglaube zu glauben, ihm die Verantwortung für das eigene Handeln geben oder selbst Gott sein zu können.
„Stellt sich das Individuum unter praktischem Aspekt als in seiner Individualität durch andere Individuen vermittelt dar, so kann das principium individuationis in praktischer Hinsicht durch den Freiheitsbegriff gefaßt werden. Die Freiheit ist der Grund sowohl dafür, daß sich das Individuum selbst bestimmt, wie dafür, als was es sich selbst bestimmt. Daher ist die Bestimmtheit eines Individuums nicht begreifbar, auch nicht durch einen »Individualbegriff«, wie ihn Duns Scotus und Leibniz zu konstruieren versucht haben. Denn selbst wenn es gelingen sollte, in der haecceitas die entitas positiva, die Form der Sobestimmtheit eines Individuums (z. B. die Petreitas des Petrus) positiv zu eruieren 19, so würde damit nicht die Begriffsbestimmung eines Individuums gegeben, sondern ein Prinzip entwickelt, mit dessen Hilfe die Geschichte eines Menschen totaliter rekonstruierbar bzw. vorhersagbar wäre. Leibniz führt diesen Gedanken weiter aus, wenn er sagt, »daß das Wesen einer individuellen Substanz bzw. eines vollständigen Seienden darin besteht, daß ihm ein derart vollkommener Begriff eigen ist, der ausreicht, alle Prädikate des Subjekts, dem dieser Begriff zukommt, zu verstehen und aus ihm herzuleiten« 20, aber er fügt sogleich hinzu, daß diese Herleitung der Prädikate, mithin der Summe der wirklich geschehenen und noch geschehenden Handlungen eines Individuums aus dessen Individualität nur Gott aufgrund seiner Allwissenheit möglich sei. Der Mensch vermag die Individualität eines Individuums nicht zu erkennen; die Konzeption des vollständigen Individualbegriffs eines Individuums, durch den ein Mensch in seiner Individualität totaliter erschließbar wäre, würde die Freiheit des einzelnen, sich selbst zu bestimmen, aufheben und dadurch gerade die Möglichkeit, sich zu »individualisieren«, vernichten......“
Der Begriff »Individuum« ist ein Relationsbegriff, der sowohl unter theoretischem wie unter praktischem Gesichtspunkt über seine Struktur hinausweist auf etwas hin, das sich aus der Struktur nicht herleiten und erklären läßt. Theoretisch stellt sich der Begriff »Individuum« als die komplexe Einheit einer auf eine Raum-Zeit-Stelle fixierbaren, empirisch begegnenden Mannigfaltigkeit dar (z. B. der Mond, der Nußbaum in Herrn Meiers Garten, Julius Cäsar). Die philosophische Rekonstruktion dieser Einheit ist nur möglich unter der Voraussetzung, daß der als Individuum erfaßte Gegenstand sich als »etwas« gezeigt hat, das eine begriffliche Abgrenzung gegen andere Individuen erlaubt. Eine solche Abgrenzung kann nicht durch Definition des Gegenstandes geschehen, weil er dadurch nur unter einen allgemeinen Gattungsbegriff subsumiert, nicht aber in seiner Individualität erkannt wird. (So ist der Mond nicht aus dem Begriff »Himmeiskörper«, der Nußbaum in Herrn Meiers Garten nicht aus dem Begriff »Baum«, Julius Cäsar nicht aus dem Begriff »Mensch« vollständig erkennbar.) Vielmehr muß über das allgemeine definitorische Moment hinaus, das das begriffliche Wesen einer Klasse von Individuen bezeichnet (Himmelskörper, Baum, Mensch), noch ein empirisch-materielles Moment gedacht werden, durch das ein a priori nicht konstruierbarer, nur a posteriori erfahrbarer Unterschied bezeichnet wird, der die positiv-inhaltliche Abgrenzung eines Individuums gegen Individuen derselben oder einer anderen Gattung ermöglicht. Der Modus des aposteriorischen Gegebenseins ist konstitutiv für den Begriff »Individuum«, den die theoretische Reflexion als den Inbegriff des Empirischen und Zufälligen denkt. Die Einheit dessen, was durch den Begriff »Individuum« gedacht wird, ist primär durch wirkliche Erfahrung begründet und gelangt daher in der Einheit des Begriffs nur sekundär und nachträglich zur Erscheinung. Das über die Einheit des Begriffs hinausgedachte vorbegriffliche »Mehr« begründet die Individualität des Individuums, die, sofern sie sich äußert, als Geschichte erzählbar, nicht aber als Begriff a priori konstruierbar ist. (Der Nußbaum in Herrn Meiers Garten kann im strengen Sinn nicht begriffen, sondern über ihn kann allenfalls eine Geschichte erzählt werden.)
Stellt sich der Begriff »Individuum« unter theoretischem Gesichtspunkt als
eine komplexe Einheit dar, die durch logische Re-konstruktion nur abstrakt
erfaßbar ist, so wirft die praktische Bewältigung der Einheit des Individuums
andere Probleme auf, insofern sie nicht als etwas bereits Konstituiertes
begriffen ist, das es lediglich nach-zudenken gilt, sondern als etwas, das
allererst hergestellt werden soll, und zwar durch eine Praxis hergestellt
werden soll. Daher erfährt der Begriff »Individuum« unter praktischem Aspekt
eine Einschränkung derart, daß er nicht jedwedes theoretisch als Einheit einer
Mannigfaltigkeit Denkbare, sondern ausschließlich das sich handelnd als Einheit
Setzende begreift, und das ist in vorzüglicher Weise das menschliche
Individuum. Der entscheidende Unterschied zwischen menschlichen Individuen
tritt primär nicht als raum-zeitlich-materieller Unterschied hervor, da durch
diesen nur eine den Individuen äußerliche Verschiedenheit konstatiert wird. Die
ontologische (natürlich, geschichtlich, sozial usw. bedingte) Vereinzelung ist
im Hinblick auf die sittliche Vereinzelung von relativer Bedeutung, da sie nur
die faktische Bestimmtheit des Individuums, nicht aber seine freie
Selbstbestimmung betrifft. Der wesentliche Unterschied zwischen menschlichen
Individuen geht also aus der jeweiligen Praxis hervor, durch welche der
einzelne sich in seiner Individualität bestimmt und damit als Einheit allererst
setzt. Dieser Akt der Selbst-setzung des Individuums geschieht aus Freiheit, d.
h. er ist formaliter unbedingt; im Hinblick auf das jedoch, was unbedingt
bejaht wird, ist die Freiheit an das »Selbst« gebunden, das der
Selbstbestimmung des einzelnen zum Individuum geschichtlich vorgegeben ist,
insofern er, wenn er anfängt, aufmerksam auf sein Tun zu werden und
verantwortlich zu handeln, nicht einen schlechthin neuen Anfang setzt. Er hat
vielmehr eine Vergangenheit und damit eine Geschichte, die nicht negiert werden
kann, sondern in die Selbstbestimmung mit einbezogen werden muß. Die
Selbstbestimmung zum Individuum realisiert sich daher als Verhältnis zu sich
selbst, als unbedingte Bejahung der Geschichtlichkeit des Selbst, die zugleich
die unbedingte Verneinung der Ungeschichtlichkeit des vor-individuellen Selbst
impliziert, dessen Handlungen der Einheit entbehren, da sie nicht aus der sich
verantwortlich wissenden Freiheit des Individuums hervorgegangen sind, sondern
die bloße Beliebigkeit, die Bestimmtheit durch das zufällig Begegnende zum
Prinzip haben.
Der stellungnehmende Bezug des sich in seiner Individualität setzenden
Individuums auf die sich als Geschichte darstellende Vergangenheit seines
vorindividuellen Selbst enthält eine doppelte Implikation: Einerseits wird der
einzelne darin gänzlich isoliert und auf sein konkretes Eigenwesen
zurückgeworfen, das aus seiner vorindividuellen Verschlossenheit in zukünftiger
Praxis frei entfaltet werden soll; andererseits ist das vorindividuelle Selbst,
insofern es eine Geschichte hat, nicht bloß Tat des einzelnen, sondern Produkt
einer Vermittlung, eines je schon Verflochtenseins mit anderen Geschichten. In
dieser Vermitteltheit drückt sich die allgemeine Bestimmung des abstrakten
Begriffs des »Individuellen an sich« aus, der als solcher etwas
Überindividuelles, allen Individuen, sofern sie als Subjekte einer Gattung
betrachtet werden, Zukommendes beinhaltet. Menschliche Individualität überhaupt
besteht darin, ein Vernunftwesen zu sein, d. h. Selbstsein ist nur dann gerechtfertigt,
wenn es zugleich die allgemeine Menschennatur in sich begreift. Da der
Seinsvollzug des Individuums jedoch kein abstrakter Vorgang, sondern nur durch
eine gehaltliche Vermittlung hindurch möglich ist — das Individuum begreift
sich als Subjekt nur an einem ihm entgegenstehenden Objekt, erfährt sich als
Selbst nur im dialogischen Verhältnis zu einem anderen Selbst —, ist es je
schon an das andere seiner selbst verwiesen, von dem es sich, indem es sich
selbst setzt, absetzt, doch so, daß es zugleich auf es als die Bedingung der
Möglichkeit seiner Erfüllung bezogen bleibt. Darin liegt die Dignität des
Individuums, daß es in der praktischen Realisierung seiner selbst immer mehr
verwirklicht als seine eigene Besonderheit. Dieses »Mehr«, das in der mitgesetzten
Anerkennung anderer Freiheit liegt, begründet die Möglichkeit der Gemeinschaft
von Individuen, innerhalb derer der einzelne in freier Entfaltung seiner
Besonderheit geschichtlich zu sich selber kommt.
In der Aktualität einer wirklichen Gemeinschaft — sei sie in der Ehe, in
der Gesellschaft, im Staat, in der Kirche u. a. vollzogen — erfährt sich das
Individuum als Person. Der Charakter des Personseins kommt dem Individuellen
Sein unter dem Aspekt der Sittlichkeit zu, die die Basis eines gemeinsamen Handelns
— sei es mit dem Partner, mit Mitgliedern der Gesellschaft und des Staates oder
mit Gott — ausmacht. Durch dieses Verhältnis konstituieren sich verschiedene
Individuen als selbständige Personen, indem sie den andern dadurch als
gleichberechtigten Partner anerkennen, daß sie ihr Handeln ihm gegenüber zu
verantworten und zu rechtfertigen bereit sind. Eine solche Rechtfertigung ist
aber nur möglich, wenn der Maßstab des Handelns ein sittlicher ist, mithin dem
Verhältnis entnommen ist, nicht aber einseitig einem der Glieder des
Verhältnisses. Wird entweder die pure Besonderheit eines Individuums auf der
einen Seite oder das Interesse einer Menge von Individuen auf der anderen Seite
zur allgemein geltenden Handlungsnorm hypostasiert, so entstehen zwei extreme
Fehlnormen individuellen Handelns, die als Individualismus und Kollektivismus
bezeichnet werden können. Dem Individualismus liegt das Mißverständnis
zugrunde, daß angenommen wird, das Individuum müsse sich dadurch als Individuum
erweisen, daß es sich in gänzlicher Isoliertheit unabhängig von der
Beeinflussung durch andere Individuen in seiner Individualität entwickle und
erst nachträglich — sozusagen als seinem Wesen nach fix und fertiges Individuum
— in Beziehung zu anderen Individuen treten könne, aus der dann mit der Zeit
ein gemeinschaftliches Handeln erwüchse. Der Kollektivismus dagegen setzt
umgekehrt das allgemeine Moment des Wechselverhältnisses zwischen Individuen
absolut, interpretiert es aber empirisch als das, was die Mehrheit will, ohne
darüber nachzudenken, ob und wie sich dieses Interesse der Mehrheit sittlich
rechtfertigen läßt. Sowohl der Individualismus als auch der Kollektivismus sind
deswegen ein theoretisches Mißverständnis menschlichen Handelns, weil sie den
Verhältnischarakter jedweder Praxis negieren und damit die das Verhältnis
fundierende Sittlichkeit aufheben. In beiden Fällen entzieht sich der einzelne
der persönlichen Verantwortung, indem er sich entweder in sich selbst
verschließt und dem anderen eine Rechtfertigung seines Tuns verweigert, oder in
die Anonymität der Masse flüchtet und ihr die Verantwortung für sein Tun
zuschiebt. Beide Male verfehlt sich das Individuum als Individuum, weil es
weder in selbstischer Verschlossenheit noch in selbst-loser Veräußertheit zur
Einheit seines Seins findet. Die Einheit des Individuums mit sich selbst stellt
sich nur im praktischen Vollzug der Anerkennung der Verhältnisstruktur
menschlichen Handelns her, in welchem das Individuum seine ureigenste
Besonderheit geschichtlich so verwirklicht, daß dadurch die Besonderheit
anderer Individuen in ihrer Positivität sichtbar wird — im gemeinsamen Medium
der Freiheit.
Wenn
auch mehr ein Statement oder ein Postulat von Frau Prof. Dr. Annemarie Pieper,
wie der Begriff „Individuum“ verstanden werden sollte, als eine Begriffsanalyse
des allgemeinen realen und realistischen Gebrauchs, so stellt dieser 3. Absatz
„Strukturanalyse des Begriffs Individuum„ dennoch die Summe so mancher bitteren
Lehre dar, die wir aus dem üblen und deswegen falschen Verständnis und
Verhalten individueller Qualität in der uns bekannten Menschheitsgeschichte und
Gegenwart gezogen haben sollten. Vielleicht ist das Postulatum als Hoffnung und
Ziel des Individuums wichtiger, als die Wahrheit über den Sumpf, in dem das
Individuum nun mal immerzu steckt, und den Pieper ja auch wohl deutlich
absteckte: Der Mensch und seine Absicht zwischen Zufall und Fremdbestimmung,
wie seine Karten gemischt und die Würfel gefallen sind oder wie seine Pflicht
ruft bestenfalls, und man sollte es auswendig lernen. Es taugt aber weder als
Rat noch als Doktrin – vielleicht nur als Lockruf oder als Weckruf aus einer
Identität, aus einer Identifizierung, die nichts weniger als ein Gefängnis oder
eine Befangenheit ist, die uns hindert, uns selbst und damit ehrlich zu sein
und hindert, die naheliegendsten Gedanken denken zu können und zu wollen, weil
der Mensch für den Menschen als das Produkt der Zeugung, der Gene, des eigenen
Körpers, des eigenen Verstandes, der Triebe und der Erziehung bis heute oder
bis zu Prauss so eben nicht widerspruchsfrei denkbar ist.
Gerold Prauss fasst dies (wenn auch im weitesten Sinne) am Beispiel Kants in folgende Worte:
Prauss, „Die Welt und wir“, Bd.II/I, S.255-261:
Schließlich könne es doch
keinen Zweifel daran geben, daß auch solche Subjektivität nur aus Natur
entstanden sei, phylogenetisch, und, ontogenetisch, immer wieder aus Natur
entstehe. Notwendigerweise aber laufe dies dann auch auf einen Widerspruch
hinaus, wenn Subjektivität zum einen doch als Selbstbewegung einer Selbstverwirklichung
im Sinn der Selbstverursachung entspringen soll, zum andern aber aus Natur
entstanden sein oder entstehen soll und damit doch durch Fremdbewegung einer
Fremdverwirklichung im Sinn der Fremdverursachung.
Ein Widerspruch und damit auch
ein Einwand aber ist das nur, wenn Subjektivität dabei von vornherein als etwas
Anderes als Natur vorausgesetzt wird: letztlich also wieder einmal so, als wäre
sie, gut cartesianisch, gegenüber der Natur als res extensa eine Art res
cogitans, was aber eben alles andere als überzeugend ist. Demgegenüber gilt es
vielmehr festzuhalten: Da auch Subjektivität nur aus Natur entstanden sein oder
entstehen kann, muß es auch gerade umgekehrt Natur als solche selbst sein, die
zu so etwas wie Subjektivität aus sich heraus sich bildet und mithin als solche
selbst sich auch aus sich heraus zu einem Selbstverhältnis bildet wie zu dem
der Selbstbewegung einer Selbstverwirklichung im Sinn der Selbstverursachung.
254
In jedem Fall ist es danach
Natur als solche selbst, die in Gestalt von jedem einzelnen von uns als
Subjektivität in solch ein Selbst-verhältnis zu sich tritt und damit eben als
Mentales oder Psychisches auch zu Bewußtsein von sich kommt: womit sie zu all
dem wird, was dazu nun einmal mit hinzugehören muß, wie etwa die Struktur einer
Identität, die sich aus sich heraus zu einer Differenz in sich macht. Ist es
doch Natur als solche selbst, die danach in Gestalt eines Empirikers wie etwa
eines Alltagsmenschen oder eines Wissenschaftlers, so zum Beispiel eines
Physikers, Erfahrung von sich macht: sich also auch als solche selbst nach
einer Seite zum Erfahren macht sowie nach anderer Seite zum Erfahrenen. Und
damit macht sie als Identität sich eben in sich selbst zur Differenz, wenn
anders zwischen dem Erfahren und Erfahrenen als dem Erkennen und Erkannten eine
Differenz besteht, die aber eben nicht besteht wie eine zwischen einer
absoluten Vielheit von zwei Welten, sondern nur wie eine innerhalb von einer
und derselben Welt als der Identität dieser Natur. Und auch Natur als solche
selbst ist es danach, die in Gestalt von Philosophen nicht allein Erfahrung als
empirische Erkenntnis von sich als empirischem Erkannten macht, sondern als
nichtempirische Erkenntnis auch sich reflektierend noch bewußt macht, was allein
es letztlich sein kann, wozu sie als Empirie sich beiderseits da macht. Sich
nicht zu dieser Grundstruktur derselben als einer Identität mit einer oder mehr
als einer Differenz in sich verstehen zu wollen, hieße jedenfalls, dogmatisch
auf Natur als absoluter Vielheit von Objekten wie den makroskopischen gemäß der
Newtonschen Physik beharren zu wollen, die heute aber schon allein empirisch
widerlegt ist.
Um dies alles einzusehen,
ist es denn auch von entscheidender Bedeutung, festzuhalten: Nicht einmal für Empirie
kann es noch länger fraglich bleiben, daß zu so etwas wie Spontaneität bereits
Natur als solche selbst imstande ist, mag Empirie als solche selbst auch nicht
mehr in der Lage sein, die Spontaneität derselben über ihre Negativität hinaus
auch noch als eine Positivität derselben zu erfassen. Jedenfalls muß danach die
Natur als solche selbst schon generell dazu vermögend sein, spontan, von
selbst, von sich aus in ein Selbstverhältnis zu sich einzutreten. Und speziell
vermögen muß sie das dann auch als Spontaneität einer Intentionalität von
Subjektivität, als die sie das spezielle Selbstverhältnis jener Selbstbewegung
einer Selbstverwirklichung als Selbstverursachung sein
255
muß, als das sie nur durch
Reflexion ermittelt werden kann und somit nur durch Nichtempirie der
Philosophie. Doch wohlgemerkt: Auch als Nichtempirie hat diese es dabei
grundsätzlich mit Natur als solcher selbst zu tun und nicht mit etwas
Jenseitigem außerhalb derselben, wie Sie für das Folgende beachten sollten.
Schließlich ist es auch Natur als solche selbst, die sich spontan aus sich
heraus zu Subjektivität gestaltet: aus sich selbst als dem
Substrathaft-Makroskopischen heraus, das eben dadurch, daß sie sich aus ihm
heraus zu ihr gestaltet, auch zum Körper oder Leib der jeweiligen Subjektivität
wird.
Unsere heutige Gewißheit,
daß vermöge ihrer Fähigkeit zur Spontaneität es die Natur als solche selbst
sein muß, was sich zu so etwas wie Subjektivität aus sich heraus gestaltet, ist
für uns denn auch ein Vorteil gegenüber Kant. Als Newtonscher Gefangener
vermochte er sich nämlich daran; dies noch weiter zu verfolgen, nicht einmal
von fern heranzuwagen: auch nicht dort, wo er im Zuge seiner Reflexionen selbst
geradezu darauf gestoßen wurde, die Strukturen zu entfalten, die Natur als solche
selbst jeweils besitzen muß, wo sie als Subjektivität hervortritt. Und nicht
zufällig sind das die Stellen, wo Kant besonders auffällig mit seinen
Reflexionen regelmäßig steckenbleibt und abbricht und entsprechend außerstande
ist, zur Lösung des Problems der Wechselwirkung zwischen Psychischem und
Physischem oder Mentalem und Somatischem auch nur das Kleinste beizutragen.
Gilt dies doch auch nicht allein für jenes »Affektionsproblem« der Einwirkung
von Physischem oder Somatischem auf Psychisches oder Mentales, sondern auch vor
allem in der umgekehrten Richtung, nämlich wie denn eine Einwirkung von
Psychischem auf Physisches oder Mentalem auf Somatisches sich denken ließe.
Fraglos nämlich läuft Intentionalität von Subjektivität doch auch nach Kant nur
dadurch ab, daß sie als Psychisches oder Mentales etwas Physisches oder
Somatisches in Ruhe oder in Bewegung setzt bzw. hält: den jeweils eigenen
Körper oder Leib. Denn Kant war, wenn auch Idealist, so doch gewiß nicht
Spiritist.
Wo Kant sogar im Newtonschen
Gefängnis noch darauf gestoßen wird, dem Psychischen oder Mentalen, das er
Subjektivität nennt, könne letztlich nur Natur als solche selbst zugrunde
liegen, ist zum Beispiel jener Text, der ihm nicht mehr gestattet, vor der
Frage einer »Angeborenheit« und damit eben einer Naturalität
256
derselben auszuweichen4. Und
zumindest soweit kommt Kant dieser Frage hier auch nach, als er sich deutlich
macht: Verstand und Sinnlichkeit, die er als die zwei grundlegenden Wesenszüge
jeder Subjektivität betrachtet, müssen als Vermögen etwas »Angeborenes« und
somit etwas Naturales sein, wie etwa die Organe der fünf Sinne, die der
Sinnlichkeit zugrunde liegen. Gegenüber dieser Naturalität von ihnen als
Vermögen oder Möglichkeiten aber müsse — so Kants schnelle Ablenkung davon und
Überleitung auf sein eigentliches philosophisches Gebiet — die Wirklichkeit
derselben durch Verwirklichung von ihnen als Vermögen oder Möglichkeiten
unterschieden werden. Denn als bloße Naturalität eines Vermögens oder einer
Möglichkeit ist weder Sinnlichkeit schon so etwas wie eine Anschauung noch auch
Verstand schon so etwas wie ein Begriff, wozu sie als Vermögen oder
Möglichkeiten vielmehr der Verwirklichung bedürfen, die etwas herbeiführt, »was
vorher noch gar nicht existiert«5. Sie ist mithin ursprüngliche Erzeugung von
so etwas wie Begriff und Anschauung als Psychischem oder Mentalem, die Kant als
»ursprüngliche Erwerbung« von dergleichen auffaßt6. Weisen doch Verstand wie
Sinnlichkeit als bloße Naturalität von »angeborenem« Organ noch nichts dergleichen
auf, sind vielmehr nur Vermögen oder Möglichkeit dafür und nicht etwa schon
Wirklichkeit davon.
Doch auch hier, wo
ausnahmsweise einmal ausgesprochen wird, daß dies aus der Natur als solcher
selbst hervorgehen muß, fehlt jede weitere Überlegung Kants, wie dies aus der
Natur als solcher selbst entspringen kann, was also die Natur als solche selbst
sein oder werden muß, damit der Ursprung von dergleichen aus ihr sich verstehen
lassen kann. Dies hier noch weiter einzusehen aber wäre um so nötiger für Kant,
da gleichfalls nur von der Natur als solcher selbst die Rede sein kann, wenn er
vom »Vermögen« der »Erkenntnis« hier als einem »Grund« spricht, der »im
Subjekt« jeweils »angeboren« ist, und von ihm sagt: Sei es nun so etwas wie
Anschauung oder Begriff, so werde doch ein jedes davon seiner Stellung nach,
als etwas Psychisches oder Mentales, von ihm »aus
4 Vgl. Bd.8, S.221ff.
5 A.a.O., S.221, Z.30.
6 A.a.O., S.221, Z.29, S.222, Z.33.
257
sich selbst a priori«
zustande gebracht7. Denn nichts geringeres ist damit angesprochen als das Ganze
seiner Theorie der Subjektivität im Sinn der Apriorität, wonach es letztlich
die Natur als solche selbst sein muß, die irgendwie dazu imstande ist. Was Kant
sich hier — und das heißt: spät — erst klar macht, ist mithin auch schon von
Anbeginn für diese seine Theorie von einer nicht zu überschätzenden Bedeutung.
So spricht Kant zum Beispiel
gleich am Anfang seiner Überlegungen von Sinnlichkeit und von Verstand als den
»zwei Stämmen« unserer Erkenntnis, davon also, daß es zweierlei ist, woraus
diese jeweils herstammt, daß indessen diese beiden Stämme ihrerseits
»vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel
entspringen« . Woran er hiermit aber so geheimnisvoll herumzurätseln scheint,
das kann in Wahrheit überhaupt kein Rätsel oder gar Geheimnis sein, weil hinter
dieser »Wurzel« sich nichts anderes als die Natur verbergen kann, und zwar
gerade dann, wenn diese Wurzel die »gemeinschaftliche« beider, also letztlich
eine und dieselbe Wurzel sein soll. Können doch schon hier, ja eigentlich
gerade hier, Verstand genausosehr wie Sinnlichkeit nur als Vermögen oder
Möglichkeit gemeint sein und sonach im Sinne von Organ als angeboren-naturalem.
Denn als Wirklichkeit wie die von Anschauung oder Begriff sind Sinnlichkeit
oder Verstand nach Kant von vornherein sich ausschließende Gegensätze: der
Verstand als Wirklichkeit nämlich der Inbegriff von Spontaneität und
Einfachheit, die Sinnlichkeit als Wirklichkeit jedoch der Inbegriff von
Rezeptivität und Ausdehnung. Und diese Art der Gegensätzlichkeit von beiden hat
sich Kant auch explizit bewußt gemacht9.
Infolgedessen kann in diesem
Sinn von Wirklichkeit eine »gemeinschaftliche Wurzel« beider auch noch nicht
einmal vermutbar, weil von vornherein nicht denkbar für ihn sein. Daß sie es
ist, zeigt vielmehr, daß sie die »gemeinschaftliche Wurzel« beider auch nur als
Vermögen oder Möglichkeit und somit als Natur sein kann, und damit könnte
umgekehrt diese Natur auch nur als eine und dieselbe die »gemeinschaftliche
Wurzel« beider sein. Dies aber muß
— und zwar gerade deshalb,
weil es überhaupt kein Rätsel oder gar
7 A.a.O.,S.221f.
8 A 15 B 29.
9 Vgl. z.B. Bd.20, 5. 271, Z.16.
258
Geheimnis sein kann — dem Gefangenen
jenes Gefängnisses geradezu als etwas Ungeheuerliches gelten, weshalb er auf
diese Weise hier vor ihm zurückweicht.
Denn als erstes heißt das
dann sogleich: Als solche selbst muß die Natur vermögend sein, aus sich heraus
als diese Spontaneität und Einfachheit hervorzutreten. — Doch als zweites heißt
das dann zugleich: Als solche selbst muß die Natur vermögend sein, aus sich
heraus auch noch als diese Rezeptivität und Ausdehnung hervorzutreten und im
ganzen somit aus sich selbst als einer Einheit auch zu einer Zweiheit solcher
Gegensätze. — Drittens aber heißt das dann vor allem, daß Natur als solche
selbst auch noch vermögend sein muß, sich als dieses Naturale der Vermögen oder
Möglichkeiten für Verstand und Sinnlichkeit zu Wirklichkeiten von Verstand und
Sinnlichkeit selbst zu verwirklichen: zu Wirklichkeiten also, die dann jene
Gegensätzlichkeiten zueinander sind. Denn auch erst als verwirklichte Vermögen
oder Möglichkeiten sind Verstand bzw. Sinnlichkeit der Inbegriff von
Spontaneität und Einfachheit bzw. Rezeptivität und Ausdehnung als jeweiligen
Wirklichkeiten.
Die Verwirklichung dieser
Vermögen oder Möglichkeiten aber kann Natur dann nur als Aktivität dieser
Spontaneität zustande bringen, nicht etwa als Passivität dieser Rezeptivität.
Infolgedessen muß Natur aus sich als dem Vermögen oder als der Möglichkeit für
Spontaneität und Einfachheit heraus sich nicht allein zur Wirklichkeit von eben
dieser Spontaneität und Einfachheit verwirklichen; sie muß vielmehr gerade
dadurch auch noch sich als das Vermögen oder als die Möglichkeit für
Rezeptivität und Ausdehnung zur Wirklichkeit von eben dieser Rezeptivität und
Ausdehnung verwirklichen. Und schon allein der dafür durchwegs grundlegenden
Spontaneität zufolge kann all dies dann letztlich auch erst außerhalb jenes
Gefängnisses zu denken möglich werden.
Da er ihm jedoch nun einmal nicht entkommen konnte, blieb Kant insbesondere in einem Punkt gefangen, ja geradezu befangen, nämlich wie das Grundverhältnis von Verstand und Sinnlichkeit zu denken sei, wenn jedes einzelne Verhältnis zwischen ihnen grundsätzlich von dieser Spontaneität dieses Verstandes auszugehen habe. Denn das heißt dann auch: Von vomherein ist es Natur als solche selbst, was in Gestalt des Grundverhältnisses zwischen Verstand und Sinnlichkeit aus sich heraus das Selbstverhältnis zu
259
sich aufnimmt, das Philosophie
durch Reflexion dann als das Nichtempirische jenes Verhältnisses der
Selbstbewegung einer Selbstverwirklichung im Sinn der Selbstverursachung
ermittelt.
Mindest ansatzweise nämlich hatte
sich auch Kant bereits verdeutlicht, dieses Grundverhältnis zwischen ihnen
müsse durch die Reflexionsbegriffe von »Materie und Form« sich denken lassen
10
Unter diese aber hätte dann auch
Schritt für Schritt noch die Gesamtheit der Verhältnisse zwischen Verstand und
Sinnlichkeit im einzelnen zu fallen11, die er als »Schematisierung« von
Verstand zu »Schemata« der Sinnlichkeit zu denken sucht: vom ersten bis zum
letzten. Nur vermochte er dies schon von Anbeginn nicht angemessen
durchzuführen, weil er wegen Newton kein Vertrauen dazu haben konnte, daß Natur
als solche selbst zu dieser grundlegenden Spontaneität imstande sein muß. Und
so konnte er auch nicht mehr sehen, wie angemessen dieses
Reflexionsbegriffspaar von »Materie und Form« all dem tatsächlich ist.
Im Ansatz nämlich faßt er dabei
selbst bereits »Materie« als das »Bestimmbare« und »Form« als die »Bestimmung«
auf, durch die »Materie« als dies »Bestimmbare« jeweils »bestimmt» wird12, was
dann aber auch erst recht nur immer wieder eine Angelegenheit der Aktivität
jener Spontaneität sein kann, zu der Natur von selbst oder von sich aus in der
Lage sein muß. Bis zur vollen Durchführung dieser Notwendigkeit ist Kant
indessen niemals durchgedrungen. Niemals hat er sich in vollem Umfang zu verdeutlichen
vermocht: In diesem Sinn »bestimmend« muß Natur als Spontaneität dann so
grundsätzlich sein, daß sie sich nicht allein als das »Bestimmende« der »Form«
ganz aus sich selbst heraus erstellt, sondern durch sich als eben dies
»Bestimmende« der »Form« auch sich als das »Bestimmbare« einer »Materie« für
sich als diese »Form« noch: beides also ganz ursprünglich aus sich selbst
heraus. Indem er dies »Bestimmbare« einer »Materie« vielmehr immer wieder als
in irgendeinem Sinn gegeben oder vorgegeben aufzufassen suchte‘3,
ist er dieser Notwendigkeit immer wieder ausgewichen.
10 Vgl. z.B. A 266ff. B 322ff.
11 Vgl. a.a.O.
12 Vgl. a.a.O.
13 Vgl. z.B. A 86 B 118.
260
Und der eigentliche Grund dafiir ist
letztlich nur jene Befangenheit von Kant vor der Natur als dem Vermögen oder
als der Möglichkeit für Spontaneität. Nur die Verwirklichung davon zur
Wirklichkeit jenes Verstandes nämlich kann es sein, wodurch sich die Natur auch
noch als das Vermögen oder als die Möglichkeit für Rezeptivität und so auch
noch zur Wirklichkeit von jener Sinnlichkeit verwirklicht, so daß dann die
Sinnlichkeit als Wirklichkeit von Rezeptivität auch nur durch den Verstand als
Wirklichkeit von Spontaneität erstellt wird. Und so ist es letztlich auch Natur
als solche selbst, die schon an dieser Ursprungsstelle von Verstand und
Sinnlichkeit als Wirklichkeiten sich aus sich heraus nicht bloß zur
Wirklichkeit der Spontaneität und damit des Verstandes als der Form
verwirklicht, sondern eben dadurch auch zur Wirklichkeit der Rezeptivität und
so der Sinnlichkeit als der Materie für diese Form. Der Ursprung beider ist
Natur in der Gestalt von beiden somit auch gerade dahingehend, daß sie als
Materie in bestimmter Form bereits von vornherein etwas Geformtes und mithin
etwas Bestimmtes ist, indem sie auch von vornherein schon eine ursprüngliche
Einheit beider bildet.
Daß Natur dazu auch einer
hochkomplexen Organisation wie etwa des Gehirns bedarf, wird Ihnen danach nicht
mehr als verwunderlich erscheinen können. Dann jedoch wird Sie auch umgekehrt
genausowenig wundern können, daß Empiriker und Empiristen einfach auf
verlorenem Posten stehen müßten, wenn sie vom Gehirn aus auch nur ansatzweise
danach trachten wollten, solche innerliche Zweiheit jedes Psychischen oder
Mentalen, nämlich diese Zweiheit aus Verstand und Sinnlichkeit, auch nur im
Ansatz zu ermitteln. Und so kann und konnte denn auch von der Empirie her über
derlei nie die Rede sein und wird es auch nie können. Denn tatsächlich ist
Verstand genausosehr wie Sinnlichkeit als Wirklichkeit dann gleicherweise etwas
Psychisches oder Mentales, das als unlösbare Einheit solcher Zweiheit aber eben
jeder Empiie verschlossen bleiben muß, obwohl es insgesamt nur aus Natur als
Spontaneität hervorgehen kann.
Hätte Kant sich die Natur als Spontaneität
grundsätzlich vorstellen können, wäre ihm vielleicht auch aufgegangen, welche
Möglichkeit sie bietet, sich dann auch den Ursprung von Mentalem oder
Psychischem aus ihr als etwas Physischem oder Somatischem noch vorzustellen.
Hatte Kant doch diese Art von Ur
261
sprung für das Psychische oder
Mentale von Verstand und Sinnlichkeit als Wirklichkeiten ohnehin bereits
erwogen, wie Sie sehen konnten. Jedenfalls ist nach Befreiung aus dem
Newtonschen Gefängnis schon allein von Empirie her, und sonach Natur als solche
selbst betreffend, eine aussichtsreiche neue Situation für uns geschaffen:
Nicht nur muß von daher schon mit ihrer Spontaneität gerechnet werden, sondern
auch noch damit, daß sie im Bestehen von Objekten wie
substrathaft-makroskopischen durchaus nicht aufgeht. Ja von daher ist sogar
damit zu rechnen, daß Natur ürsprünglich vielmehr ein
substratlos-mikroskopisches Entstehen wie Vergehen reiner Kraft bzw. Energie
als absoluten Wechsel von Bewegung ohne ein Bewegtes bildet, woraus sie sich zu
Objekten wie substrathaft-makroskopischen auch immer erst selbst einteilt.
Danach wird Natur in der Gestalt von solchen ursprünglichen Teilen somit aus
sich selbst heraus zu Form genauso wie auch zu Materie für Form. Und nicht mehr
einzusehen ist dann, weshalb Natur, was sie auf diese Weise grundsätzlich aus
sich heraus vermag, nicht auch aus sich als schon Substrathaft-Makroskopischem
heraus vermögen sollte, wie aus Physischem oder Somatischem des Körpers oder Leibes
eines Subjekts: etwa aus Gehirn als einem hochkomplex organisierten Teil von
sich heraus.
Zumindest ist es aufschlußreich,
daß jedenfalls die bisher ungelöste Problematik einer Wechselwirkung zwischen Psychischem
und Physischem oder Mentalem und Somatischem auf dieser Grundlage sich lösen
ließe. Eine Lösungsmöglichkeit ergäbe sich von daher nämlich nicht nur nach der
einen Seite jener Einwirkung von letzterem auf ersteres, sondern auch
umgekehrt, und insbesondere bis dahin, daß dann jegliches Mentale oder
Psychische auch jene Einheit jener Zweiheit bilden muß, die Kant als diejenige
von Verstand und Sinnlichkeit zu denken sucht. Ist mindestens als jene Einheit
jener Zweiheit von Verstand als Spontaneität und Sinnlichkeit als Rezeptivität
doch jegliches Mentale oder Psychische dann auch noch weiter herleitbar. . . .“
Es ist doch genau das, was die Mystiker aller Religionen als Reinheit in Form von Ehrlichkeit vor sich, vor dem anderen Menschen und vor Gott wissen und anstreben, wenn sie sich dem Gerangel nach Rang und Ehre, dem Existenzkampf und dem Geschlechtstrieb entzogen hatten, womit Gott nicht anders als der andere Mensch ja keineswegs verneint wird.
Ehrlichkeit ist nicht immer das Gegenteil von Lüge und betrügerischer Absicht; aber Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit streben in der Form von Echtheit in jedem Fall immer das Gegenteil von Betrug, Lüge, Falschheit, Irrtum, Ungenauigkeit, Denkträgheit und Dummheit an, - all das ist ein größeres Übel auf Erden als Armut.
Das Postulat bei Pieper und die Erkenntnis von Prauss, die die Ganzheit menschlichen Bewusstseins unterstreicht, stößt uns auf die bitteren Lehren vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte und macht jetzt in unseren Tagen deutlich, in welchem Zusammenhang wir jene unverzichtbaren natürlichen Triebe des Menschen und die religiösen Gebote und staatlichen Gesetze zu sehen haben und sehen können, ohne Gott zu verraten und uns an dem Mitmenschen zu vergehen. Denn ohne Zweifel ist es ein Verrat gegen Gott und pure Blasphemie, wäre es nicht reine Dummheit, wenn es nicht ohnehin Gottlosigkeit und nur Vorwand ist, wollte man mit menschlicher Waffengewalt Gottes Macht auf Erden mehren oder abschaffen.
Die von Prauss nachgewiesene Einheit aller Differenzierung und Vielheit in der bewussten Wahrnehmung und in unserem bewussten Verhalten als autonomes und verantwortliches Individuum, deren widerspruchsfreie Denkbarkeit nachgewiesen werden kann, macht zudem verständlich, dass sich der Mensch grundsätzlich mit jedem und allem – und auch mit jeder denkbaren und vorstellbaren Idee, selbst mit Kannibalismus - identifizieren kann, wobei diese nicht minder bewusst hypostasierte oder hypostasierbare Identifikation wohl jeweils als Verhalten von jenen Grundtrieben „Geltung, Existenz- und Arterhalt“ je nach aktueller Situation die Prioritäten oder das Vorzeichen von Richtigkeit und „Wahrheit“ bestimmt.
Die von Prauss nachgewiesene Einheit aller Differenzierung und Vielheit in der bewussten Wahrnehmung und in unserem bewussten Verhalten als autonomes und verantwortliches Individuum, deren widerspruchsfreie Denkbarkeit nachgewiesen werden kann, macht zudem verständlich, dass sich der Mensch grundsätzlich mit jedem und allem Denkbaren – und auch mit jeder denkbaren und vorstellbaren Idee, selbst mit Kannibalismus - identifizieren kann, wobei diese nicht minder bewusst hypostasierte oder hypostasierbare Identifikation wohl jeweils als Verhalten von jenen Grundtrieben „Geltung, Existenz- und Arterhalt“ je nach aktueller Situation die Prioritäten oder das Vorzeichen von Richtigkeit und „Wahrheit“ bestimmt.
Wir wissen, das die Identifizierung des Zugehörigen vorzüglich mit dem, zu dem man gehört, mit dem „eigenen“ Körper, den „eigenen“ Eltern, der eigenen“ Familie, Sippe, Rasse, der eigenen“ Wohnstraße, dem eigenen“ Dorf, der eigenen“ Stadt, der eigenen“ Nation, Sprache, Kultur, Religion usw. als der eigenen“ Herkunft aus einer Gemeinschaft wie als eine begriffliche Gemeinschaft des Identifikationsthemas ein solches Vorzeichen quasi objektiviert und zur politisch-objektiven „Realität“, zur politisch-objektiven Abhängigkeit wie auch Zuständigkeit macht, je nach dem, wo man „zufällig“ geboren wurde und zu denken begann. Wir wissen, dass sich aus solcher archaischen Abhängigkeit und Zuständigkeit sowohl gemeinsame Verhaltensregeln und schließlich religiöse wie staatliche Werte und Gesetze der Gemeinsamen bildeten, die erst in unserer Zeit eines entgültigen globalen Gemeinschaftsbewusstseins der gesamten Menschheit auch eine Überwindung des Archaischen in den zwischenstaatlichen Verhältnissen notwendig wie möglich macht.
Regeln und Gesetze, die für das Zusammenleben innerhalb der Familien, Gemeinschaften, Regionen und Religionen gemacht waren, könnten nur dann einfach für die ganze Welt übernommen werden, wenn eine Familie, eine Gemeinschaft, Region oder Religion im Gerangel mit anderen der absolute Sieger wäre, wie einst die Stadt Rom das damalige Europa beherrschte.
Der von Menschen gemachte
„Gottesstaat“.
Ohne solche Anführungsstriche wäre bereits der Titel Blasphemie. Aus der Konklusion mit dem Gesagten in » http//:www.parteien-und-politik.de/The error of terror.htm « geht dieses klar hervor.
Aber wegen der beabsichtigten möglichen Selbstständigkeit dieses Absatzes möchte ich noch einmal einige einfache und plausible Argumente dafür zusammenfassen, dass es Blasphemie wäre, bestenfalls Dummheit und ein kindischer Irrtum, wollte jemand als selbsternannter oder von anderen Menschen indoktrinierter „Vasall“ Gottes oder Gotteskrieger mit Mord und Totschlag, mit Krieg und Verderben die Weltherrschaft auf Erden anstreben oder erzwingen und dieses mit der Absicht rechtfertigen, aus der Welt einen Gottesstaat zu machen, - wie immer man diesen Gott dann auch nennt, Jehova, Allah, Gott, Vater, Jahwe, Buddha oder Krishna – oder wie auch immer.
Für mich ist es erschreckend, dass jene Manifestationen von Annemarie Pieper und Gerold Prauss ohne die guten und schrecklichen Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts in Politik, Technik und Wissenschaft nicht denkbar und auch nicht verstehbar wären.
Wir wissen heute:
Die meisten Werte und Regeln einer archaischen Gemeinschaft, seien es die der Sprache, der Kleiderordnung, des Umgangs, der Religion oder insgesamt der Kultur, funktionieren und resultieren daraus, weil jeder sie deswegen einhält weil alle sie einhalten und für gültig halten, also nach dem ungeschrieben „Gesetz“ des Trampelpfades oder der Hammelherde: man möchte übereinstimmen, um dazuzugehören; man gehört dazu, wenn man übereinstimmt. Im weitesten Sinne kann man jene Übereinstimmung oder Gemeinsamkeit, der letztlich jedoch auf die gemeinsame menschliche Veranlagung zurückgeht, spricht man von einem Common-Sense. Die zusätzlichen Gesetze und Strafgesetze – meist die der Stärkeren für die Schwächeren, seien sie nun aufgeschrieben oder nur proklamiert, dienten ursprünglich dazu, die Privilegien einiger Privilegierter, also jeweils von Oben der Ranghirarchie nach Unten hin abzusichern und dadurch ein befriedeteres Miteinander im normalen Gerangel um Rang und Hackordnung zu ermöglichen; z.B. Sklaven dürfen nicht weglaufen, Untergeordnete müssen den Übergeordneten gehorchen, Besitzlose dürfen nicht stehlen, weniger Besitzende müssen Steuern zahlen, usw..
Solche geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetze und Rangordnungen werden und wurden mit Gewalt und Terror, Tod oder Gefängnis oder mit solchen Androhung durchgesetzt.
Die archaische Grundstruktur solcher Trampelpfade oder der Hammelherden und deren Funktion resultiert nach meiner Beobachtung aus den drei miteinander eng verflochtenen Grundtrieben des Menschen, dem Geltungstrieb, und den Trieben zum Existenzerhalt und Arterhalt, ohne die der Mensch in seiner Gemeinschaft nicht überleben könnte.
Sicher ist es nicht unproblematisch, den menschlichen Lebenswillen und die menschliche Existenzfähigkeit zu unterteilen oder auf nur drei zu unterteilen. Ohne Zweifel könnte man hundert verschiedene Bedürfnisse aufzählen. Wollte man diese Bedürfnisse biologisch auf die Genstruktur, auf die erbliche DNS zurückführen, käme man zu Milliarden miteinander verketteten Einzelaspekten. Ein Mädchen ist hübsch und will hübsch sein, sowohl um anerkannt zu werden (Geltungsbedürfnis), wie auch, um einen Geschlechtspartner anzulocken (Trieb zum Arterhalt), und letzteres vielleicht auch deswegen, um mit den Kindern versorgt zu sein (Trieb zum Existenzerhalt) usw.. Arterhalt kann je nach Bewusstseinsstufe bedeuten die Art des eigenen Gen zu erhalten, oder des Gens der Familie oder Rasse wie dann auch des Menschen überhaupt.
Wollte man diese „natürliche“ archaische Ordnung als ideal, als Gottesstaat und gottgewollt ansehen, wäre kein Moses, kein Buddha, kein Jesus oder Mohammed, d.h. kein Gott und kein Prophet notwendig.
Eine solche rein natürliche und nackt-biologisch und rein darwinistisch-evolutionär zu verstehende menschliche Gemeinschaft hat es jedoch nie gegeben, soweit wir wissen. Der Mensch hat sich selbst immer in Relation gewusst mit außermenschlichen und als Objekt sichtbaren Wesen. Dies ist als Grund bereits in der Struktur unserer bewussten Erkenntnis angelegt, wie es Gerold Prauss ableiten konnte,
Gerold
Prauss, „Die Welt und wir“, Bd I/2, Seite 916-917
Denn als grundsätzlich in
objektiver Zeit bewegtes kann ein Objekt - einerlei, ob es in ohjektivem Raum
nun ruhen oder gleichfalls sich bewegen mag - für ein Subjekt aus sich als
Selbstbewußtsein innerer Bewegung subjektiver Zeit heraus nur wie ein anderer
Fall von sich erscheinen: nur wie andere innere Bewegung und sonach als
objektive Zeit und damit objektives Subjekt, dem es selbst als subjektives
Subjekt seines vollständig zum Fremd- gewordenen Selbstbewußtseins der
Erkenntnis von ihm eben gegenübersteht(Fußnote 9: Mit subjektiver
Subjektivität, die sich auf solche Weise wie von selbst ergibt, ist somit die
gemeint, die jeweils ich für mich bin oder Sie für sich sind, nämlich je als
Selbstbewußtsein.).
Kein Wunder also, daß ein
solches Abenteurertum dann überall und immerfort zunächst einmal auf
Geisterhaftes, ja auf Geister stößt. Entsprechend sollten Sie auch beides, mag
es Ihnen seiner Herleitung nach auf den ersten Blick auch noch so ungeheuerlich
erscheinen, deshalb nicht sogleich als unglaubwürdig abtun. Diese Herleitung
ist nämlich wieder einmal nichts geringeres als die Erklärung für ein bisher
unerklärtes Faktum, die wir ernstzunehmen haben, weil sie grundlegend für uns
ist. Denn nach allem, was wir bisher wissen, gilt nicht nur phylogenetisch,
sondern auch ontogenetisch und sonach in aufschlußreicher Weise
übereinstimmend: Ob als phylogenetisch frühes oder als ontogenetisch junges, -
jedes Subjekt nimmt zunächst einmal von jedem Objekt innerhalb eines magischen
Weltbilds Kenntnis, oder, jedes Subjekt treibt zunächst einmal mit jedem Objekt
Animismus.
Dies jedoch heißt überhaupt
nichts anderes, als daß jedem Subjekt jedes Objekt auch zunächst einmal als
objektives oder anderes Subjekt erscheint, was bisher um so rätselhafter ist
und bleibt, als doch durchaus nicht jedes Objekt auch tatsächlich, faktisch,
kontingent, will sagen, auch empirisch solch ein Subjekt ist. Vor einem Rätsel
stehen hier denn auch gerade überzeugte Empiristen, weil die Lösung dieses
Rätsels eben nur ein nichtempirischer Apriorismus sein kann, den sie desto
weniger wahrhaben wollen, da er noch viel grundsätzlicher gelten muß, als sie
für möglich halten können. Denn aus jenen Gründen, die wir hergeleitet haben,
kann nur gelten: Wann und wo auch immer in Phylogenese oder in Ontogenese
erstmals ein Subjekt sich bilden mag, - als solches selbst tritt ein Subjekt
dabei von vornherein gerade so auf, daß es ein Objekt für sich von vornherein
schon immer für ein anderes und damit für ein objektives Subjekt hält. Weil,
als ein Subjekt aufzutreten, und, ein Objekt als ein Subjekt aufzufassen,
unserer Herleitung nach ursprünglich und notwendig dasselbe ist, tritt ein
Subjekt an ein Objekt heran und so als ein Subjekt hervor gerade dadurch, daß
es immer schon mit Anirnismus oder mit magischem Weltbild gleichsam vorprescht.
Daraus nämlich können Sie sich weiterhin erklären, daß es für ein solches Subjekt dann auch in der Tat zum Drama werden muß, als Subjekt nicht nur anzufangen, sondern auch noch aufzuwachsen, nämlich auch noch fortzufahren damit, jegliches Objekt zunächst einmal als anderes oder als objektives Subjekt anzusehen: phylogenetisch ebenso wie auch ontogenetisch. Denn je danach, ob ihm solch ein Objekt auch tatsächlich, faktisch, kontingent, will sagen, auch empirisch als ein objektives oder anderes Subjekt begegnet, und wenn ja, wie ihm ein solches Subjekt dann begegnet, wird dies Drama zur Tragödie oder zur Groteske oder zur Komödie oder zur Idylle und so weiter, wie aus eigenster Erfahrung jeder von uns zur Genüge weiß, soweit er sich zurückerinnern kann.....“
Hiermit wird grundsätzlich und angeboren nicht nur Erde und Meer, nicht nur Sonne und Gestirn, sondern alles Fließende und Bewegte als die Handlung und Schöpfung des Urbewegers und Schöpfers empfunden, ehe wir Schöpfung und Schöpfer, Bewegung und Beweger auch als uns selbst unterscheiden.
Und so eng die Subjektivität von Mutter und Vater als jeweils eine nicht eigene andere Subjektivität intersubjektiv mit der eigenen Subjektivität ursprünglich (im wörtlichen Sinne) verbunden erlebt wird und als Verbindung normaler Weise ein Leben lang bestehen bleibt bis zu deren und bis zum eigenen Tod – und oft darüber hinaus, so ist es eines der größten Erlebnisse des Menschen, auch Gott tatsächlich, faktisch, kontingent, will sagen, auch quasi empirisch zugänglich (d.h. in Übereinstimmung mit Moses und den Propheten) als ein objektives d.h. anderes Subjekt zu erleben, das uns liebend wie eine Mutter, wie ein Vater intersubjektiv zugewandt ist, - auch wenn beides, sowohl die Existenz eines anderen einmaligen individuellen Subjekts in der Gestalt eines anderen Menschen und Individuums – selbst in der Gestalt der Eltern, wie es Annemarie Pieper formuliert, (siehe » http//:www.parteien-und-politik.de/The error of terror.htm#Pieper«) als auch in der „Gestalt“ der Wirklichkeit Gottes mit unseren Sinnen und mit unserem Verstand nicht fassbar ist.
+++
Wir wissen aus Erfahrung, dass wahrscheinlich ohne ein solches Zusammenhalten unter dem Vorzeichen oder unter der Fahne eines gemeinsamen Attributs kein menschliches Gemeinwesen funktionieren könnte. Aber die lange und oft traurige Geschichte der Menschheit als eine Geschichte der Kriege, und besonders die jüngste Geschichte hat uns ebenfalls gelehrt, dass solche Attribute, die wir leicht und verführerisch gerne wie die Auszeichnung für ein eigenes Verdienst empfinden, zum einen immer nur einen kleinen Aspekt des Menschen betreffen und nie den ganzen, und zum anderen, dass es gerade der Umstand des Teilaspekts ist, wodurch man sowohl sich selbst wie auch den andersartigen Anderen nun als instrumentalisierbare bzw. als bereits instrumentalisierte Sache oder Funktion dem eigentlichen verantwortlichen Menschsein unterstellt, so dass die Logik der Sachlichkeit über der Menschlichkeit steht und bewusst oder unbemerkt-unbewußt die Unmenschlichkeit legitimiert, - und zwar als Größe und logische Strategie.
Als Leistung und Qualität wie auch als mögliche und oft schreckliche Fehlleistung geht diese Eigenart des Menschen zum Teil auf jene drei archaischen Grundtriebe zurück, als den Geltungstrieb und auf den Existenz- und Arterhaltstrieb, soweit sie ein gemeinsames Bedürfnis sind. In der ganzen Tiefe ist jedoch Leistung und Fehlleistung nur von der Struktur begrenzter menschlicher Erkenntnis und Selbsterkenntnis heraus zu verstehen. Dies ist leicht daran zu erkennen, dass wir selbst Gott über eine Eigenschaft, die wir ihm zulegen, wie eine funktionierende Sache verstehen und ihn zu instrumentalisieren versuchen.
Für solches Tiefenverständnis hat Gerold Prauss in seinem gigantischen Werk „Die Welt und wir“ ganz entscheidendes geleistet.
Dennoch hat Habermas recht, wenn er feststellt, dass die unmenschlichen Exzesse kollektiven Fundamentalismus’ und Fanatismus’, zu denen auch der Nationalismus und Rassismus gehören, eine moderne Erscheinung sind. Natürlich gab es Pogrome gegen Andersartige, von Dorf gegen Dorf, von Stamm und Sippe gegen Stamm und Sippe, spontane wie organisierte Pogrome gegen Christen und Juden, gegen Ungläubige und Moslems z.B. bei den Kreuzzügen, gegen Schwarze, Rote, Gelbe und Weiße seit altersher. Man lieferte sich dem aus und war dem ausgeliefert, als Täter genauso wie als Opfer.
Als bewusst erkanntes Problem und zwar als Gegensatz zur Vernunft und zum Normalen, als politisch, religiös, wissenschaftlich, ideologisch und als sog. Identität ausgegebenes und begründetes und instrumentalisiertes und normaler Weise nur als kollektive Voreingenommenheit gegen „Andere“, und erst als Exzess ein Mord, Terror, Krieg, Eroberung und Spaltung betreibendes Gesellschaftsphänomen oder Teufelsspiel ist es jedoch ein modernes Phänomen, das sich von den archaischen Grund- und Ordnungsformen unterscheidet, die aus den Grundtrieben „Geltung“, „Existenz-„ und „Arterhalt“ resultieren. Der Unterschied ergibt sich aus der modernen politischen Situation der Menschheit, mit der sich zunehmend das Individuum dem Mondialen gegenüber alleingelassen fühlt und sich mehr oder weniger bewusst, aus Entschluß und frei für Zugehörigkeiten entscheiden kann und dabei natürlich für alte und traditionelle Zugehörigkeiten anfällig ist. Dies hat im Prinzip wenig mit Religion d.h. mit einem Verhältnis zu Gott zu tun; es schließt solches jedoch nicht aus, setzt es aber nicht voraus; es hat wenig zu tun mit Weltanschauung sondern mehr mit Einsamkeit und dem Gefühl der Verlassenheit und Ungültigkeit, wie es Bertrand Russell treffend beobachtet, - auch wenn man sich dann solchen – bisweilen ganz absurden – Konzepten anschließt und unterwirft, seien es vernünftiger Weise traditionelle ehrenwerte Institutionen, Parteien, Kirchen usw. oder seien es kuriose und weltfremde Sekten, kuriose Parteien oder Moden, sei es dem Mob oder der Meute.
+++++++++++++++++++
Letzteres gilt dann – und zwar als Problem – auch für die Umkehrung, wenn man von solcher sog. Identität leichtfertig oder beabsichtigt auf die bestehende oder fehlende Qualität der Handlung, Eigenschaft oder Gültigkeit schließt. Relevant für unser Problem ist hierbei zwar die Zuordnung und Beurteilung der nationalen oder islamischen oder christlichen Herkunft. Wer von französischen Eltern in Frankreich geboren und entsprechend christlich erzogen wurde und deswegen die französische Sprache spricht ist damit Franzose und ist Christ und wird entsprechend frankreichpatriotisch und konfessionspatriotisch empfinden und sich so verhalten, wer im Iran von iranischen Eltern geboren und islamisch erzogen wurde und deswegen die iranische Sprache spricht, ist damit Iraner und ist Moslem und wird iranpatriotsch und islampatriotisch empfinden und sich so verhalten. Ganz grundsätzlich gilt jedoch solche merkwürdige Bejahung dessen, dem man zugehört, und zwar dadurch, dass man sich oder den anderen damit identifiziert und klassifiziert, für alles Mögliche, wie Familie, Geschlecht, Rasse, Rang, Beruf, Religion, Konfession,Region der Herkunft usw.. Beides sowohl im eigenen Bewusstsein, wie in dem anderer Menschen und zwar aus dem gleichen und keineswegs nur aus einem sprachlich-grammatischem Grund, wie es Bertrand Russell behauptet. Denn nicht nur im Sprachgebrauch ist solche Zuordnung durchaus legitim und notwendig, sondern auch in jeder Gesellschaftsstruktur, in der bestimmte Menschen bestimmte Funktionen und Ämter ausüben. Seit je her verbindet man mit gesellschaftlichen Funktionen eine bestimmte Rangordnung, die mit Privilegien und Macht und entsprechend mit Ansehen und Wertungen verbunden ist, nach denen man bis heute identifiziert und wertet und identifiziert und gewertet und identifiziert wird.
Offensichtlich problematisch ist an solcher Identifizierung, dass dabei ignoriert, vernachlässigt oder bewusst fälschlich verneint wird, dass beide aus dem gleichen Grund Franzose oder Iraner sind, bzw. Christ oder Moslem sind. Problematisch wird dieses keineswegs nur, wenn sich beide deswegen gegenseitig als Ungläubige auffassen, auch wenn sie zum gleichen Gott beten. Deutlicher kann die Problematik solcher Personifizierung als Identifizierung vielleicht an der Gewohnheit aufgezeichnet werden, mit der man einen Menschen, der bei der Unwahrheit ertappt wird, als Lügner und Betrüger dargestellt wird, »wer gelogen hat, ist ein Lügner«, womit man natürlich ungewollt jeden Menschen und eben auch Moses, Buddha, Jesus und Mohammed und auch deren Propheten, Apostel und Verkünder als Lügner und Betrüger bezeichnen kann.
Ohne sich der Problematik dieses Phänomens solcher Personifizierung oder Identifizierung bewusst zu sein, was als Abstraktions- und Differenzierungsfähigkeit heute jedoch zur normalen Menschenkenntnis und Intelligenz gehören dürfte, wo letztere zumindest durch eine allgemeine Schulbildung eine entsprechende Konditionierung und Qualifizierung erhalten hat, wird man meist nur aus Dummheit dazu neigen, die jeweils andere Religion als Lüge und Betrug darzustellen und sich solches für die eigene Religion oder Konfession zu verbitten, bzw. man wird selbst wider besseres Wissen, nämlich betrügerisch, die ungebildete Naivität anderer dazu benutzen, den anderen als ungültig zu verurteilen, ihn gegen das andere aufzustacheln, um es vielleicht sogar zu bekämpfen. Wer sich nicht vorstellen kann, selbst in solchen Sog geraten zu können, sei es als Agitator oder als Opfer, wird z.B. den deutschen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus des 2. Weltkrieges niemals verstehen können, obwohl dieses Phänomen natürlich nur eine der Ursachen jener Katastrophe war, und nur eine der Ursachen des „Kalten Krieges“, und nur eine der Ursachen ist des modernen Terrorismus.
Notfalls sollte man sich vorstellen, wie selbstverständlich und deswegen unreflektiert einem selbst das merkwürdige Phänomen ist, wenn jemand aus einem Dorf oder einer Stadt „X“ der Fußball- oder Baseballmannschaft aus dem Ort „X“ oft ganz ungerecht die Daumen drückt und den Sieg wünscht, und wie merkwürdig es ist, wenn jemand über den Sieg der „eigenen“ Mannschaft stolz ist, obwohl er selbst an der Leistung keinen Anteil hat.
Die gleiche Problematik verdeutlicht sich natürlich auch in der Umkehrung, und zwar noch sichtbarer, wo wir von der wahren oder richtigen Aussage oder deren Zugehörigkeit und Gültigkeit auf die Zuverlässigkeit als die Identität einer Person schließen. Aus diesem Grunde glaubten gerade viele anständige und redliche Leute an Hitler. Denn natürlich wissen wir, auch wir Deutsche spätestens nach solcher Erfahrung, dass ein Lügner meistens die Wahrheit sagt und mehr als andere daran interessiert ist, dass Menschen einander vertrauen, besonders natürlich ihm selbst.
Dessen eingedenk und immer vor Augen sollten wir – jedoch ganz unabhängig davon – die archaisch- ursprüngliche Gültigkeitsstruktur jeweiliger Sozialisation mit ihren unzähligen Werten, nach denen wir werten und gewertet werden in Sprache, Aussprache, Gewohnheit, Umgangsform und Gestus, Kleidung und Ritus usw., vergleichen mit der Gültigkeitsstruktur ursprünglicher Gesetze, Steuer- und Strafgesetze, kontrollierter Ordnungen und Verordnungen, wie sie von Oben nach Unten gewaltsam durchgesetzt werden, wobei sich deren logische Verknüpfung durch die Errosion der Ersteren an den oberen und unteren Rändern quasi unvermeidlich ergibt. Jene archaische Gültigkeitsstruktur hatte ich bereits mit der Gültigkeit eines Trampelpfades verglichen, der von allen aus zwei Gründen benutzt wird d.h. als rechter Weg gültig ist, einmal, weil er da ist und ihn jeder kennt, zum anderen, weil ihn jeder benutzt. Etwas ist deswegen richtig, weil alle es für richtig halten. Negativ gesehen ist dies das Prinzip einer Hammelherde und keineswegs demokratisch, positiv gesehen ist dieses nicht nur die Voraussetzung jeder Sprache und Kultur, sondern auch die einer jeden Wissenschaft. Habermas nennt es irrtümlich Commonsense.
Wird fortgesetzt.
Prof. Dr. Hermann Häring
Konflikt- und Gewaltpotentiale in den Weltreligionen?
Religionstheoretische und theologische Perspektiven
(Entnommen Heft Nr. 167, ESW-Texte 2002, der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, zu beziehen Auguststr. 80, 10117 Berlin)
1. Weltreligionen als kulturelle Systeme
Wie wir
wissen, sind die Begriffe ,Religion“ und ,Weltreligionen‘ keineswegs eindeutig:
paradox formuliert: Je unklarer sie sind, umso selbstverständlicher gehen wir
mit ihnen um. Wir alle glauben zu wissen, was Religionen und Weltreligionen
sind, aber im Detail zeigen sich dann doch erhebliche Unterschiede. Beginnen
wir deshalb prägmatisch.
1.
Weltreligionen
Zu den aktuellen Weitreligionen zähle ich in jedem Fall Hinduismus (genauer: Brahmanismus) und Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam.1 Möglicherweise sind chinesische Strömungen wie der Universismus (Taoismus} und der Konfuzianismus hinzuzufügen. Dies ist für unser Thema jedoch nicht von Bedeutung. Zur näheren Begründung für diese Liste werden in der Regel ein quantitatives und ein qualitatives Kriterium kombiniert. Das quantitative Kriterium lautet: Weltweite Verbreitung oder zumindest doch weite Verbreitung auf der Welt, also auf den klassischen Kontinenten Afrika, Amerika, Asien und Europa. Das qualitative Kriterium ergibt sich aus der Frage, ob eine Religion in ihrem Problemhorizont und in ihrem Anspruch die Grenzen ethnischer, sozialer und kultureller Bedingungen überschreitet oder doch wenigstens überschreiten möchte. Das gilt vom Hinduismus und vorn Buddhismus, die auf das Selbst des Menschen sowie auf die prinzipiellen Bedingungen des Menschseins reflektieren. Das gilt m.E. von den chinesischen Religionen, die von weisheitlichen Traditionen aus die Grundsituation von
1. Über diese Aufzählung
herrscht eine breite Übereinstimmung Zur Einführung: G. Mensching, Die
Weltreligionen Wiesbaden 1989; von theologischer Seite: H. Küng u.a.,
Christentum und Weltreligionen, München 1984, ferner H. Küng u. und J. Ching,
Christentum und Chinesische Religion. München 198&
Seite 14 EZW-TEXTE Nr 167
Mensch und
Erde besprechen. Ebenso gilt das für die monotheistischen Religionen, die Welt
und Menschheit auf einen gemeinsamen Ursprung in Gott zurückführen und damit
mit für die condition humaine ihren
universalen Grund formulieren Das gilt insbesondere auch für das Judentum, das
nach dem Urteil mancher dem quantitativen Kriterium allein nicht entspricht.
Natürlich lassen sich darüber viele Einzeldiskussionen führen. Für unsere
Thematik sind diese weniger interessant, zumal ich hier keine der allgemeinen
Religionen von vornherein aus dem Kreis der Weltreligionen ausschließen möchte.
In unserem Zusammenhang sind ja nur solche Religionen von Interesse, die im
Zusammenhang mit überragenden inner oder internationalen Konflikten eine Rolle
spielen.
2. Religionen
als kulturelle Systeme
Interessanter
und weitaus schwieriger ist eine schlüssige Definition von „Religion“. Ich
brauche hier die Bedeutungsgeschichte des Begriffs Religion von der Antike und altkirchlichen
Theologie über Mittelalter und Aufklärung bis hinein in die Gegenwart nicht zu
wiederholen, ich sehe auch ab von spezifisch theologischen Definitionen, in
denen sehr schnell die schwierige Frage nach der inneren Wahrheit eine Rolle
spielt.² Zugleich bin ich der Meinung dass eine verantwortlich agierende
Theologie die Wahrheitsfrage in unserem Zusammenhang auch wirklich ausklammern
kann, ohne Verrat an der Sache zu begehen. Immerhin ist unser heutiger
Religionsbegriff sehr spät entstanden und stark von
religionswissenschaftlichen, insbesondere von religionsphänomenologischen
Aspekten geprägt. Dabei steht nicht etwa die Frage im Zentrum, ob eine Religion
wahr oder falsch, bewiesen <>der falsifizierbar ist. Es geht in unserem
Zusammenhang viel eher um die Frage, wie eine Religion sich in einer
Gesellschaft auswirkt, welche spezifische Funktion sie hat, weiche Effekte sie
auf das politische, kulturelle oder ethische Verhalten von Menschen ausübt und
was sie zur Integration bzw. zur Spaltung einer Gesellschaft beiträgt.
Ich
verstehe Religionen hier als kulturelle Subsysteme, die in der Regel mit einer
gewissen Ausschließlichkeit auf bestimmte Kulturen bezogen sind und die
innerhalb dieser Kulturen wirken, so etwa der Islam in arabischen Ländern, das Christentum
in westeuropäischen Ländern oder das judentum in Israel. Dabei bleibt es
2. Wegen seines offenen Ansatzes ist das Buch eines
amerikanischen Kenners auch für deutsche Leserinnen und Leser interessant: 1. Hick, Religion. Die menschlichen
Antworten auf die Frage nach Leben und Tod, München 1989
EZW-TEXTE
Nr 167
Seite15
zunächst offen, wie genau eine Religion in einer
Kultur wirkt, was ihre Tiefenwirkungen sind und wie sie mit konkurrierenden
Wirkungen umgeht. Westeuropäisch säkularisierte (so wie Deutschland‘
laizistische (so wie die Türkei) oder in anderer Weise plurale Länder (so wie etwa Israel) haben dafür
verschiedene, bisweilen komplizierte Modelle entwickelt, in denen das
Verhältnis von Religion, Öffentlichkeit und Staat geregelt ist oder immer
wieder für Schwierigkeiten sorgt. Wann aber wird ein solches kulturelles System
„Religion“ genannt? Ich sehe dafür zwei Unterscheidungsmerkmale. Sie scheinen
einander auszuschließen; bei näherem Hinsehen aber ergänzen sie sich. Das erste
Merkmal lautet umfassende Wirklichkeitserfahrung,
das zweite Vergegenwärtigung des Sakralen.
Für mich bemisst sich am Gelingen beider Merkmale die Qualität einer
Religion.
Die umfassende Wirklichkeitserfahrung (Merkmal 1) gibt
den Religionen eine oft überbordende, eine ausufernde, rational schwer zu
durchdringende Weise, sich auszudrücken und zu verhalten. Die Themen der
Religionen lassen sich ja endlos addieren; sie lassen ungefähr kein Thema
unserer Lebenswelt aus. Ihre Sprache ufert oft aus, über alles wissen sie zu
urteilen. Es gibt schlechthin nichts, das in einer Religion nicht von Interesse
wäre.
Die Vergegenwärtigung des Sakralen (Merkmal 2)
hingegen bildet das Ziel oder den Hintergrund, auf das hin oder von dem her diese
Wirklichkeit verstanden, interpretiert und gestaltet wird. Dass dieses Sakrale
in den monotheistischen Religionen als das Transzendente und Überschreitende,
als ein jenseitig Unerreichbares verstanden wird, ist eher Zufall, denn der
Gott dieser Religionen (in der Regel als männlich konnotiert) ist in Menschen
und Welt zugleich innerlich gegenwärtig. Ganz offensichtlich machen Sakrales
und Sakralität es möglich, auch Widersprüchliches oder Unlösbares in einen
einzigen Erfahrungs- und Akzeptanzraum zusammenzubinden. Dass dieses Sakrale
zum Einheitsband der Religionen wird, gehört zu deren Wesen, gleich, ob dieses
Einheitsband eine Gesellschaft integriert oder neu spaltet. Sakralität ist
selbst im Buddhismus zu finden, der die Nennung von Gott konsequent ablehnt und
der von manchen deshalb aus dem Kreis der Religionen ausgeschlossen wird.
Wegen dieser beiden Merkmale lebt auch jede Religion
in einer doppelten Gefahr der Entfremdung. Die eine Gefahr lautet
Weltfremdheit. Wer nämlich alles integriert oder integrieren will, droht am
Schluss über oder neben allem zu stehen; denn wie soll das Ganze als solches
darstellbar oder besprechbar sein? Das Gefühl oder die Erwartung, das dennoch
zu tun (und mit Erfolg zu tun), hat oft katastrophale, Folgen. Man redet von
allem, ohne auch nur von einer Sache etwas zu verstehen. Die andere Gefahr
lautet Uberheblichkeit. Wer sich nämlich zum Sprachrohr des Transzendenten
macht, droht am Schluss die Wirklichkeit mit den
Ezw-TEXTE Nr. 167
Seite 16
eigenen
Projektionen zu verwechseln. Man hat die Wahrheit gepachtet und weiß immer,
über Gut und Böse Auskunft zu geben. Man glaubt, die endgültigen Lösungen zu
wissen und ergeht sich im Grunde in Klischees. In diesen Gefahrenzonen werden
später Konflikt und Gewalt zu besprechen sein.
3. Die Sache und ihr Kontext
Indem ich Religionen als kulturelle Subsysteme umschreibe,
signalisiere ich zugleich ein schweres methodisches Problem. Ich formuliere es
zugespitzt: Religionen an sich gibt es nicht. Die Rede von „dem“ Islam ist
ebenso eine Fiktion wie die Rede von „dem“ Buddhismus oder von „der“
christlichen Religion, erst recht die Rede von „dem“ Hinduismus. Zwar kennen
die Weltreligionen jeweils eine zentrale Botschaft (eine Erinnerung, einen
zentralen Mythos oder ein bestimmtes Geschehen) und — wie sollte es anders sein
— deren Einbettung in eine bestimmte Kultur. Aus der zentralen Botschaft
schöpfen sie ihre Identität, so etwa das Christentum aus den Berichten von
Jesus Christus oder der Buddhismus aus den Überlieferungen von Buddha. In der
jeweiligen Kultur finden sie ihre konkrete Gestalt. Beide Größen lassen sich
zueinander in Beziehung setzen wie „Text“ und „Kontext“, denn beide bedingen
einander so, wie eben kulturelle Einzelelemente und eine Gesamtkultur immer
einander bedingen und nur zusammen verstanden werden können.3 Ich will
nicht so weit gehen zu behaupten, dass jede Kultur ihre eigene Religion hat.
Ich vermute jedoch, dass jede Religion aus einer Kultur kommt und sich
gegebenenfalls eine neue Kultur mitschafft oder sucht.4 In
Epochen des kulturellen Umbruchs (H. Küng würde in seinen späteren
Veröffentlichungen zu Religion und Religiosität sagen: in Epochen des
„Paradigmenwechsels“) geraten Religionen deshalb in Atemnot. Möglicherweise
befinden wir uns gegenwärtig, was unsere eigene Kultur betrifft, in einer
solchen schwierigen Periode. Sie wird in der Regel mit dem Begriff
„Säkularisierung“ umschrieben. Dann wird es für eine Religion besonders
gefährlich, weil sie sich weder eindeutig darstellen kann noch eine eindeutige
Definitionskraft wahrnimmt. Sie ver-
3.
Gute Einblicke in die ungeheure Vielfalt von Kulturen und religiösen
Gestaltungen auf der
ganzen
Welt bieten die Veröffentlichungen von C.
von Barloewen (z.B. Kulturgeschichte und Modernität Lateinamerikas, München
1992; Szenen einer Weltzivilisation, München 1994; DerTod in den Weltkulturen
und Weltreligionen, München 1996).
4.
So sind etwa die mittelalterliche und die neuzeitliche Kultur Europas ohne
Christentum nicht denkbar.
Ezw.TEXTE Nr. 167
Seite 17
schwindet sozusagen
hinter einem Schleier unklarer Vermutungen und ist nicht mehr imstande, ihre
Sache klar und mit einem gewissen Führungsanspruch darzustellen. Einerseits
trifft eine solche Religion auf dem Rückzug der Vorwurf, dass sie Konflikte und
Gewaltpotentiale eröffnet (und wer hätte dafür nicht hinreichende Beispiele zur
Hand), im Grunde also schädlich ist. Andererseits wird ihr vorgeworfen, dass
sie zur Eindämmung oder Bewältigung allgemeiner menschlicher, sozialer oder
politischer Gewaltpotentiale nicht taugt, also schwach ist. Dabei kann beides
zugleich nicht richtig sein. Wir werden später sehen, warum sie sich aus dieser
verzwickten Lage nicht befreien kann.
Einer der
Gründe für diese schwierige Situation liegt gewiss darin, dass wir unter
„Religion“ in der Regel hochinstitutionalisierte und differenziert organisierte
Systeme verstehen. Sie treten innerhalb einer Gesellschaft eigenständig auf;
sie steuern sich selbst oder werden von innen gesteuert, sie stellen sich nach
außen dar und sind kraft eigener Regeln handlungsfähig. Als Beispiel können
kirchliche Gemeinschaften, etwa Großkirchen, gelten. Diese Organisationen
stellen jedoch nur eine extreme gesellschaftliche Objektivierung und
Verdinglichung dessen dar, was „Religion“ der Sache nach bedeuten kann. Nicht
ohne Grund beginnen religionssoziologische bzw. religionswissenschaftliche
Diskussionen immer wieder mit der Frage, was „religiös“ eigentlich bedeutet.5
Ist „Religion“ nur die Eigenschaft, die bestimmtes menschliches Handeln
begleitet? Ist „Religion“ in diesem elementaren Sinn also nur das, was die
„Musik“ bei einem vorgetragenen Text sein kann? Gibt es eine „implizite“ (also
eine unausgesprochene) Religion, die sich als solche gar nicht äußert, sondern
sich in kleinen geregelten Abläufen oder unscheinbaren Überzeugungen, in
Formeln oder Zuneigungen erschöpft? Gibt es „quasi-“ oder „pseudo“-religiöse
Ereignisse (und sei es im Stadion), die von einem gewissen Grad der
Ritualisierung, von gemeinschaftlicher Hochstimmung, einem tiefen Staunen oder
von individueller Ekstase begleitet sind? Erst danach und erst allmählich
kommen dann explizit religiöse Phänomene in Sicht, die noch voll und ganz in
alltägliche Vollzüge eingebettet sind. Die Skala zwischen Volksbräuchen und
Volksfrömmigkeit ist heute noch gleitend. Erst viel später, nach einem langen
Weg der Explikation und der Institutionalisierung, taucht dann das auf, was wir
mit dem gängigen Begriff „Religion“ umschreiben und das dann den großen
Sammeleinheiten „Christentum“, „Islam“, „Judentum“, „Buddhismus“, „Hinduismus“,
„Taoismus“‘ „Shintoismus“ u.a. zugeordnet wird.
P Griffith, Problems
of religious diversity‘ Oxford 2000; A.
Th. Khoury G. Gischek, Das
religiöse Wissen der Menschheit, Freiburg 2002; H. Lübbe, Religion nach der Aufklärung, Graz 1986; R. Schieder, Civil religion, Stuttgart
1987.
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Seite18
4. Umfassende Handlungssysteme
Ich
verstehe Religion, wie ich sagte, als kulturelles System. Die beiden genannten
Merkmale der Erfahrungstotalität und Sakralität bringen, wie gesagt, die
Gefahren der Weltfremdheit und Überheblichkeit mit sich. Doch möchte ich bei
diesen wertenden Kategorien nicht stehen bleiben, sondern sie auf eine andere
grundlegende Eigenschaft zurückführen. Religionen sind ja nie sie selbst,
sondern sind immer in Veränderung. Sie haben immer die Aufgabe der Vermittlung
und Interpretation. Religionen sind — nicht nur dort wo geredet
und dargestellt wird, sondern auch dort, wo sie handeln — Symbolsysteme.
Sie bringen Erfahrungen zum Ausdruck und
vollziehen sie nach, begehen sie (etwa die Erfahrungen von Leben und Tod). Sie
deuten und legen aus, machen verständlich (etwa schmerzliche Ereignisse), sie
ziehen Folgerungen, kommen zu Forderungen und bisweilen zum Protest (so wie
etwa Hiob gegen Gott protestiert). Religionen versuchen zu überschreiten; sie
thematisieren Transzendenz. Bisweilen formulieren sie etwas, wovon sie wissen,
dass es unsagbar bleiben muss (das Geheimnis des Lebens oder „Gott“); sie
können kontrafaktisch sein, d.h. der Wirklichkeit Hohn sprechen (man denke an
die Auferstehung). Sie versprechen Rettung in rettungslosen Situationen. Sie
versuchen, wie Luhmann es darstellt, „Kontingenz“ zu reduzieren6,
also undurchschaubare Zufälle besprechbar zu machen., ohne diese zu verändern
oder wirklich zu bewältigen, aber auch ohne sie zu ignorieren (Lübbe). Weil die
Funktionen von Religion so vielfältig sind und weil sie in ungefähr alle
Dimensionen der Wirklichkeit hineinreichen, deshalb ist Religion so schwer zu
definieren. Ich halte mich hier an den amerikanischen Religionswissenschaftler
Geertz, der die wichtigsten Funktionen einer Religion beschreibt. Nach ihm sind
Religionen
(a) Symbolsysteme, die in
den Menschen
(b) starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen, Überzeugungen und Motivationen schaffen, indem sie
(c) Vorstellungen (Imaginationen und Utopien) einer allgemeinen Sinn- und Seinsordnung
formulieren und
(d) diesen Vorstellungen eine solche Definitionsmacht zusprechen, dass
(e) die Stimmungen, Überzeugungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit entsprechen.7
6 N. Luhmann‘ Funktion der Religion, Frankfurt
a. M. 1982.
7. Im Blick auf meine Fragestellung habe ich die Definition
von Geertz nicht exakt übernommen. Interessierten Leserinnen und Lesern soll
der genaue Text nicht vorenthalten sein:“
ein Symolsystem, das darauf zielt, starke, umfassende und
dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, indem es
Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und diese Vorstellungen
mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, dass die Stimmungen und
Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen“ (Ch. Geertz, Dichte Beschreibung.
Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a. M. 1983, 44-95).
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Seite 19
Gerade den
Weltreligionen scheint diese umfassende Interpretations- und Definitionsmacht
in besonderer Weise zu gelingen; in etwa gibt ihr Erfolg ihnen Recht. Sie
unterwerfen weder die interpretierte Wirklichkeit (Menschheit, Welt, Kosmos)
weiteren Bedingungen als denen der Wirklichkeit selbst, noch liefern sie die
glaubenden Menschen zwanghaften Wahrheiten aus. Deshalb kann Geertz eine ganz
andere Wirkung herausarbeiten. Während ich auf die Gefahren der Weltfremdheit
und Weltüberheblichkeit, auf die ständige Vermittlung und Deutung, auf die
kontrafaktische Uminterpretation hingewiesen habe, verweist er auf den
Realismus der Religionen. Weltreligiöser Glaube vollzieht sich immer in
höchster Unmittelbarkeit zur Wirklichkeit selbst. Oft entdecken Glaubende in
der Wirklichkeit ihre eigene Überzeugung. Aus dieser faszinierenden Fähigkeit
rührt aber auch wieder eine Gefahr. Diese Unmittelbarkeit macht sie nämlich
blind für ein unausweichliches (hermeneutisches) Problem: Solche Motivationen,
Überzeugungen und Deutungen, die aller Reflexivität vorauseilen, stehen ja nie
in sich allein, sondern sie nehmen vorgeprägte Redeweisen, Vorstellungswelten
und Überzeugungsstücke ihrer Umwelt auf. Die Psychologie verweist auf die
Welten, die in unserem Unbewussten immer schon zu Hause sind.8 Ferner
reagieren Glaubende auf die gängigen common-sense-Deutungen
(Geertz), die es ja immer schon gibt. Damit sind wahre Deutungen und
Überzeugungen nicht ausgeschlossen, aber auch diese Wahrheit re-präsentiert,
re-agiert und re-flektiert. Sie bleibt in Kontexten eingeschlossen, die immer
wieder aufgebrochen werden und dennoch unhintergehbar sind.
Schließlich werden solche Symbol-, Vorstellungs-, Deutungs-
und Denksysteme in allen großen Religionen von Handlungssystemen getragen und
eingeschlossen, in ihnen erprobt und auf eine gelebte Wirklichkeit bezogen. Das
Geheimnis einer gelingenden Religion besteht ja darin, dass die Gläubigen
dieser Religion das Geglaubte als Wahrheit leben können. Religionen sind also
umfassende Hand-
8
8. Einer der großen Entdecker der Unbewussten in seiner
Bedeutung für die Religion ist c. G. jung. In den vergangenen Jahren hat sich
E. Drewermann als höchst
erfolgreicher Verteidiger einer psychologischen Glaubensauslegung erwiesen.
9
Ezw-TEXTE Nr. 167
Seite 20
lungssysteme
im doppelten Sinn. Sie bestimmen und umfassen zum einen das ganze Handeln von
Menschen, zum andern bestimmt und umfasst das menschliche Handeln diese
Religion. Doch möchte ich auch hier nüchtern bleiben. Denn wie alle lebenden
Systeme bilden Religionen im Idealfall Fließgleichgewichte mit einer
dynamischen Stabilität. Aber auch solche Gleichgewichte ändern sich, sind also
nie garantiert. Auch die ideale Religion ändert sich ständig; sie ist und
bleibt ambivalent.
5. Gewaltpotentiale allgegenwärtig
Zur
Diskussion stehen Konflikt- und Gewaltpotentiale von Religionen. Ich habe
dieses bunte und dynamische Bild von Religionen aus zwei Gründen gezeichnet.
Zum einen macht es verständlich, warum die Weltreligionen so vielfältige
Gestalten annehmen konnten und in sich solche Variationsbreiten zeigen. Wo die
Vielfalt menschlichen Lebens verarbeitet wird, sind einfältige Ausprägungen
kaum zu erwarten und müssen immer wieder Konflikte entstehen. Zum andern macht
das Bild verständlich, dass und warum Religionen die Erfahrungen von Gewalt und
Zerstörung dann nicht ausklammern können, wenn sie in deren Umkreis geraten.
Darum soll es im Folgenden gehen. Von den genannten Gesichtspunkten her werden
Konflikt- und Gewaltpotentiale (kurz zusammengefasst) mindestens in dreifacher
Weise zum Problem der Religionen und damit zum religiösen Problem.
· Wenn es den Weltreligionen um die
Wirklichkeit im Ganzen geht, dann können sie
die faktischen Probleme von Konflikt und Gewalt überhaupt nicht ausklammern. Deshalb
sind Konflikt und Gewalt immer schon Thema einer dynamischen Religion.
· Wenn die
Weltreligionen (als Symbolsysteme verstanden) die Wirklichkeit in Reaktion auf
den common sense einer Gesellschaft neu
zu definieren vermögen, dann handhaben sie auch eine Definitionsmacht zum (neuen) Umgang mit Konflikt und Gewalt.
Deshalb ist der Umgang mit Konflikt und Gewalt auch Ziel einer
wirklichkeitsnahen Religion.
· Wenn Religionen Erfolg haben, sich organisieren
und schließlich institutionalisieren , wenn sie also ihrem
Anspruch nach und faktisch zu Weltreligionen werden, dann produzieren sie
häufig auch eine neue Qualität von
Konflikt und Gewalt. Das ist ihr bleibendes, aber unvermeidliches Problem. Denn
so sehr
Ezw-TEXTE Nr 167
Seite 21
sie auch eine Existenz von höherer Qualität
beanspruchen, sich etwa als Offenbarungsreligion verstehen, sie sind und
bleiben kulturelle, höchst menschliche Systeme. Sie bleiben den Gesetzen aller
kultureller Systeme unterworfen und können ihre Ziele nur unter den Bedingungen
dieser Welt erreichen.
Auf diese drei Aspekte möchte ich im folgenden Teil
eingehen. Dabei beantworte ich nicht die Frage, was die Religionen zur
Bewältigung von Gewalt zu sagen haben und anraten zu tun. Dieser Aspekt ist
wenig fruchtbar und uninteressant. Mich interessiert dagegen die Frage, wie und
warum die Religionen schon durch ihre Existenz und durch ihren guten Willen zur
Quelle von Konflikt und Gewalt werden müssen.
Zudem entgehe ich so der Versuchung, zwischen guten und weniger guten
Religionen zu unterscheiden. Nur wer sich dieser sehr schmerzlichen Frage
stellt, erhält einen Zugang zur wahren und schließlich auch heilsamen Funktion
der Weltreligionen, welche auch immer gemeint ist.
II. Religionen
als Quellen von Konflikt und Gewalt
Dass die Weltreligionen immer wieder Quellen und
Produktionsherde von Konflikt und Gewalt gewesen sind, bedarf keines Beweises.
Ob sie es immer dann auch wirklich waren, als man es ihnen vorwarf, ist eine andere
Fragen. Das gilt sicher auch für die monotheistischen Religionen. Dabei kann
für meine Darlegungen zunächst offen bleiben, welche Rolle sie bei Konflikten
und Gewaltausübung wirklich spielten,
· ob Religionen solche Konflikte bis hin zur
Gewaltausübung selbst produzierten, es ohne Religionen also weniger Konflikte
oder Gewalt gegeben hätte, man denke etwa an die Religionskriege im
frühneuzeitlichen Europa,
· ob Religionen immer wieder für Legitimation
oder Ausübung von Gewalt missbraucht wurden oder missbraucht werden, so in
vielen Fällen der Kolonialisierung und Unterdrückung, die von bestimmten
Kirchen missbilligt wurden,
· ob sie sich möglicherweise für solche
Konflikte und Gewalt aus Vorteils- oder aus anderen Gründen gerne
„missbrauchen“ lassen, so in anderen (vielleicht in ungleich mehr) Fällen der
Kolonialisierung und der grausamen Unterdrückung von Menschen, denen man
bisweilen sogar ihr Menschsein absprach,
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Seite 22
· ob Religionen gewaltfreie Wege der Konfliktregelung
gleichzeitig fördern und durchsetzen und gleichzeitig Gewalt in der Welt
verhindern, also gar nicht mit einer Stimme auftreten,
· ob zwischen guten und bösen, also zwischen
aggressiven und biophilen Religionen zu unterscheiden ist, wonach z. B. die
christliche Religion als Religion der vergebenden Liebe und der Islam als
Religion des kampfbereiten „Krieges“ (so wird dann „Dschihad“ 1 „Anstrengung“ einseitig
übersetzt), wonach in anderen Fällen das Christentum als das aggressive
Weltbeherrschungssystem und der Buddhismus als die Religion der Vergebung und
des Mitleids gilt.
1. Konflikt und Gewalt als historisches Faktum
Ich will
Unterschiede zwischen den Religionen in ihrer Stellung zu Konfliktregelung und
Gewalt nicht leugnen. Es ist unbestreitbar, dass Mohammed zur Gewaltfrage ein
weniger eindeutiges Verhältnis hat als Jesus, dass der Taoismus der
Gewaltanwendung ferner steht als die monotheistischen Religionen. Solche
Unterscheidungen verblassen aber vor der faktischen Wirkung von Religionen,
auch vor der faktischen Wirkung der klassischen Religion der Nächstenliebe. Die
Wirkung und der Charakter von Religionen sind nicht mit ihren moralischen
Absichtserklärungen zu verwechseln. Auch Robespierre war ein hochgradiger
Moralist, gerade deshalb verbreitete er Terror. An den Absichten gemessen
würden wir alle in Frieden leben.
Deshalb
sehe ich auch als Christ keinen Grund, mich — wie Präsident Bush etwa
meint — der besseren und friedvolleren Seite zuzurechnen. Die
Konflikt- und Gewaltgeschichte Europas ist hinreichend bekannt. Karlheinz
Deschner schrieb eine „Kriminalgeschichte des Christentums“.9 Man
mag sie einseitig nennen, weil er die positiven Seiten der Geschichte wegließ.
Was er aber schreibt, ist korrekt. Er schreibt nicht aus Hass, wie ihm oft
vorgeworfen wird, sondern aus Erschütterung über das, was er entdecken musste.
Die bisher vorliegenden 7 Bände, in denen er sich bis ins 14. Jahrhundert
vorgearbeitet hat, liefern unwiderlegbare Fakten für einen Strom von
Aggressivität und Destruktion. Hinreichend bekannt ist auch die
Tatsache, dass die Wende zu Werten wie Religionsfreiheit und Toleranz, zur
Achtung der Menschenwürde sowie zu einer konsequenten Respektierung der
Kh.
Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, bisl. 7 Bde.‘ Hamburg
1986-2001.
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Menschenrechte (wohlgemerkt: unabhängig von
ethnischen, sozialen und religiösen Voraussetzungen) in unserer Kultur zunächst
gegen den Widerstand der christlichen Kirchen durchgesetzt wurde. Schließlich
ist nicht zu leugnen, dass es auch heute noch große Unterschiede zwischen
universalen Proklamationen und konkretem Verhalten vor Ort gibt. Im Gespräch
etwa mit Leidtragenden der Kriege und der Abscheulichkeiten im ehemaligen
Jugoslawien wird man kaum freundliche Worte über katholische, orthodoxe oder
muslimische Religionsführer hören. Mit einer oder zwei Ausnahmen hat keiner von
ihnen je die Gebote der eigenen Religion zu Versöhnung und Nächstenliebe
angemahnt. Als Angehöriger von einer der betroffenen christlichen
Kirchengemeinschaften kann man nur mit Schamesröte auf dieses Versagen
reagieren.
Doch darf ich jetzt nicht in den häufigen Fehler des
Moralisierens verfallen, denn es bringt die Analyse nicht voran. Fragen wir uns
also genauer: Was ist los mit den Religionen? Warum klaffen guter Wille (den
man nicht bestreiten kann) und faktische Wirkung so weit auseinander? Warum
zeigen die Religionen trotz gegenteiliger Beteuerungen eine so tiefe Affinität
zu Konflikterzeugung und Gewalt? Ich möchte vier Argumentationslinien vorlegen,
die das Problem illustrieren.
2. Die Ausgangssituation: Spiel mit dem Feuer
(Mimesistheorie)
Religionen, sagte ich, beschäftigen sich mit der
Wirklichkeit im Ganzen. Das scheint mir eine unabdingbare, sozusagen eine harte
Bedingung einer jeden (Welt)religion zu sein. Daraus ergibt sich beinahe von
selbst, dass die sogenannten Grenzfragen die besondere Aufmerksamkeit auf sich
ziehen; Religionen wollen das Verstehen der Wirklichkeit immer weiterführen und
zu „transzendierenden“ (d.h. zu überschreitenden) Perspektiven vorstoßen. Dazu
gehören nicht nur Lebensbeginn und Lebensende, nicht nur die umfassenden Sinn-
und Orientierungsfragen, die Fragen nach Herkunft, Ziel und Sollen, sondern
eben gerade die Fragen der Zerstörung und der Destruktion, der Konflikte und
der Gewalt, der Vernichtung von Menschen und Welt durch Menschen, die Fragen
nach dem Bösen, das in den Weltreligionen zur menschlichen Freiheit in einer
besonderen Beziehung steht.
Nun hat der französische Literatur- und
Kulturtheoretiker René Girard10 schon in den sechziger und siebziger Jahren die
Aufmerksamkeit auf diesen Punkt gelenkt.
10
R. Girard, Das Heilige
und die Gewalt, Zürich 1987; R. Girard. Das
Ende der Gewalt, Freiburg, 1983.
Ezw-TExTE Nr. 167
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Weniger
wichtig ist für unseren Zusammenhang seine allgemeine Mimesistheorie. Gemäß
dieser Theorie wird eine jede Gesellschaft genau dadurch zusammengehalten, wodurch
sie sich immer wieder spaltet. Durch den Drang der Nachahmung (griechisch:
Mimesis) will ich wie meine Vorfahren (Väter und Mütter) werden; ich eifere
ihnen nach, darauf ist mein Ehrgeiz gerichtet. Dieses Streben schweißt eine
Gesellschaft zu Einheiten, zu Gemeinschaften, zu Kulturen zusammen. Wenn der
eine dem anderen nachstrebt, kommt es zu großen bindenden Idealen. Aber genau
dieser Nachahmungsdrang schafft auch Ehrgeiz, Rivalität, den Drang zur
Vernichtung der anderen. Wenn ich nämlich wie mein Vater geworden bin, dann
will ich auch an seine Stelle treten, also ihn und seinesgleichen verdrängen.
M.E. ist dieser These kaum zu widersprechen; eine jede Gesellschaft produziert
mit ihrer Einheit zugleich auch ihre eigenen Konflikte.
Wichtig
für unseren Zusammenhang sind nun die Folgerungen, die Girard für die
gesellschaftliche Funktion von Religionen zieht. Zur erhellenden Illustration
dient ihm der Ödipusmythos, insbesondere die Pest und das Unglück, von denen
die Stadt Theben überzogen wird. Für Girard wird dieses Unglück zum Zeichen von
Konflikt und Gewalt, die sich in dieser Stadt ausbreiten. Die Stadt selbst wird
zum Symbol der verdeckten, überall existenten Gewalt. Es ist der Fluch, der
durch den Vatermord über Theben gekommen ist. Die Frage lautet deshalb: Wie
kann diese zum Fluch gewordene Gewalt bewältigt, gebändigt, gesühnt werden? Zu
einer weiteren Illustration dient ihm der jüdische Ritus vom Sündenbock.11
Jeweils zum Jahresende wird ein Ziegenbock mit den Sünden der Menschen
beladen und in die Wüste geschickt. Dadurch wird das Böse innerhalb der
Gemeinschaft gebannt. Klassischer Ort zu Bearbeitung und Überwindung der Gewalt
ist für ihn die Religion. Das ist ihre erste soziale Funktion. Sie hat Gewalt
zu bannen, indem sie diese kanalisiert. Aus diesem Grund haben Opferriten in
den alten Religionen eine zentrale Rolle.‘2 Wenn ein Tier geopfert
wird, wird die Gewalterfahrung thematisiert, sozusagen symbolisiert und in den
einen heiligen Ort des Tempels und Opferalters gebannt. Der innere Widerspruch
der Opferreligionen besteht für Girard allerdings darin, dass sie Gewalt zwar
verurteilen, im Opferritus aber doch wieder legitimieren. Das ist nicht
konsequent. So kann er auch an das Christentum die Frage stellen, warum
ausgerechnet in einer Religion der Gewaltlosigkeit die Idee vom gewaltsamen
Opfertod eine so zentrale Rolle spielt.
Ich folge
der Theorie Girards hier nicht weiter. Ich übernehme nur eine zentrale
Intuition, die ich bei der Beschäftigung mit ihr gelernt habe; es war für mich
eine wichtige
11 R. Girard, Der
Sündenbock, Zürich 1988.
11
R. Girardu.
H. Assmann, Götzenbilder und Opfer, Wien 1996.
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Seite 25
Entdeckung: Wenn Religionen die Qualität öffentlicher
Bedeutung und Geltung haben oder wieder erhalten wollen, dann müssen sie sich
genau mit den Schwach- und Gefahrenpunkten einer Gesellschaft beschäftigen, an
denen diese Gesellschaft zerbrechen kann und bisweilen zerbricht. Das unlösbare
Hauptproblem eines jeden Zusammenlebens ist die Gewalt, die gerade der
Zusammenhalt unaufhörlich produziert und derer auch das Gewaltmonopol der
modernen Staaten nicht Herr zu werden vermag.
Aufgabe der Religionen ist es nicht, diese täglich
neue Gewalt wegzureden, von ihr mit Hilfe von schönen Illusionen abzulenken oder
sie moralisierend zu verniedlichen. Aufgabe einer Religion, die diesen Namen
verdient, ist es, auf die Gewaltpotentiale und deren Quellen zuzugehen, sie zu
thematisieren und zu verarbeiten. Religion ist für Girard der einzige Ort, der
Gewalt auf Dauer bannen und die Gemeinschaft vor ihrer eigenen destruktiven
Haltung schützen kann. Aus diesem Grunde spielen Fragen der Gewalt in den
Religionen eine so zentrale Rolle: Leben und Tod, Opfer und Selbstverleugnung,
Sünde und Böses, Satan und Hölle, Beginn und Ende der Welt, Strafe und letztes
Gericht. Blut gilt als sakrales Medium, das heute noch zu einer archaischen
Faszination durch den Krieg, zu einem Mythos des Krieges führt.13 Religionen
fangen alle destruktiven Phantasien ein; deshalb können sie — wenn es
schief geht — zu Verstärkern von Gewalt werden. Religionen
formulieren unsere Wut über das Böse und die Bösen. Sie kanalisieren unseren
Wunsch nach der Vernichtung der Bosheit. Sie fordern Gerechtigkeit, in gewissem
Sinn also auch Rache für die Entrechteten und die Opfer. Auch die biblische
Tradition steckt voller Aggressivität und Rachegelüste. Zumal die
monotheistischen Religionen sind nichts für innerlich fromme Gemüter und haben
nichts mit Weltflucht zu tun. Nein, es sind innovatorische und kämpferische
Religionen, die auf Veränderung bedacht sind. Sie wollen nicht zulassen, dass
der Mörder über sein 0pfer triumphiert, also muss für dessen Vernichtung
gesorgt werden. Sie wollen um des Guten willen Chaosüberwindung und Ordnung,
also verstärken sie ungewollt auch solche Ordnungsprinzipien, die an sich nicht
in Ordnung sind. Man denke etwa an die patriarchalen Schemata, die den
monotheistischen Religionen eingeboren sind.14
13 B. Ehrenreich, Blutrituale. Ursprung und
Geschichte der Lust am Krieg, München 1997.
14 Natürlich
wurden auch andere Theorien über den Zusammenhang von Gesellschaft und Gewalt
entwickelt. Wichtig ist noch immer die Theorie von E. Fromm zur Nekrophilie der modernen Gesellschaft (Anatomie der
menschlichen Destruktivität, Stuttgart 1974) sowie die Erforschung des
Einflusses des Patriarchats auf Gewaltstrukturen, die unüberwindlich zu sein
scheinen, so etwa V van Aaken, Männliche
Gewalt. Ihre Wurzeln und Auswirkungen, Düsseldorf 2000.
Interessant noch immer A. Einstein und
5. Freud, Warum Krieg?, Zürich 1972.
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Seite 26
Hinzu
kommt, dass diese Fragen nicht nur theoretisch durchdacht, sondern praktisch
durchgearbeitet werden: in der Praxis des Handelns und des Bekenntnisses, der
Entlarvung, der Beschwörung des Bösen und der Anrufung Gottes. Religionen
können äußerst machtvolle performative Kräfte entwickeln.
Das macht die große Versuchung derjenigen Religionen aus, die Gewalt aus der
Welt schaffen wollen; sie üben selbst Gewalt aus. Beispiele sind, wie ich schon
sagte, die Opferrituale, die Gewalt zwar kanalisieren, aber doch wieder
legitimieren. Weitere Beispiele sind Opfer- und Bußübungen, aber auch die
Ankündigungen von Lohn und Strafe, die Urteile der Rettung und Verdammung.
Beispiele sind Prophetenworte und die Leidensgeschichte von Gerechten, die in
der Erinnerung aller Religionen einen großen Raum einnehmen. Beispiele sind die
Diskriminierung und Marginalisierung von Frauen, die in allen Weltreligionen zu
finden ist und deren Auswirkungen auf das Wohlsein von Gesellschaften immer
wieder verheerend sind. Gerade Christen müssen dieser Wahrheit in aller
Nüchternheit ins Auge sehen; die Erinnerung an den Tod Jesu, den sie als den
Messias verehren, wurde zum Anlass von Kriegen und Racheritualen nicht nur
gegen die Juden, sondern gegenüber allen, die man als Ungläubige betrachtete.
Dennoch
ist dies die unvermeidliche Ausgangssituation einer jeden vitalen Religion (und
anders hätte sie keine gesellschaftliche Funktion), dieses Spiel mit dem Feuer,
in dem sie sich dieser Wahrheit menschlichen Lebens stellt: Vernichtung und
Gewalt. Gegenüber den Theorien, dass die Religionen Konflikte und Gewalt
provozieren, bin ich deshalb vorsichtig. Religionen spielen ihr Spiel immer nur
innerhalb kultureller und gesellschaftlicher Einheiten, in denen es Gewalt
schon gibt. Ihr Spiel beginnt immer mit der Spiegelung dessen, was in dieser
Gesellschaft gegenwärtig ist. Dass es so zu neuen Eruptionen von Gewalt kommen
kann, ist nicht zu bestreiten.
3. Die Ordnungsfunktion: Definitionsmacht der Religionen
(Affinität)
Der
Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke hat am 6. April 2002 in
der Süddeutschen Zeitung einen höchst interessanten Artikel vorgelegt. Er
erinnert an die griechischen Zeiten, die dem Peloponnesischen Krieg vorangingen
und in denen nicht abzuklären war, ob man friedlich handelte oder sich als
Seeräuber betätigte. Aber war es primitiver Raub oder war es Rechtsschutz in
einer Zeit, da über Recht und Konventionen noch keine Absprachen bestehen?
Schon im Mythos von König Minos wird berichtet, dass dieser die Seeräuberei
allmählich unterbunden habe. „Auch das Unwesen der Seeräuber“, so Thukydides,
unterband Minos, „nach Kräften und in weiten Teilen des Meeres“; dann kommt der
bemerkenswerte
Ezw-TEXTE Nr. 167
Seite 27
2
Zusatz: „um seine Einkünfte zu erhöhen“. Der Nachsatz lässt aufhorchen,
weil er die Verwandtschaft zwischen den beiden Zwillingen zu erkennen gibt: dem
rechtlosen Räuber und dem gesetzlichen Staat. Augustinus wird dann zu Beginn
des 5. Jahrhunderts die Frage stellen, wie sich denn die späteren
Staaten (etwa das Römische Reich, immerhin Wegbereiter eines weltweiten
Friedenssystems) von Räuberbanden unterscheiden.15 Diejenigen, die
über die nötigen Machtmittel verfügen, diktieren eben die Gesetze; es hängt von
ihrem Wohlwollen und ihrer rechtlichen Gesinnung ab, ob sich ihre „Gesetze“ vom
Comment einer „ehrenwerten Gesellschaft“ wirklich unterscheiden. Aber gab es
nicht auch Räuber aus sozialen und menschenfreundlichen Motiven? Was sollen wir
von Robin Hood und seinen Mitstreitern halten? Hatten sie nicht die Moral, etwa
den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit auf ihrer Seite, obwohl sie die Gesetze
missachteten? Parallelen lassen sich bis in die Gegenwart hinein ziehen. Manche
entziehen sich dem Etikett des Terrorismus nur dadurch, dass sie kraft ihrer
Definitionsmacht bestimmen, wer dieTerroristen sind. Sie haben, in der Sprache
der Bibel gesprochen, die Macht über die „Gesetzlosen“ errungen. Das ist aber
ein doppelbödiges Unternehmen. Christen werden sich daran erinnern, dass Jesus
von Nazaret nach damaligem Stand von Recht und Rechtschaffenheit als
Gesetzesloser und als Verfluchter gestorben ist (Gal 3,13).
Es geht hier nicht um die Sanktions- und Definitionsmacht
des Staates, sondern um die Parallele, die sich für die Religionen, zumal für
die monotheistischen Religionen ergibt. Die Religionen sind es ja, die die Welt
von ihren letzten Gründen her und auf die letzten Gründe hin beschreiben, in
ihren Symbolkosmen rekonstruieren und so mit enormen Tiefenwirkungen
definieren. Es ist für eine Kultur sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich
solchen Definitionen zu entziehen. Wenn dann eine Umdefinition doch einmal
glückt (wie dies im Blick auf die modernen Naturwissenschaften geglückt ist),
dann gerät eine Religion in die Krise. Viel schwieriger wird die Situation auf
Gebieten, in denen die Wirklichkeit durch neue Definitionsverhältnisse
unmittelbar neu geordnet wird. Das ist etwa dann der Fall, wenn (um ein sehr
prägnantes Beispiel zu nehmen) Menschen in erster Linie als Männer definiert
und Frauen bei der Weltdefinition vergessen werden. Zu diesen wichtigen
Definitionsleistungen der Religionen zählt ferner die Definition von Recht und
Unrecht, von Gut und Böse, von erlaubter und unerlaubter Bestrafung, von Welt-
und Menschenwürde, von Freiheitsberaubung oder Tötung. Es ist gut, dass es
solche Definitionen gibt, erst sie sind es, die unsere Wirklichkeit verstehbar
und regelbar machen. Aber jede Definitionsmacht kann missbraucht, oberflächlich
15 Zu dieser Frage scheibt Augustinus in De Givitate Dei
(Buch 4) ein ganzes Kapitel.
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Seite 28
angewendet
und zur Unterhöhlung des Zieles eingesetzt werden, das eine solche Einteilung
der Welt in Gut und Böse erreichen will.
Ich nenne nur
einige Möglichkeiten des Missbrauchs oder der kurzsichtigen Anwendung. Es ist
z.B. die Ethnisierung und kulturelle
Präzisierung dieser Definition, die von religiösen Traditionen her oft
unterstützt wird. Türken, Pakistani oder Afrikaner, Barbaren und Nichtzivilisierte
gehörten eben lange Zeit zur dunklen Seite dieser westlichen Weltdefinition‘
und die arabische Sprache ist die entscheidende Sprache des klassischen Islam.
Es sind z.B. die rechtgläubige und
die religiöse Verengung der
Definition. Wer ein Ketzer oder ein Nichtchrist war, fiel eo ipso der
Verdammung anheim. Es ist z.B. die politische
Anwendung dieser Definition. Wir kennen das Problem aus unserer eigenen
Geschichte, in der der Gehorsam gegenüber der Obrigkeit (Röm 13) andere
Definitionsmöglichkeiten überrollte und den Widerstand gegen Hitler enorm
schwierig machte. Es ist aber auch die transzendente
Überhöhung der unterscheidenden Definition, die im Namen einer
überirdischen Instanz zwischen Gut und Böse unterscheidet. Letzte Woche noch
stand ich vor alten Ikonostasenwänden in den Meteoraklöstern in Thessalien
(Griechenland), die mich plötzlich erschreckten. Dort wird — so wie
auch über den Portaleingängen gotischer Dome — das Letzte
Gericht dargestellt. Aber es reichte den Mönchskünstlern offenbar nicht, dass
sich die Bösen selbst in die Gottferne katapultieren. Nein, der Feuerstrom der
Verdammnis geht nicht vom Satan, sondern vom göttlichen Richter selbst aus; die
Hölle ist, traditionell gesprochen, Wille und Folge von Gottes Zorn, wie schon
Paulus sagte: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht! — Unser
Herr, kommt!“‘6 Durch solche Bilder und Worte erhalten letzte
Vernichtung und Demütigung eine Qualität, die von Gott selbst gesetzt ist und
sich selbst trägt, die sich mit unseren modernen Vorstellungen von
Menschenrechten und Menschenwürde nur noch schwer vereinbaren lässt. Es sind
gerade religiöse Stimmen die beim Übergang zu neuen Epochen das Neue gerne mit
den schlimmsten Verurteilungen belegen, deren sie fähig sind.
Ich sagte,
dass ich solche Definitionsvorgänge für das Funktionieren einer Kultur für
notwendig halte. Deshalb füge ich hinzu, dass auch eine Religion nicht gegen
willkürliche Definitionssetzungen gefeit ist. Religionen beinhalten also keinen
Automatismus, der das Böse der Welt wahrnimmt, symbolisiert und dann weiter
produziert. Elementar beurteilende Wahrnehmungen, also Begeisterung und vitale
Ablehnung, sind für die religiöse Qualität einer Weltinterpretation
unabdingbar,
15
Zur Ehrenrettung des Paulus sei die Vermutung ausgesprochen,
dass dieses schlimme Wort nicht von Paulus selbst stammt, sondern dem Brieftext
später zugefügt ist. Immerhin steht an anderer Stelle: „Segnet eure Verfolger;
segnet sie, verflucht sie nicht!“ (Röm 12, 14). Dennoch ist dieser Fluch Teil
des offiziell geheiligten Textbestands.
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 29
aber erst im und nach dem Spiel mit dem Feuer beginnt
die ethische und humane Qualität einer Religion. Diese humane Qualität ist ihr
nicht in die Wiege gelegt; sie muss sie immer neu finden. Insofern gibt es
keine guten oder bösen Religionen. Die monotheistischen Religionen haben das
Problem wenigstens erkannt. Deshalb unterscheiden sie zwischen Buchstabe und
Geist, zwischen den Dämonen und Gott, zwischen Verführung und mystischer
Verinnerlichung. Genau diese Unterscheidungen lassen sich aber nicht mehr
objektivieren, letztlich also nicht mehr mit bestimmten Verhaltensanweisungen
regeln.
4. Die Konkretisierung: Existentielle Konfrontation
(Überforderung)
Der in der Moderne meist besprochene und weithin
bekannte Ort religiöser Gewaltpotentiale sind Seele und Gestimmtheit der
Gläubigen selbst. Das Problem ist bekannt. Gerade die aktuellen Weltreligionen
fordern — je auf ihre Weise — die freie Entscheidung und
das existentielle Engagement derer, die sich auf eine Religion einlassen: das
existentielle Engagement der Juden, der Christen, der Muslime. Doch das ist
leichter gesagt als getan, denn auch hier liegt die Entscheidung zwischen
Überwindung und Verstärkung des Bösen auf des Messers Schneide. Es ist nicht
von vornherein ausgemacht, ob die Eifrigen Heil oder Unheil über die Menschheit
bringen. In der Regel sind auch religiöse Menschen von der Herausforderung
durch bestimmte Situationen überfordert, in denen sie als die Überlegenen, als
die Selbstlosen oder als die Weisen auftreten müssten. In Krisenzeiten wird
diese Überforderung zum Dauerzustand, zum moralischen oder zum psychischen
Problem. Ich möchte das an vier typischen Fehlreaktionen zeigen, die sich zumal
in den monotheistischen Religionen finden lassen.
+++++++++++++++++++++
a.
Weltverstehen
— Weltvereinfachung
(von der Entlarvung zum Ausschluss)
Zu Recht gelten Religionen als Quellen der Weisheit.
Sie sammeln die Erfahrungen von Generationen und sagen uns, was gut und was
wahr ist: „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir?
Was erwartet uns?“ (Kant/Bloch). Sie weisen uns Wege zum Heil und sprechen vom
tiefsten Geheimnis, das uns alle umfängt. Religionen erklären uns, kurz gesagt,
den Gang und das Wesen der Wirklichkeit. Auch moderne und sehr kritische
Religionssoziologen beschreiben das so und schreiben der Religion eine
unverzichtbare Aufgabe zu. Und ganz
offensichtlich haben die großen Religionen die Fähigkeit, die kom-
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 30
plexen und
unübersichtlichen Fragen dieser Welt, die Erfahrung von Chaos und
Sinnlosigkeit, unsere Hoffnungen und Ängste auf einfache Erzählungen, Formeln und
Antworten zurückzubringen. So helfen uns die Religionen, die schwierigen Fragen
von Leiden, Tragik und Absurdität zu beantworten (die Wissenschaft nennt das
„Komplexitätsreduktion“). Die Religionen sagen uns, dass unser Leben in Gottes
Händen liegt und dass alles einen Sinn haben kann. Religionen schützen ein
Geheimnis und durchbrechen die Oberfläche. Sie stellen Werte neben die „Fakten“
und zeigen, dass der Nutzen der Dinge nicht alles ist.
Religionen
machen die Welt damit für uns nicht einfacher, sondern widerständiger. In den
Religionen lernen wir, die Welt nicht oberflächlich, sondern in ihrer Tiefe zu
verstehen. Und doch ist das eine einseitige Beschreibung; denn dieses neue
Verstehen der Welt hat in Zeiten der Überforderung eine gefährliche Zwillingsschwester.
Das ist die Vereinfachung. Keine Religion kann sich dagegen wehren, dass sie im
Laufe der Zeit als vereinfachendes System zur Welterklärung verstanden wird. Es
heißt dann: „Die Welt ist in sechs Tagen erschaffen“, oder: „Dem Gerechten wird
es gut ergehen“, oder: „Wer gesündigt hat, braucht nur zu beichten“. Das sind
sehr simple und durchschaubare Beispiele. Andere sind nicht so einfach
durchschaubar. Aber wohl jeder kennt jene unangenehme Sorte von religiösen
Menschen (gute Juden, Christen oder Muslime), die auf alle Fragen eine Antwort
haben, die immer und sofort wissen, was wahr und was falsch ist und denen auch
klar ist, dass „Ungläubige“ auch unmoralischer sind. Die Texte der Thora, des
Evangeliums oder des Koran sprudeln nur so aus ihrem Munde.
In dieser
Versuchung, in diesen vereinfachenden Welterklärungen, in diesem Ja und Nein
liegt eine wichtige Funktion: religiöse Welterklärungen entlarven zugleich das
Oberflächliche und Vorläufige, das Falsche, verfälschende Ideologien. Es mag
sogar Situationen geben, in denen nur noch ein Ja oder ein Nein möglich ist,
etwa in Zeiten des gebotenen Widerstands. Religiöse Welterklärung will und muss
immer auch zurechtrücken, entlarven, Ideologiekritik sein. So ist es
verständlich, dass sich in diesen Prozess unversehens etwas Unduldsames und
Gewaltsames, etwas Dogmatisches einschleichen kann. Gespräche werden
unterbrochen, Fragen und andere Ansichten kommen nicht mehr zum Tragen, sondern
werden ausgeschlossen. Wer anderer Meinung ist, bleibt außen vor. Religion wird
dann selbst zur Ideologie. Dafür gibt es ungezählte Beispiele im Christentum
und im Islam, bei den Sikhs und im Brahmanismus.
Wir können
diese Haltung in allen Religionen finden. In ihr liegt der Keim der Gewalt. Die
Geschichte der christlichen Kirchen ist ein Musterbeispiel dafür, dass der
Anspruch zur eindeutigen Welterklärung immer wieder zu Ausschluss, zu
Gewaltanwendung und Gewaltlegitimation geführt hat. Man denke an die
exkommunizierten Häretiker, an die verfemten Denker, an die verbrannten Hexen‘
an
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Seite 31
Folterungen und Todesurteile. Dem christlichen
Häretiker Maximus (8. Jh.) wurden die Zunge herausgeschnitten und die rechte
Hand abgehackt, und der große arabisch-muslimische Philosoph Averroes
(1162-1198), ein wirklich aufgeklärter, geradezu moderner Theologe, musste sich
1195 in seiner Heimatstadt Cordoba am Tor zur berühmten Synagoge aufstellen, um
von den Gläubigen wegen seiner Ketzereien angespieen und dann verbannt zu
werden.17 Dieser unheilvolle Mechanismus ist in allen Religionen bis
heute nicht überwunden und kann vielleicht auch gar nicht überwunden werden.
Gewiss ist daran festzuhalten: Das religiöse Wissen der Religionen hängt mit
Erfahrungen, Haltungen und Entscheidungen, mit göttlichen Offenbarungen zusammen,
die Eindeutigkeit schaffen. Deshalb trägt dieses Verstehen, diese
Interpretation der Welt immer Entschiedenheit, Parteilichkeit, eine „Option“ in
sich. Das ist viel mehr als eine wissenschaftliche Aussage. Die Parteilichkeit
trägt aber die Gefahr in sich, über die wir gesprochen haben. Es sind die
Intoleranz, der Ausschluss von solchen, die anders denken und die es wagen,
Fragen auszusprechen. Statt Schweigen vor dem unendlichen Geheimnis ist dann
ideologisches Gerede über Gott und Welt die Folge, —-eine
Gefahr, die nicht auszurotten ist.
b. Gewissheit — Dualismus (vom Bekenntnis zur Denunziation)
Religionen bieten Gewissheit, das ist ihre Stärke.
Allerdings kommen die großen religiösen Texte in der Regel auf leisen Sohlen daher.
Es macht Mühe, sie zu erschließen. Mit Auswendiglernen und schnellem
Argumentieren ist es nicht getan, denn sie müssen in einem oft langen Prozess
von innen her verstanden werden. Erst allmählich überzeugen sie, bis zu dem
Punkt, an dem sie eine starke innere Gewissheit verschaffen. Martin Luther hat
deutlich auf diesen Punkt hingewiesen. Religionen schaffen keine äußere
Sicherheit (es sind also keine Versicherungsanstalten), sondern innere
Gewissheit (sie üben ein in Vergewisserung). Solch eine innere Gewissheit macht
stark und unüberwindlich. Viele Märtyrerberichte aus allen Religionen belegen
diese Erfahrung.
Eine Religion, die eine solche Sicherheit nicht
schaffen würde, wäre leblos und erstarrt. Aus ihr wachsen die
Zusammengehörigkeit der Gleichgesinnten und der überlegene Widerstand gegen
diejenigen, die noch nicht zu dieser Gewissheit gelangt sind. Diese Gewissheit
spielt in den monotheistischen Religionen eine
16
O. Leman, Averroes and his Philosophy‘ Oxford 1988; s.u. Anm. 28.
32
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 32
große
Rolle. Es geht da um die Gewissheit, dass es nur einen Gott gibt, dass die
anderen Götter (wie ein jüdischer Prophet sagt) nur Abgötter, dass sie
eigentlich nichts sind (Jes 14,29). So werden alle Haltungen des Unglaubens
(oder eines Glaubens an andere Götter) in ihrer Unhaltbarkeit und in ihrer
Schwäche letztlich entlarvt. Doch unmerklich setzt auch hier eine Wende ein.
Wer sich auf die Seite Gottes schlägt, entlarvt damit alle Oberflächlichkeit
und alle Gottferne als innere Schwäche und als Unsicherheit; das ist eine
Überzeugung, die schnell in Über-forderung umschlägt. Die monotheistischen
Religionen finden ihre Identität alle in polemischen Bekenntnissen; denn die
Parteilichkeit des Glaubens fordert einen persönlichen Standpunkt, für den ich
mich behaften lasse und für den ich (zur Not mit dem Leben) zu zahlen bereit
bin.
Man
erahnt, dass auch diese Gewissheit und diese Entlarvung eine dunkle Gefahr in
sich birgt. Offensichtlich genügt ein geringes Ungleichgewicht, ein kleiner
Kern von Unsicherheit, um aus der lebensspendenden Quelle des Vertrauens auf
Gott einen lebensvernichtenden Strom von Misstrauen gegenüber der Welt
entstehen zu lassen. Die Gewissheit bekommt also schnell einen falschen
Unterton. Die Psychologie weiß, wie schnell aus Gewissheit eine
Selbstgewissheit wird, die die Welt in die Erwählten und die Nichterwählten, in
die Guten und die Bösen einteilt.‘8 Wir nennen das „Dualismus“. In
dieser Selbstgewissheit werden Menschen und Haltungen aber nicht mehr entlarvt,
sondern abgeurteilt, schlecht gemacht, denunziert. Es ist, als läge alles
Schlechte beim andern und als bräuchten wir eigene Standpunkte nie mehr zu
revidieren. Man verliert die Fähigkeit, die eigenen Schattenseiten zu erkennen
und zu akzeptieren (C. G. Jung).
Die
Geschichte unserer Religionen ist voll von solchem Dualismus, voll der
Verurteilung und der Denunziation. Gott wird dann zum Zeugen angerufen für
menschliche Überzeugungen. Als Gottes Urteil wird dann verkündet, was wir Menschen
uns erdacht haben. Das Gleichgewicht von Gewissheit und Selbstkritik ist
verloren gegangen. Mir scheint, dass in diesem verlorenen Gleichgewicht der
Ursprung des „Fundamentalismus“ liegt, den wir — ausdrücklich
oder nur implizit gewaltsam — in allen drei monotheistischen Religionen finden.
17
Als umfassende Hintergrundinformation sehr erhellend für
diese subtilen Prozesse: 1. W Fowler, Stufen
des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach
Sinn, Gütersloh 1991. Wichtig und unverzichtbar sind ferner die einschlägigen
Veröffentlichungen von F. Fromm, dessen
Buch „Haben und Sein“ weithin bekannt ist.
18
Ezw-TEXTENr.167
Seite
c. Begeisterung
— Fanatismus (von der Ekstase zur Verteufelung)
Der dritte Aspekt wird in der heutigen Öffentlichkeit
häufig besprochen. Religionen gelten als gemeingefährlich, weil sie zu
Fanatismus führen.19 Führen Religionen zu Fanatismus und werden sie
von Fanatikern bestimmt? Geschichte und Gegenwart kennen dafür Beispiele genug.
Dennoch finde ich diese Pauschalargumentation nicht überzeugend. Dafür nenne
ich drei Gründe. Der erste Grund lautet: Religion lebt von Begeisterung. Religiöse Menschen sind in der Regel begeisterte
Menschen, ohne Fanatiker zu sein. Wer die Abscheulichkeit des Fanatismus verurteilt,
sollte es sich nicht zu leicht machen, indem er daneben die lebensfördernde
Kraft des Begeisterung vergisst. Der zweite Grund lautet: Die jüdische Bibel,
das „Neue Testament“ und der Koran lehnen Fanatismus, reine Gewaltanwendung,
Terrorismus ab. Zu allen Zeiten des Fanatismus sind innerhalb der eigenen
Religion deshalb Kritiker aufgestanden,
die auf den wahren Willen Gottes gewiesen haben.20 Der dritte Grund
lautet: In vielen Fällen des Fanatismus lässt sich zeigen, dass die Religion
für fanatische Ziele missbraucht wurde.
Ethnische, soziale und politische Gründe spielen im Bündel der Faktoren oft
eine dominierende Rolle.
Dennoch
lässt sich das Problem nicht abweisen; denn auch hier haben wir es mit
Zwillingsschwestern zu tun. Religionen haben allen Grund zur Selbstkritik. Sie
kennen eben Begeisterung, hoffentlich. Christen etwa sind davon überzeugt, dass
sie Gottes Geist empfangen haben und viele haben Stunden des Geistes erfahren.
Diese Begeisterung aber bedeutet immer „Trans-zendenz“‘ d.h. „Grenz-überschreitung“.
Hoffnungen, Visionen, Enthusiasmus breiten sich aus und äußern sich in Gesang,
Tanz und Ekstase. Aber bei jeder Überschreitung begibt man sich auch in
unbekanntes, oft auf gefährliches Gebiet. Man gibt die Kontrolle über sich auf,
um sich von „Gottes“ Geist leiten zu lassen. Wer aber sagt uns, dass dies immer
Gottes Geist ist? Nicht umsonst bestehen die klassischen Traditionen der großen
Religiönen immer darauf, dass zwischen den Geistern unterschieden wird, währen
ich etwa in meinem Kulturkreis froh bin, wenn sich überhaupt noch so etwas wie
„Geist“ meldet.
19 R. Bernhardt, Zwischen Größenwahn,
Fanatismus und Bekennermut, Stuttgart 1994; 1.
Rudin, Fanatismus. Die Magie der Gewalt, Olten/Freiburg 21975; A. van de Spijker, Narzißtische Kompetenz,
Freiburg 1993.
20 Ein immer
noch lesenswertes Buch über den Prozess ständiger und wachsender Kritik an
religiöser Gewalt innerhalb des jüdischen Raums: 1. Ebach, Das Erbe der Gewalt. Eine biblische Realität und ihre
Wirkungsgeschichte, Gütersloh 1980.
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Seite 34
Dies ist
der kritische Punkt. Er ist gefährlich, sobald sich auch nur ein geringes
Ungleichgewicht des Ausschlusses und der Denunziation einschleicht, von
sozialen Prozessen potenziert. In der Begeisterung entwickelt sich eine andere,
gefährliche Grenzüberschreitung. Sie beginnt mit dem ur-prophetischen Willen
zur Veränderung. Welt und Menschen sollen besser, gerecht und barmherzig
werden. Sie erweitert sich im Versuch der Überredung. Dann wird sublimer oder
physischer Druck ausgeübt. Es folgen Zwang und Gewalt. Dem Ausschluss und der
Denunziation, von denen schon die Rede war, folgt schließlich die Verteufelung.
Andersdenkende
wurden im Raum der monotheistischen Religionen immer wieder verteufelt. Ich
wehrte mich gegen die Behauptung, jede Religion führe zum Fanatismus. Aber ich
muss zugeben, dass Fanatismus die Gefahr einer jeden Religion ist, die von Gott
leidenschaftlich begeistert ist. Angesichts der schrecklichen technischen
Hilfsmittel unserer Zeit — der Nachrichten- und Waffentechnik, der Möglichkeiten
der Chemie und der Psychiatrie — ist der Fanatismus zur weltbedrohenden Gefahr
geworden. Es sind in erster Linie die Religionen, die dagegen einschreiten
müssen; denn sie haben damit Erfahrung und es ist ihre ureigene Gefahr. Sie
müssten als erste gegen ihn einschreiten, erkennen, anklagen und in ihren
eigenen Reihen überwinden.
d. Gewaltverarbeitung — neue Gewalt
(von der Abweisung zur Destruktion)
Der vierte
Gesichtspunkt ist für mich der wichtigste. Bislang war nur von einem Missbrauch
die Rede, der bei gutem Willen — wie es scheint — vermeidbar ist. Psychologen
sind da schon pessimistischer; denn in allen von uns sind unverarbeitete,
unreife und verunsicherte Anteile, die das Bekenntnis zum Ausschluss, die
Entlarvung zur Denunziation, die Begeisterung schnell zur Verteufelung
verkommen lassen. Moralische Regeln helfen da nicht weiter. Aber Religion wird
nicht nur durch moralische und menschliche Defizite pervertiert, sondern sie
gefährdet sich auch selbst, spielt sie doch, wenn sie es ernst meint, ständig
mit dem Feuer. Ich komme noch einmal auf R. Girard zurück, gemäß dem eine jede
funktionierende Gesellschaft Gewalt produziert, und gemäß dessen Theorie den Religionen
bei der Bändigung von Gewalt eine entscheidende Rolle zukommt. Wie aber soll
dies gelingen, wenn die Praktiken des Opfers, der Verurteilung, des Moralismus
und des Ausschlusses offensichtlich ungenügend sind? Ich kann darauf keine
allgemeine Antwort geben, denn je nach Situation hat sie verschiedene
Gesichter. Die Skala reicht vom Angebot eines Vertrauens- und
Kommunikationsrahmens über die Entkrampfung egozentrischer Haltungen bis zur
Bereitschaft, ein Unrecht zu
EZW-TEXTE
Nr. 167
Seite 35
vergeben,
von der Entlarvung sozialer Missstände über den direkten Widerstand gegen
Aggressionen bis zur Installation deeskalierender Gewaltspiralen, von der
besonnenen Mitarbeit bei ethisch orientierten Aktionen über die Mitarbeit an
Modellen neuer Humanität bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens. Antworten gibt
es genug, und vielleicht gehört zur Kraft der Religionen die Mobilisierung
tiefer, nie versiegender und kreativer Motivationen.
Aber diese
Motivationen entwickelt nur, wer sich erst den Problemen stellt und sich über
sie empört. Von daher wird die ständige und oft so lästige Präsenz von Gewalt
in unseren Religionen verständlich. Mehr noch, Religionen sind die
risiko-reichste, in etwa auch die gefährlichste Unternehmung, die sich die
Menschheit denken kann, weil sie sich den lnfektionsherden der Gewalt immer
wieder zu nähern haben. Genau deshalb haben die Religionen immer wieder mit dem
Leben und dem Tod von Menschen gespielt und bezahlt. Kein Wunder, dass sie sich
immer wieder selbst infizierten und dass es zu destruktiven Explosionen
gekommen ist. Dennoch bleibt Gewalt in den Religionen die schlimmste
Verkehrung, derer sie fähig sind. Denn Religionen sind nicht nur zur
Abschaffung von Gewalt, sie sind — nahezu unmöglich und absurd
—
von ihrem Selbstverständnis her zum gewaltlosen Umgang mit ihr gehalten.
Wenn Girard recht hat, wird uns in den Religionen ein Handeln zugemutet, das
unsere Kräfte, das die Integrität unserer Herzen, das die Kräfte unseres
Glaubens übersteigt. So bleibt uns nur die Erkenntnis, dass die Religionen eine
tiefe Tragik durchzieht. Wenn Christen sich mit ihrer Jahrhunderte langen
Dominanz über andere Kulturen so tief in die Fänge der Gewalt verstrickt haben,
dann hat das mit dieser Ambivalenz zu tun.
Allerdings
enthebt diese Tragik nicht der Verantwortung und Schuld. Deshalb gilt es auch
zu sehen, dass keine der Religionen dieser Tragik einfach blind erlegen ist.
Gerade die monotheistischen Religionen haben ihren Kampf für eine friedvolle
Welt zu einem Kampf gegeneinander pervertiert. Warum konnten sie dieser
Versuchung erliegen? Auch dafür möchte ich vier Gründe nennen. Sie haben
weniger mit der besprochenen Tragik, aber alles mit dem Egoismus und dem
Provinzialismus erfolgreicher Großinstitutionen zu tun.
e. Woher kommt die religiöse Faszination des
Bösen?
Die
vorgelegten Analysen zum existentiellen Engagement zeigen positive
Möglichkeiten, die Frage jedoch bleibt, warum die unangemessene, die
destruktive Möglichkeit so oft zum faszinierend-grausamen Erfolg führt. Wenn
ich recht sehe, ergibt sich die religiöse Faszination zum Bösen aus einem
Zusammenspiel grenzenloser Erwartungen und persönlicher Unerfülltheit. Nehmen
wir als Beispiel — engagierte
Christen. Ohne Vorbehalte wünschen sie eine gerechte Gesellschaft und eine
zukunftsfähige Welt, davon hat sie die messianische Verheißung des biblischen
Glaubens überzeugt. Zugleich erfahren sie, wie schwer mit diesem entschiedenen
Willen und Hoffen, mit dem Einsatz für eine solche gerechte Zukunft zu leben
ist. Die Gefahr, dass sich dieser Wille zum Guten zum faszinierenden Zwang einer
destruktiven Welt verkehrt, ist immer gegenwärtig. Alle, die aus der Hoffnung
auf eine bessere Zukunft leben, leben offensichtlich aus der grenzenlosen und
immer gefährdeten Vision einer versöhnten Welt, also aus einem Überschuss an
Erfüllungswunsch‘ der nie eingeholt wird. Wer „nur“ die praktische Theodizee
als Ziel kennt, steht den Kampf für das Gute nicht ohne Bitterkeit und
Verhärtung durch und weiß nicht, ob er (oder sie) nicht irgendwann das Böse als
Mittel zu dessen Überwindung sucht, ob er also nicht der Faszination einer
solchen Möglichkeit erliegt.
Im
Zwiespalt zwischen einerseits einer gewaltbesetzten, vom Tode getriebenen Welt
und andererseits der Erwartung dieser versöhnten Zukunft entsteht Religion.21
Sie feiert — wenn sie dem Ansturm des Bösen nicht erliegt — die
Erfahrung, dass es trotz aller Mängel Versöhnung und Liebe hier und jetzt schon
gibt. Sie sagt uns: es lohnt sich‘ für eine bessere Welt zu kämpfen, auch wenn
der Lohn noch aussteht. Wenn wir der Psychologie glauben, besteht unsere Welt
der Vorstellungen und Hoffnungen zu sechs Siebtel aus unbewussten Träumen; sie
werden aktiviert. Religion also als Opium? Trost ist, wenn ich richtig sehe,
nur die Basis für die eigentliche religiöse Arbeit. Religionen verarbeiten vor
allem die Tatsache, dass unsere Erwartungen immer unerfüllt bleiben, dass uns
die Theodizee auch in der Praxis nicht gelingt. Zwar sind in der Regel auch sie
machtlos gegen die Tatsache, dass an diesem Punkt schon ungezählte Menschen bis
hin zu Traumatisierungen und Krankheiten leiden; in diesem Fall können sie wohl
kaum zu therapeutischen Zwecken instrumentalisiert werden.22 Aber
eine innere Grundstabilität vorausgesetzt, bewahren sie uns vor der
Faszination, die von einem unerfüllten Leben ausgeht. Für H. Küng etwa liegt
die Grenzscheide zwischen Glaube und Aberglaube genau an diesem Punkt. Wahre
Religion erkenne „als absolute Autorität nichts Relatives, Bedingtes,
Menschliches, sondern nur das Absolute selbst, das wir
21 Über die
abgrundtiefe Art, in der die Welt dem Bösen verfallen ist, bedarf es in diesem
Zusammenhang keines Beweises. Man lese nur einige aktuelle Analysen: W Sotsky, Traktat über die Gewalt,
Frankfurt a. M. 1996; W Sotsky, Zeiten
des Schreckens. Amok. Terror, Krieg, Frankfurt a. M. 2002; immer noch
lesenswert ist die Novelle von 1. Conrad
„Herz der Finsternis“ <Heart of Darkness, 1899), die Coppola in seinem
bekannten Film Apocalypse Now aufgegriffen
hat.
22
A. Gruen, Der Fremde in
uns, Stuttgart ~2001. Dass religiöse Tiefenerlehnisse in Sonderfällen die
psychische Struktur eines Menschen ändern können (Religionswissenschaften und
Theologie sprechen dann von „Bekehrung“), sei damit nicht geleugnet.
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 37
in unserer
Tradition seit unvordenklicher Zeit ,Gott‘ nennen“.23 Wo diese
Grenze unterschritten wird, beginnt der Aberglaube mit seinen gefährlichen
Folgen.
Die
totalitären Ideologien dieses Jahrhunderts und die neueren Fundamentalismen, so
R. Safranski‘ „behaupten zu wissen, was die Welt zusammenhält; sie wollen das
Ganze begreifen und greifen nach dem ganzen Menschen; sie geben ihnen die
Geborgenheit einer Festung mit Sehschlitz und Schießscharte“. Die Religion
dagegen, so Safranski weiter, „lenkt die horizontale Suchbewegung der Menschen
in die Vertikale. Wenn es Gott gibt, sind die Menschen davon entlastet,
füreinander alles zu sein. Sie können aufhören, ihren Mangel an Sein
aufeinander abzuwälzen und sich wechselseitig dafür haftbar zu machen, wenn sie
sich fremd in der Welt fühlen“.24 Von meinen eigenen religiösen
Voraussetzungen her vermute ich sehr stark, dass wir die Theodizeefrage,
nachdem sie theoretisch gescheitert und als praktisches Unternehmen höchst
gefährdet ist, nur im Blick auf Gott aushalten können — aber eben
dieser Blick auf Gott ist sogar in den Religionen nicht selbstverständlich.
Keine taugliche Religion kann den Eindruck erwecken, als löse ein jenseitiger
Gott die Probleme von Menschen, als nehme er die Last unserer Freiheit nun doch
nicht ernst. Deshalb bleibt hier ein offenes Problem. Kant stellte das Ende der
theoretischen Theodizee fest. Eine Religion, die Lösungen verspricht, muss
scheitern und Gewalt produzieren. Keine Religion kann uns verbieten, in Gott
die Abgründe der Welt zu erkennen. Die ersten Christen haben die Ankunft des
Messias zusammen mit apokalyptischen Schreckensbildern verarbeitet, die wir
heute gerne verdrängen.25 Eine ganze Christenheit konnte sich Gott
nicht ohne Satan als seinen fürchterlichen Gegenspieler vorstellen. Es war
immer die Frage, ob diese Symmetrie zwischen Gut und Böse als
Weltinterpretation oder als Weltproblem erfahren wurde.
5. Die Institutionalisierung: Kampf um die eigene Geltung
(Selbstbehauptung)
Vielleicht
spreche ich erst jetzt das gängigste und das banalste Problem der Religionen
an. Sie haben, wie wir sahen, eine doppelte Aufgabe. Sie haben das Spiel mit
dem Feuer zu wagen und sie haben es in der Weise der Selbstbescheidung und
23 H. Küng, Christentum und Chinesische
Religion, a.a.O., 85.
24 R. Safranski, Das Böse oder: Das Drama der
Freiheit, München/Wien 1997, 326f.
25 0. Marquard, Was dürfen wir hoffen, wenn wir
hoffen dürften? Eine Eschatologie, 3 Teile, Gütersloh 1993-1996; E. Schüssler Fiorenza, Das Buch der
Offenbarung. Vision einer gerechten Welt, Stuttgart 1 994.
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 38
der Sorge
für die Welt zu lösen. Daran sind bislang alle Weltreligionen gescheitert.26
Sie scheinen umso mehr zu scheitern, als sie sich institutionalisieren.
So nämlich vertreten sie ihre eigenen Interessen. So verwechseln sie ihre
Weltverheißung mit ihrer eigenen Existenz.
Jan
Assmann hat in den Analysen seines Buches „Moses der Ägypter“27 klar gemacht,
welch tiefen Einschnitt die Einführung des Monotheismus in die Welt der
Religionen bedeutet. Mit diesem Modell von Transzendenz vollzog sich ein tiefer
Einschnitt, der die Situation der religiösen Landschaft von Grund auf
veränderte. Während nach Assmanns überzeugender Darstellung die
polytheistischen vorderasiatischen Götterwelten zuvor (und danach) in einem
freundschaftlichen gegenseitigen Verhältnis standen, das von Neugier und der
Bereitschaft zur gegenseitigen Übernahme von Göttinnen und Göttern
gekennzeichnet war, entsteht jetzt ein Verhältnis gegenseitiger Konkurrenz und
der Intoleranz. Wenn es nämlich nur Einen Gott gibt, dann bedeuten weitere
Götter nicht Bereicherung, sondern Verfälschung, und dann kann die wahre
Alternative nur im Glauben an einen Anderen Gott stehen, der zu dem Einen Gott
in ungeschmälertem Gegensatz steht.
Nun muss
die Diskussion über Assmanns sicher vereinfachende Analysen erst noch geführt
werden. So ist etwa zu fragen, ob Moses den Ein-Gott-Glauben desTut-EnchAmun (= Amenophis IV.) wirklich einfach
übernommen hat. Ferner ist daran zu erinnern, dass nach exegetischen
Erkenntnissen auch der jüdische Glaube an den Einen Gott nicht das Ergebnis
eines plötzlichen Paradigmenwechsels, sondern einer nuancenreichen und lang
anhaltenden Entwicklung ist. Doch ist Assmanns Intuition im Blick auf das
langfristige Verhältnis zwischen den Religionen sicher auf der richtigen Spur.
Der monotheistisch geführte Streit um die Wahrheit zwingt bis in die Gegenwart
hinein zu kompromisslosen Alternativen. Er hat immer wieder zu Ausschlüssen und
Verurteilungen, zu harten Maßnahmen bis hin zu Gewalt geführt. Er bildet den
Hintergrund (oder doch wenigstens die Folie) ungezählter Kriege und
Auseinandersetzungen, die in den vergangenen 2000 Jahren innerhalb einzelner
Religionen und zwischen ihnen geführt wurden. Es gibt — von
Stalinismus und Faschismus abgesehen — wohl keine zweite
Institutionengruppe in der Geschichte der Menschheit, die so viel Intoleranz
und Unduldsamkeit, so viel Rechthaberei und Kriegslust‘ so viel Fanatismus und
zerstörerischen Eifer losgetreten bzw. legitimiert hat wie die monotheistischen
Religionen Christentum und Islam.
26 Angesichts
der ungeheuren technischen Möglichkeiten zur Weltvernichtung gilt das nicht nur
für die Weltreligionen, sondern auch für unsere säkularisierte, an wissenschaftlich
rationalen Idealen orientierte Kultur: G.
Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bde., München ~1992 und ~1992.
27 J. Assmann, Moses der Ägypter. Entzifferung
einer Gedächtnisspur, Darmstadt 1998.
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Seite 39
Dass diese
Entwicklung nur im Zusammenspiel mit bestimmten kulturellen Entwicklungen
möglich war, ist nicht zu bestreiten. Gewiss trugen diese Religionen auch immer
wieder Motivationen und Fähigkeiten in sich, um solche Auseinandersetzungen zu
verurteilen und zu überwinden. Islam und Christentum könnten ebenso gut und mit
viel historischem Material als Religionen der Toleranz beschrieben werden. Es
bleibt aber dabei, dass die monotheistischen Religionen im gegenwärtigen
Menschheitsgedächtnis zu den rechthaberischen und eigensinnigsten Institutionen
wurden, die es je gab. Wie ist das möglich? Ich nenne hier nur drei Gründe,
genauer gesagt:
drei
Neigungen, die in den monotheistischen Religionen zu Hause sind.
Diese Neigung
gilt noch am wenigsten für das Judentum, das sich immer ein Bewusstsein dafür
bewahrt hat, dass Gottes Wort vielfältige Auslegung eröffnet und nie auf
menschliche Einzelsätze reduziert werden kann. Sie gilt in viel stärkerem Maße
für die Geschichte des (westlichen) Christentums. In ihm setzte sich — vom
griechischen Wahrheitsverständnis des einen „Logos“ unterstützt — der
Gedanke von der einen und einzig wahren Auslegung durch. Erst seit dem 1 9.
Jahrhundert begann der Einfluss moderner Hermeneutik dieses Modell mit nur
mäßigem Erfolg aufzulösen. Dies gilt in sehr starkem Maße für das
Wahrheitsverständnis des Islam. Er besteht auf der worthaften Göttlichkeit des
Koran und widersetzt sich deshalb entschieden dem Gedanken möglicher
vielfältiger Interpretationen, der Möglichkeit von Interpretation überhaupt.28
Dass sich in solchen Atmosphären der Weg zur gewalthaften Durchsetzung
von Wahrheit immer wieder anbietet, leuchtet unmittelbar ein.
Sowohl die
christliche als auch die muslimische Religion übernahmen früh allgemeine
kulturelle Funktionen. Das Christentum wuchs zur kulturell geistigen
Einheitsklammer eines großen Staatswesens heran. Die frühen Dogmen etwa zum
28 Allerdings
gilt dieser Gegensatz nur mit Vorbehalt. Zwar beschreibt er den gegenwärtigen
außer- und weithin auch innerislamischen Konsens, doch scheint mir die darin
beschriebene Position nicht zwingend. Es gibt bemerkenswerte Ausnahmen, auch
wenn diese — auch andernorts ein bekanntes Verfahren — als
„liberal“, als „unerheblich“ oder als „unislamisch“ marginalisiert werden. Ein
für die westliche Theologie interessanter Gesprächspartner ist Mohammed Arkoun, Quvertures sur ,Islam,
Paris 1992. Bemerkenswert ist auch die erkenntnistheoretische Position des oben
genannten und immer noch hoch angesehenen Averroes. Im Blick auf die
Wahrheiten, die nach ihm mit der menschlichen Vernunft erkennbar sind, schlägt
er ein ausgewogenes lnterpretationsmodell des Koran vor. Konvergenzmodelle zwischen
Vernunft und Glaube (= Botschaft des Koran) finden sich auch im schiitischen
Islam, der im Iran seine stärkste Ausprägung gefunden hat.
EZW-TEXTE Nr. 167
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Wesen Jesu Christi hatten
die Geltung eines Staatsgesetzes. Ähnliches gilt für den Islam, der von Anfang
an zu einem hierokratischen Staatsgebilde führte. Gerade dann, wenn eine solche
Religion sich auszubreiten beginnt, wenn sie also die ursprünglichen
nationalen, kulturellen und epochalen Grenzen überschreitet, sucht sie ihre
Einheit in Wort, Lehre und Disziplin festzulegen. Ein gutes Beispiel dafür ist
die frühchristliche Figur des Paulus, der den kulturellen Durchbruch des
Christentums in den hellenistischen Raum verantwortete, begründete. So stellte
er sicher, dass die Kontinuität dieser neuen Religion unbeschädigt blieb. Das
bedeutet: Eine solche Religion, die für ihre innere Einheit sensibilisiert ist,
wird später entschieden auf ihre innere Geschlossenheit sowie auf ihre
Abgrenzung nach außen achten. Neuentwicklungen werden aufmerksam beobachtet
oder blockiert. Was in der intellektuellen Sphäre als Erweiterung des Denkens
und in der lebenspraktischen Sphäre als Reform oder Erneuerung erfahren wird,
wirkt auf die Organisation beunruhigend und als Störung. Ein Vergleich mit der
unübersehbaren — und oft nicht reflektierten —Vielfalt des Buddhismus
könnte dies genauer illustrieren.
Zu Beginn
der Darlegungen habe ich Religion als kulturelles System umschrieben und darauf
hingewiesen, dass sich Religion als solche nicht verdinglichen oder
objektivieren lässt. Sie ist nur in Beziehung zur sie umgebenden Kultur und zu
anderen kulturellen Systemen (etwa im hermeneutischen Modell von „Text und
Kontext“) zu besprechen. In diesem höchst dynamischen, immer auf Interpretation
angewiesenen Zusammenhang können (monotheistische) Religionen und/oder
Weltreligionen ihre Identität nur unter zwei Bedingungen erhalten. Sie lauten:
wachsende
Institutionalisierung und differenzierte Organisation. Rituelle und moralische
Regelungen, Lehrsysteme und die Ordnung der Zeit, der Rhythmus von Heiligem und
Profanem, von Fest- und Alltagszeiten‘ die Präsentation des Sakralen, die
Einordnung von Mystik und Prophetie‘ dies alles wird ausdrücklich codiert und
bewacht. Zugleich werden die Bewachungs-‘ Kontroll- und Handlungsorgane sorgsam
entwickelt. Ich nenne als Beispiel den besonders eklatanten Fall der
katholischen Kirche. Sie kennt eine klare innerkirchliche (wenn auch noch
vor-moderne) Struktur. Rechte und Befugnisse, Repräsentanz und
Entscheidungswege sind deutlich umschrieben. Lehrsystem und Disziplin,
Verpflichtungen und Sanktionen sind klar geregelt. Diese Gemeinschaft erfüllt
heute alle Normen einer weltweiten Großinstitution sowie einer funktionsfähigen
Organisation, auch wenn sie an ihrem Monopolismus zu zerbrechen droht.29
29 H. Küng, Das Christentum. Wesen und
Geschichte, München3 l 995, Kap. III
(336-601).
Ezw.TEXTE Nr.167
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Dass eine
solche Organisation von Religion vielleicht die grundlegenden Regeln dessen
verletzt, was wir „Religion“ nennen, tut hier ebenso wenig zur Sache wie
das Problem, dass sie — mit überzogenen Einheitsmodellen — die Einheit
des Christentums eher stört als fördert. Entscheidend ist ein anderer Punkt.
Dieser hohe Grad an Institutionalisierung und Organisation, dieses
ausgesprochene Einheitsbewusstsein wird für Absichten und Ziele einer Religion
höchst gefährlich, weil die Ziele der Religion dadurch nach innen gewendet
werden. Aus der Weltschau und Weltinterpretation wird unbemerkt Nabelschau und
Selbstinterpretation. Alle Weltreligionen bewegen sich dort, wo sie hoch
organisiert sind, auf der Kippe zwischen Glaubens- und Selbsteifer, weil diese
in der Wahrnehmung ihrer Anhänger ineinanderfallen. Sie meinen, dass sie Gottes
Willen folgen, wo sie den eigenen Vorteil voranbringen. Ein Hauch von
Egozentrik liegt dann über ihren Weltvisionen. Der Respekt vor dem Willen Gottes
oder dem letzten Sinngrund wird zum Selbstzweck.
M.E.
werden diese Gefahr und diese unmerkliche Selbstverfälschung hoch
institutionalisierter Religionen in der Regel übersehen. Solche Religionen
verdoppeln ja die Welt, re-konstruieren ihre religiöse Weitsicht etwa als
Kirchenrealität oder als Triumph des Islam. Sie meinen, die eigene (früher
militärische, heute mediale oder mentale) Welteroberung fördere den Willen
Gottes. Ihre Institutionen, die der Präsentation von Sinndimensionen zu dienen
haben, werden nach Maßstäben der Effektivität umgebaut, so als gelte es,
Sinnprodukte auf den Mark zu werfen. Die Balance zwischen gesellschaftlicher
bzw. politischer Sinnorientierung und gesellschaftlicher bzw. politischer Macht
wird systematisch gestört. Die persönliche Freiheit der Einzelnen — d.h. der
königliche Weg religiösen Einflusses auf die Weltgestaltung — wird in
wachsendem Maße missachtet. Die religiöse Inspiration einer Gesellschaft
entpuppt sich als hierokratische oder theokratische Macht.
Die Art und Weise, wie christlich evangelikale bzw. fundamentalistische Kreise in den USA neuerdings wieder ihre Ziele durchzusetzen versuchen, lässt befürchten, dass an diesem Punkt noch keine Besserung eingetreten ist. Wenn die Religionen zumal in unserem Kulturraum in den Verruf der Gewaltproduktion und der Legitimation von Gewalt gekommen sind, dann liegt dafür in dieser Überheblichkeit und in dieser Selbstüberschätzung ein entscheidender Grund. Es ist m.E. Aufgabe einer philosophischen Gesellschaftstheorie sowie einer (religionswissenschaftlich wie theologisch unterbauten) Religionstheorie, dagegen Einspruch zu erheben.
Was können
die Religionen selbst dagegen tun?
Wie wir
sahen, liegen in den Weltreligionen Friedens- und Gewaltpotentiale nahe
beieinander. Aus theologischen und aus kulturtheoretischen Gründen bin ich der
Überzeugung, dass sich die Friedenspotentiale so stärken lassen, dass sie die
analysierten Gewaltpotentiale überbieten.
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 42
Dazu
möchte ich im Schlussteil am Beispiel des Projekts „Weltethos“ von Hans Küng
einige Bemerkungen anfügen.30
III. Religionen: aus Gewalt- zu
Friedenspotentialen?
1.
Anmahnung zu Konsequenz
Religionen
setzen sich mit der Wirklichkeit im Ganzen auseinander und haben ein langes Gedächtnis,
sie sind immer in bestimmten historischen Situationen entstanden, tragen deren
Handschrift und wurden später von vielen — ebenfalls kontingenten — Bedingungen
geprägt, teils umgeschrieben, teils einfach vertieft. Religionen sind deshalb
keine rational stringenten Gebilde, auch nicht das Christentum. Ihre
Entwicklungen folgten oft sehr überraschenden, unvorhersehbaren, höchst
zeitbedingten Spuren. Elementar-religiöse Grunderfahrungen (zu denen auch
Aggression, Konfliktbereitschaft und Destruktion gehören) lösen sich mit
überlegten Interpretationen und Definitionen ab. Die Bereitschaft zu Versöhnung
steht oft neben dem Willen, Recht zu behalten und die eigenen Ziele
durchzusetzen. Im Koran, den man der Bereitschaft zur Gewalt beschuldigt, steht
eben auch, man solle Böses mit Gutem erwidern oder abwehren (Sure 13,22), mit
dem Gegner solle man „auf die beste Weise“, d.h. friedlich streiten. Jesus, der
die Feindesliebe zur Sprache brachte und als das große Vorbild der
Gewaltlosigkeit gilt (Mt 5,43-48), vertrieb die Geldwechsler aus dem Tempel. Er
sprach vom Schwert, das er statt des Friedens bringt (1 (10,34)31, und die
Geheime Offenbarung häuft Gewalt und Zerstörungsphantasien im Übermaß an. Wenn
zudem das Bibelwort gilt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt
12,33), dann wird die Lage vollends verworren. Religionen haben es, wie wir
sahen, immer mit mindestens fünf Ebenen zu tun:
30 H. Küng, Projekt Weltethos, München 1990; H. Küng(Hg.), Ja zum Weltethos. Perspektiven für die Suche nach
Orientierung, München 1995.
Wichtige
weitere Erklärungen sind:
Erklärung
der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden (1970 in Kyoto); „Nachbarn in
Einer Welt“ (UN-Kommission für Weltordnungspol itik, 1995); Allgemeine
Erklärung der Menschenpflichten (1997, Inter Action Council); Ansprache des
Papstes vom 27. April 2001 sowie
ein Bericht der 8. Vollversammlung des Ökumenischen Rates
der Kirchen (1998 Harare).
31
Allerdings kann auch hier wieder ein Gegenzitat gefunden
werden: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52).
Es hat also keinen Zweck, auf dieser Ebene einander überzeugen oder widerlegen
zu wollen.
Ezw-TEXTE Nr. 167
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(1) der elementaren Erfahrung, zu der auch die Gewalt gehört; es sind die
Verletzungen und die Aggressionen, die wir von Kindheit an erfahren, mit der
wir uns nie versöhnen und der wir uns nicht wehrlos ausliefern wollen. Auch
eine „Religion der Liebe“ kann eine solche Selbstzerstörung nicht zulassen;
(2) der Definitionsmacht über die Wirklichkeit, also deren
Einteilung in Gut und
Böse, in Besseres und
Schlechteres, in vollkommene und in unvollkommene
Wege. Die Hochreligionen
haben vielfältige, bisweilen höchst komplizierte
Regeln entwickelt, die den
Blick auf das Wesen ebenso verstellen wie
freimachen können;
(3) den speziellen Erinnerungen, von denen her solche Erfahrungen zu
interpretieren sind; man denke an die Geschichte Buddhas‘ Mohammeds oder Jesu.
Zwar will letztere eine erlösende Wirkung haben (deshalb wird sie berichtet),
aber zunächst konfrontiert auch sie mit Unrecht und Bosheit, kann also auch
wieder zu Unheil führen. Man denke an wiederholte Judenbeschimpfungen und
Judenpogrome im Mittelalter, zu denen es ausgerechnet am Karfreitag kam;
(4) den ethischen Folgerungen, die Religionen daraus für die Welt
ziehen. Mit ethischen Forderungen geht aber immer der Ruf nach Sanktionen Hand
in Hand. Deshalb werden der Beginn des Guten und die destruktive Ausrottung des
Bösen oft zu zwei Seiten derselben Medaille;
(5) der Praxis, die sich aus prophetischen Religionen ergibt. In
einer zwiespältigen Welt kann eine eindeutige Praxis nie (oder nur höchst
selten) zum einzig wahren Weg werden. Eine gute Praxis entsteht höchstens durch
ihre ständige Selbstkorrektur. In diesem Sinn bleiben auch Religionen nur sie
selbst, indem sie sich ständig verändern.
Nun sind
gerade die Buchreligionen mit vielfältigsten Texten aus vielfältigsten Ebenen
gespeist. Deshalb können sie sich einer schwierigen Aufgabe überhaupt nicht
entziehen. Sie müssen sich ständig — und in jeder Epoche neu — selbst
erklären, interpretieren, vor Missverständnissen schützen und gegen
Fehlentwicklungen abschirmen. Das ist nur in ständiger Selbstreflexion, in
ständiger Neubesinnung. und in ständiger Korrekturbereitschaft möglich. Ein
solches Projekt ist u.a. von der „Erklärung zum Weltethos“ des Weltparlaments
der Religionen im Jahr 1993 angestoßen worden. Zwar ist dieser Konsens aus dem
Jahr 1993 erstaunlich erfolgreich verlaufen.32 Es wird seine volle
Wirkung aber erst dann erzielen, wenn in den
32
H. Küng u. K. 1. Kuschel (Hg.), Erklärung zum
Weltethos. Die Deklaration des Parlaments der Weltreligionen, München/Zürich
1993.
33
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 44
Weltreligionen
die dort aufgeworfenen Fragen breit und intensiv mit dem Ziel der
Aktualisierung und Selbstklärung besprochen werden: Was wollen wir eigentlich?
Sind die Aussagen der vorliegenden Erklärung wirklich Aussagen, denen wir
konsequent zustimmen können und die mit unserer Tradition in vollem Umfang zu
vereinbaren sind? Können diese Aussagen zudem mit einer konsequenten
Interpretation unserer eigenen Tradition in Übereinstimmung gebracht werden?
2. Ruf zur Verantwortung
Natürlich
führt diese Anmahnung zur Konsequenz zu neuen Fragen. Der Vorwurf eines typisch
europäischen Universalismus wurde schon erhoben, kann m.E. aber durch den
Verweis auf die neue Weltsituation entkräftet werden. Diese Konsequenz ergibt
sich nämlich nicht aus einem aufklärerischen Rationalitätsideal. Es wird nicht
nach der aufgeklärten, allgemein menschlichen und in Nüchternheit begründbaren
Weltformel gesucht. Diese kann von Religionen schon deshalb nicht geboten
werden, weil die Welt in keiner Weise rational konstruiert ist. Verweisen lässt
sich aber auf die Tatsache, dass die Weltreligionen — mit dieser
Welt zusammen — in eine neue Epoche eingetreten sind. Zum ersten Mal
in der Weltgeschichte ist dieser Erdball, soweit von Menschen bewohnt, dabei, zu
einer Einheit zu werden. Sie zeigt sich ökonomisch und im weltweiten Netz
politischer Konstellationen, in der weltweiten Bedeutung des einen Kapitals und
in den Möglichkeiten moderner Kommunikation. Das Stichwort „Globalisierung“
muss in diesem Zusammenhang genügen.
Die
Folgerungen für die Weltreligionen zeigen sich in dreifacher Weise. Zum einen
kann sich kein kulturell-religiös geschlossener Weltteil mehr von anderen
absondern. Was in Indien, in Nigeria oder in Japan geschieht, hat seine
Auswirkungen auf uns alle; die Verantwortung der Weltreligionen hat sich
unmerklich universalisiert. Zum andern leben Anhänger aller Weltreligionen
inzwischen in allen Teilen der Welt. Was — global gesprochen — eine
Weltreligion „denkt“ oder „tut“, hat überall seine Auswirkungen. Schließlich
haben die Einflussmöglichkeiten und vor allem die Vernichtungswaffen bestimmter
Staaten inzwischen weltweite Dimensionen erreicht. Die Tötung von Menschen,
lebens-bedrohliche Armut, umfassende Manipulation von Fakten und Wahrheit sowie
die strukturelle Ungleichbehandlung ungezählter Frauen in verschiedensten
Kulturen, das sind im elementaren Sinn des Wortes universale Erscheinungen.
Widerstand dagegen kann und muss deshalb zur universalen Reaktion einer
Weltmenschheit werden. Das bringt die Weltreligionen aus der Situation
geteilter und aufteilbarer Verantwortung in die Situation einer gemeinsamen
Letztverantwortung für die
Ezw-TExTE Nr. 167
Seite 45
Zukunft
der ganzen Welt. Die Weltreligionen sind auf ihre politische Gesamtverantwortung
angesprochen und können sich ihr nicht entziehen.
Eine
gemeinsame Zukunft oder eine gemeinsame Zerstörung, das ist die Alternative.
Diese Alternative zwingt die Weltreligionen, ihre Nabelschauen bzw. ihre
Weltflucht zu korrigieren und endlich auf diese Welt zu blicken. Die
Weltreligionen haben nicht mehr für sich, sondern — entsprechend
ihren ursprünglichen Inspirationen — für die Menschheit zu
optieren. Vor diesem Hintergrund würde die genannte Erklärung des
Weltparlaments zu einem Erfolg — nicht für die Weltreligionen selbst, sondern für die
Menschheit insgesamt. Dass damit die Perspektive der Gedankenführungen und
Argumentationen drastisch eingeschränkt wurde, lässt sich nicht bestreiten.
Ebenso wenig bestreitbar ist, dass diese Perspektive — nennen wir
sie die Perspektive des Überlebens und einer humanen Menschheitszukunft — als
Leitlinie zur Beurteilung aller anderen religiösen Perspektiven und Fragen
dienen kann. Deshalb ist schon die Zustimmung zu dieser Perspektive natürlich
eine Entscheidung, zu der sich die Weltreligionen bekennen müssen. Da sich aber
alle Weltreligionen mit dem „Heil“ und mit der „Erlösung“ der gesamten
Menschheit auseinandersetzen, zweifle ich nicht an der Legitimität dieser
Perspektive. -,
3.
Einigung auf Basisstandards
Wie die
Hauptredaktoren der Erklärung des Weltparlaments immer wieder betonen, gehörte
es bei der Vorbereitung des Textes zu den großen Überraschungen, dass sich
unter den Weltreligionen eine erstaunliche Gemeinsamkeit herausgestellt hat.
Wie bekannt, arbeitet der Text unter dem umfassenden Bezugsrahmen der „Goldenen
Regel“ (die in allen großen Religionen wiederzufinden ist)33 vier
Grundforderungen heraus, die auch den Christen wohlbekannt sind und die sich
auch aus anthropologisch-ethischer Perspektive begründen und systematisch
entfalten ließen. Ich nenne die vier Aspekte hier verkürzt: (1) Eine Kultur des
unbedingten Respekts vor dem Leben, (2) eine Kultur der sozialen Gerechtigkeit,
(3) eine Kultur der Ehrlichkeit und Toleranz sowie (4) eine Kultur der
vorbehaltlosen Partnerschaft. Um diese vier Punkte baut sich ein Grundkonsens
auf, der zunächst in elementaren Standards formuliert ist.
34
Die Goldene Regel — hier in der
uns gebräuchlichen Form formuliert: „Was Du nicht willst, das man dir zufügt,
das füge auch niemand anderen zu“ — hat natürlich eine
vormodern-archaische, auf eine Gemeinschaft bezogene Gestalt. Nachzudenken ist
sowohl über die Fragen, die E. Lévinas stellte, als auch über die Folgerungen,
die sich aus den Erwartungen einer hochdifferenzierten Gesellschaft ergeben.
Ezw-TExTE Nr. 167
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Minimal
gesehen geht es um
(1) ein prinzipielles Tötungsverbot. Konflikte können nicht mit Mord oder
einer Gewalt gelöst werden, die die Integrität menschlichen Lebens
beeinträchtigt;
(2) den Kampf gegen eine soziale Ungleichheit unter den Menschen, die
ein angemessenes Leben unmöglich macht;
(3) die Ablehnung von Lüge, Manipulation und Korruption, dies in einem
Zeitalter, in dem die Medien einflussreicher sind als je zuvor;
(4) die Einforderung menschlich ebenbürtiger Beziehungen zwischen
Starken und Schwachen, konkret: zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und
Kindern, Alten und Jungen, Gesunden und Kranken.
Nachdem
diese Regeln einmal ausgesprochen sind, werden sie von gemeinsamen (und
allgemein klingenden) Orientierungskategorien zu Katalysatoren weiterer
Diskussionen. Zur Debatte steht in jedem Fall die Frage, wie diese
Orientierungskategorien in einzelnen Kulturen auszugestalten sind und was die
Weltreligionen — im Blick auf eine gemeinsame Weltsituation — auf
Weltebene, auf der Ebene der Staaten sowie (wichtiger noch) auf der Ebene
zwischen- oder überstaatlicher Organisationen, für politisches,
wirtschaftliches und kommunikatives Handeln einfordern wollen. Dass es um
gemeinsame Grundüberzeugungen geht, ist inzwischen unbestritten. Dass diese
Grundüberzeugungen den Status reiner Forderungen überschreiten, lässt sich an
der Tatsache zeigen, dass die genannten Werte als tiefe Motivationen und in
fest verankerten Codes in den Weltreligionen schon längst anwesend sind. Eine
verantwortliche Weltpolitik tut gut daran, diese mächtigen Ressourcen zur
Kenntnis zu nehmen und für die eine gemeinsame Weltzukunft zu aktivieren.
4. Einander beim Wort nehmen
Die
Weltreligionen entwickelten sich durch Jahrhunderte, wenn nicht gar durch
Jahrtausende in relativ geschlossenen Kulturraumen. Auseinandersetzungen mit
anderen Religionen fanden (vom Judentum der vergangenen 2000 Jahre abgesehen)
vor allem an den Rändern der Kulturen statt, also an Verwerfungslinien, die
immer wieder zu kritischen Situationen geführt haben. Unter diesen Bedingungen
war es beinahe selbstverständlich — und konnte auch nicht zum
Vorwurf gemacht werden ,dass sich diese Religionen nach innen wendeten und
interessenbedingte Interpretationen entwickelten. Unter Berufung auf „Gott“,
auf „Offenbarung“ oder auf „höhere Prinzipien“ entzogen sie sich
interreligiösen Diskussionen.
Ezw-TExTE Nr. 167
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Eine
Ausnahme bildet allenfalls das Christentum, das sich seit Jahrhunderten zum
Herrn anderer Völker und Kontinente aufwarf und deren eigene Kulturen gerade
nicht ernst nahm.
Wenn
gerade dieses Christentum dann in Sachen Menschenrechte,
Gewaltlosigkeit und Friedensbereitschaft in den vergangenen Jahrzehnten dennoch
einen hohen Standard erreichte, dann ist das nicht das eigene Verdienst des
Christentums, ebenso wenig ein Zeichen dafür, dass es eben doch die bessere
unter den Religionen ist. Für diese glückliche Entwicklung gibt es drei Gründe.
Zum einen ist es die Schuld- und Katastrophengeschichte der sogenannten
christlich-europäischen Kultur. Zumal die beiden Weltkriege und die Katastrophe
der Schoa führten vor Augen, dass die alte Strategie der Macht und der
Rechthaberei gescheitert ist. Ferner ist es eine Epoche von nunmehr fünfzig
Jahren in relativem Wohlstand und politischer Ruhe. Diese gaben die Möglichkeit
zum Atemholen und einer Besinnung, die ihre Bewährung erst noch bestehen muss.
Schließlich gibt es einen dritten Grund, der m.E. der wichtigste ist. Dieser
relativ hohe Standard des Bewusstseins ist das Verdienst langer und
schmerzlicher Diskussionen, mit denen die Kirchen überzogen wurden, die sich
als die offiziellen Sprecherinnen des Christentums verstehen. Nennen wir sie in
allgemeinen Stichworten: Aufklärung, Religionskritik und Säkularisierung.
Heute, nachdem solche Kritiklinien in hohem Maße zum Abschluss gekommen sind
und nachdem sie von vielen Christinnen und Christen akzeptiert werden, wissen
wir um deren unschätzbaren Nutzen und Wert. Das Christentum ging daran gerade
nicht zugrunde, sondern hat daraus unendlichen Nutzen gezogen.
Es ist das
Verdienst der genannten Erklärung, dass sie zum ersten Mal zu einer gemeinsamen
Stimme zwischen den Weltreligionen geführt hat. Unter der Hand ist damit aber
auch etwas geschehen, das viele noch nicht bemerkt haben. Indirekt, aber auch
faktisch haben die Weltreligionen das Recht und die Pflicht erhalten, einander
auf ihr Verhalten und Handeln anzusprechen. Zudem ist unbestreitbar (und in der
Erklärung auch zum Ausdruck gebracht), dass die genannten Standards als solche
auch von nichtreligiösen Plattformen aus formuliert und verteidigt werden
können; schließlich geht es um nichts anderes als um Menschlichkeit. Jede
Weltreligion also, die öffentliche Geltung beansprucht, muss sich von anderen
Religionen und von anderen Positionen aus auf ihr Verhalten ansprechen lassen.
Das wird auf die Dauer nicht einfach sein. Wo aber die Zukunft der Menschheit
in Frage steht, gibt es keinen anderen Weg. Solch ein Weg weltweiter
Aufklärungsarbeit ist schwer. Es gibt aber keinen besseren, der die
Weltreligionen zu steter Selbstklärung und Selbstreinigung führen kann. Ich bin
zutiefst davon überzeugt, dass ein solch umfassender Kommunikationsprozess den
Friedenspotentialen der Religionen schließlich zum Sieg verhelfen wird.
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